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Ausstellung: CSU berauscht sich an Strauß-Festspielen

Ist's der CSU nicht wohl zumute, erinnert sie die Welt und sich an ihre glorreichen Zeiten - und vor allem an den größten ihrer Helden: Dr. h.c. Franz Josef Strauß. In Berlin hat die Partei mit Pomp und Getöse jetzt eine Strauß-Ausstellung eröffnet - die Feier gewährte tiefe Einblicke in den Gemütszustand der Straußschen Erben vor der Wahl im Herbst.

Von Hans Peter Schütz

So eindringlich ist in Berlin schon lange nicht mehr an die CSU erinnert worden. An ihre Stärke. Daran, wie eindrucksvoll sie sein kann. Welch politisches Kraftzentrum im Bund und in Bayern sie darstellt. Doch das war einmal. Vor 20 Jahren. Zu den Zeiten von Franz Josef Strauß. Vor jenem 3. Oktober 1988 als er mit 73 Jahren an einem Herz- und Kreislaufkollaps starb, nach einer Hirschjagd.

Strauß-Poster im Schlafzimmer

Die Berliner Landesvertretung des Freistaats führt in diese Zeiten zurück. Mit einer Gedenkausstellung an "Dr. h.c. Franz Josef Strauß - Ein deutsches Leben." Dass das jetzt schon stattfindet, und nicht erst ab dem eigentlichen Todestag, lässt sich erklären. Im Oktober wird die Ausstellung in München stehen. Also muss der Berliner Politik aus rein terminlichen Gründen FJS jetzt nahe gebracht werden. Wird gesagt. Glauben sollte man es nicht.

Eingeladen in die Landesvertretung hat Staatsminister Markus Söder, früher CSU-Generalsekretär und später vielleicht einmal Ministerpräsident von Bayern. In die Partei eingetreten ist er allein wegen Strauß im Januar 1983, nachdem der auf dem Nürnberger Hauptmarkt geredet hatte. Als Jugendlicher hing ein großes Strauß-Poster in seinem Schlafzimmer. Was seine Freundin arg störte. Doch Strauß blieb an der Wand, die Freundin wurde ausgewechselt.

Und noch heute schwärmt Söder: "Er hat aus der CSU eine Partei gemacht, die prägende Kraft über Bayern hinaus war." Die aktuelle politische Botschaft, die Söder anhängt, ist eindeutig in einer Situation, in der die CSU ihre absolute Mehrheit im Herbst verlieren und auf den kläglichen Status einer christsozialen Regionalpartei zurückstürzen könnte. "Strauß hat für ein klares Profil gegenüber der CDU gesorgt. Diesem Erbe sehen wir uns verpflichtet."

Stoiber gerät ins Schwärmen

Es spricht Edmund Stoiber, der Strauß seine gesamte politische Karriere verdankt. Auch ihn scheint die Erinnerung ans Gestern zu rednerischem Höhenflug zu tragen. Kein einziges "Äh", nicht ein Schachtelsatz, der im Nirgendwo endet. Zwei, drei Stunden, seufzt der CSU-Ehrenvorsitzende, würde er gerne über Strauß reden. Doch er habe nur 30 Minuten. Und braucht dann doch ein wenig länger.

Denn Strauß habe er fast alles zu verdanken. Sein Lehrmeister sei er gewesen. Ein Mann, "der zu jeder Sekunde strategisch gedacht hat." Ein Politiker, dessen Kanzlerkandidatur 1980 ein Signal gewesen sei für die Einheit der Union. Redet in Bayern noch jemand darüber, dass Stoiber 2005 vor Berlin und dem Kabinett Merkel geflüchtet ist? Wenn schon, sagt der Ex-Chef der CSU, dann müsse er daran erinnern, dass Strauß auch nicht in ein Kabinett des Helmut Kohl eingetreten sei.

Vor Stoiber in der ersten Reihe des Publikums sitzen die Strauß-Kinder Monika und Franz Georg; den skandalbelasteten Bruder Max haben sie lieber zuhause gelassen. Sie applaudieren begeistert zu jedem Stoiber-Satz. Dass Strauß nach der Devise Politik gemacht hat "Entscheidend ist nicht, was ankommt, sondern worauf es ankommt." Dass Strauß gesagt hat: "Schaut dem Volk aufs Maul, aber redet ihm nicht nach dem Mund." Und dass Strauss der CSU-Prominenz geraten hat: "Wir müssen uns auch in der Kaviaretage bewegen. Aber zuhause sind wir in der Leberkäsetage." Es entsteht das schwärmerische Bild eines traumhaften CSU-Politikers. Der Ende 1987 ohne Ankündigung in der Öffentlichkeit bei schlechtestem Wetter selbst nach Moskau flog und unterwegs seine Begleiter mit der Botschaft erschreckte "Wir haben bald kein Benzin mehr." Als Michail Gorbatschow ihn fragte, ob er das erste Mal in der Sowjetunion sei, antwortete Strauß: "Das erste Mal bin ich nur bis Stalingrad gekommen."

Wo sind die Nachfolger?

Das Publikum ist fasziniert, erfreut, betroffen, beglückt. In den Gesichtern lässt sich lesen: So einen bräuchte die CSU wieder einmal. Einen Mann mit beispielloser Sprachgewalt, wie ihn die Ausstellung feiert, als "einen Mann mit barocker volkstümlicher Art und einer visionären Politik." Natürlich sind die Skandale des Franz-Josef Strauß weitgehend ausgeklammert. Zu sehen sind die sechs dickleibigen Buchbände, in denen die Artikel gesammelt sind, die bei seinem Tod veröffentlicht wurden. Ausgestellt werden die ersten beiden Seiten seiner Memoiren, die er vor seinem Tod noch selbst redigiert - und an den "Spiegel" verkauft hat, dem er seine schwerste politische Niederlage verdankte. Und zu lesen sind einige der mehr als 10.000 Briefe, in denen politisch Verfolgte aus der DDR ihn gebeten haben, sie freizukaufen, was er in zahllosen Fällen auch erreicht hat.

Was wäre wenn? Heute einer wie Strauß an der Spitze der CSU? Auf der Eröffnungsfeier läuft auch ein kleiner Film über die Beerdigung von Strauß. Erwin Huber, sein Nachfolger an der CSU-Spitze, darf genau vier Sekunden lang reden. Günther Beckstein, sein Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten, war sechs Sekunden auf Sendung. Anwesend war keiner von beiden.

Eleganter hätte man den Gewichtsverlust der Strauß-Nachfolger nicht dokumentieren können.