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Bergmanns Bericht: Kindesmissbrauch - Zeit zu handeln

Kindesmissbrauch ist ein grauenhaftes Verbrechen - gleichwohl sind die Gesetze lasch. Der Bericht der Anti-Missbrauchs-Beauftragten Christine Bergmann diktiert der Politik die Hausaufgaben. Gut so.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Der Abschlussbericht von Ex-Bundesministerin Christine Bergmann zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs verdient Respekt - und das vielfach. Wegen seiner ehrlichen Beschreibung dieses Problems. Wegen der Vorschläge für den überfälligen Ausbau der Therapie- und Beratungsangebote für die Opfer. Und wegen des präzisen Handlungskatalogs für die Politik.

Es könnte jetzt endlich ehrlich gehandelt werden bei einem Thema, das über Jahrzehnte hinter schall- und blickdichten Mauern des Verdrängens versteckt worden ist. Und es muss jetzt gehandelt werden, da sich im Umgang mit dem dramatischen sexuellen Missbrauch in Institutionen, Familien und Schulen wieder die altbekannte Schweigespirale in Bewegung zu setzen scheint.

Verjährungsfristen schützen Täter

Die betroffenen Institutionen – vor allem elitäre Schulsysteme und die katholische Kirche, laut Bergmann-Bericht an 45 Prozent aller Missbrauchsfälle in Institutionen beteiligt - versuchen, sich aus ihrer Verantwortung zu stehlen. Das Gesetz hilft ihnen bislang dabei: Zwar ruht die Verjährung des sexuellen Missbrauchs eines Kindes bis zu dessen 18. Lebensjahr, danach aber verjährt er rasch. Rundum ungeklärt sind auch die Wege sinnvoller Wiedergutmachung oder wirkungsvoller Rehabilitation.

An der Politik liegt es nun, den überfälligen Ausbau des Strafrechts voranzutreiben. Der Grundtatbestand des sexuellen Missbrauchs für Rückfalltäter, bei Lehrern, Pfarrern und sonstigen Betreuern, muss zum Verbrechen aufgewertet werden. Wer Kinder missbraucht, ist kein Autofahrer, der mal ein bisschen zu schnell fährt.

Pflicht, die Strafverfolger zu informieren

Die dezenten Widerstände etwa der katholischen Kirche und ihr schwächlicher Aufklärungswille sind nicht akzeptabel. Unzüchtige Gedanken von kleinen Jungs wertet sie bereits als beichtpflichtige Sünde, die Vergewaltigung von ihr anvertrauten Kindern durch die Pfarrer offenbar als nebensächliches Delikt. So ist es vorgekommen, dass straffällig gewordene Mitarbeiter von der Kirche vor Strafverfolgung geschützt und später wieder im Bereich der Kinderbetreuung eingesetzt worden sind.

Wer wegen Sexualdelikten an Kindern verurteilt worden ist, dem muss jegliche Tätigkeit in Erziehung, Ausbildung und Betreuung von Minderjährigen verboten bleiben, auch ehrenamtliche Tätigkeiten in Vereinen. Und speziell bei den Kirchen und Schulen muss eine gesetzliche Verpflichtung her, die Strafverfolgungsbehörden zu informieren. Denn gerade hier wurde ist in zahllosen Fällen Missbrauch systematisch vertuscht. Es hätte ja einer den Stab über die Kirche brechen können - oder die betroffene Privatschule hätte ihre gepfefferten Internatspreise senken müssen.

Sexualität ist Sünde

Der Runde Tisch Sexueller Kindesmissbrauch sollte über längere Zeit aufrecht erhalten werden, um ehrlichen Rat zu geben. Ohne diese unabhängige Stelle könnte die sachgerechte Umsetzung von Vorschlägen gefährdet sein. Dass die Politik ihre gesetzgeberischen Pflichten in diesem Bereich, teilweise aus ideologischen Gründen, lange vernachlässigt hat, lässt sich nicht bestreiten. Die Gesellschaft weiß jetzt, wie groß die Not vieler Kinder ist. Jetzt muss endlich die Hilfe für sie effektiv und ohne moralische, pädagogische oder religiöse Tarnmäntelchen organisiert werden.

Über sexuellen Missbrauch ohne Bemäntelung zu reden und dagegen zu handeln, muss auch die deutsche Gesellschaft erst noch lernen. Dass man ihren Kindern in der Schule einbläut, Sexualität sei Sünde, ihnen aber dann ein Helfer- oder Traumatherapiesystem verweigert, wenn sie Opfer von Sexualverbrechern geworden sind, das ist auch ein Ergebnis langjährigen politischen Versagens. Jetzt kann die Politik endlich handeln.