Berlin vertraulich! Stoibers Kindheit ist an allem Schuld


Alt-Bundespräsident Roman Herzog versucht sich als Psychoanalytiker: Die Kindheit sei Schuld an Edmund Stoibers Arbeitsbessessenheit, meint er. Und auch Gabriele Pauli und Peter Ramsauer verbindet ein frühes Erlebnis.
Von Hans Peter Schütz

Womit sich Wirtschaftsminister Michael Glos, CSU, derzeit beschäftigt, ist kein verspäteter Aprilscherz. Er will bis zu 20.000 Euro ausgegeben für ein verfassungsrechtliches Gutachten. Das wissenschaftliche Werk aus Kopf und Computer des Professors Michael Uechtritz (Universität Stuttgart) soll die Frage untersuchen, ob es verfassungsrechtlich in Ordnung geht, dass bislang die Bürger die Tüten, in denen sie ihre Brötchen beim Bäcker mitnehmen, nicht zurück bringen müssen.

Die Bäcker halten eine solche Rücknahmeverpflichtung, die auch von Umweltminister Gabriel (SPD) gefordert wird, im Blick auf ihre kleinen Gewinnspannen für schlichten Unsinn. Die Bürokraten vermuten einen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz, weil für andere Lebensmittelhersteller eine Rücknahmepflicht im Wege des dualen Systems und der Gelben Tonne besteht. Das Urteil des Professors steht noch nicht fest, aber jenes der FDP-Abgeordneten Ulrike Flach, die vom Wirtschaftsministerium genauere Auskunft erbeten hatte: "Dieser Unsinn zeigt, wie Minister Glos das Geld der Steuerzahler zum Fenster hinauswirft. Ein verfassungsrechtliches Gutachten über die Rücknahme von Brötchentüten ist so überflüssig wie Ölsardinen auf einem Buttercroissant.

Nach den Problemen seiner Beamten mit einer Werbeagentur zeigt Glos erneut, dass er seinen Laden nicht im Griff hat." Der Aberwitz: Die Glos-Beamten sollen sich auch ohne Gutachten längst sicher sein, dass ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz vorliegt - und die Bäcker künftig auch übers Duale System entsorgen müssen. Wie wäre es, wenn man diese ganze Bürokratie ebenfalls in die Tonne treten würde?

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Oft hat die CSU ihren Noch-Vorsitzenden Edmund Stoiber in der Vergangenheit mit dem Satz gehänselt, eine dicke Akte sei ihm lieber als eine schöne Nackte. Eine leicht sarkastische Begründung, weshalb Stoiber so pflichtbesessen Politik gemacht hat, danken wir jetzt Altpräsident Roman Herzog. Der gebürtige Niederbayer analysiert den Oberbayer Stoiber so: "Edmund Stoiber ist von seiner Mutter und drei Schwestern groß gezogen worden. Das Ergebnis ist ein kindlicher Ehrgeiz." Das ist keineswegs so bierernst persönlichkeitsanalytisch gemeint, wie es klingt. Man muss bedenken, dass Herzog sich selbst gerne "unstillbare Spottlust" bescheinigt.

Dieselbe macht auch vor ihm selbst nicht halt. Herzog sagt zum Beispiel über Herzog: "Ich kann nicht lügen, weil ich mir nicht merken kann, was ich früher gesagt habe." Mit Blick auf Helmut Kohl danken wir Herzog den schönen Spott: "Wenn wir uns auf die Waage stellen, sieht man die Ähnlichkeit." Für die Zukunft des Alt-CSU-Vorsitzenden Stoiber prognostiziert Herzog: "Stoiber wird alles tun, um nicht vergessen zu werden." Das dürfte Herzog vermutlich allen Ernstes gesagt haben.

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Was verbindet den Berliner Landesgruppenchef Peter Ramsauer und die CSU-Rebellin Gabriele Pauli sehr freundschaftlich seit langem? Frau Pauli war vor ihrer Zeit als Landrätin einmal Verlegerin und hat in ihrem Verlag die Doktorarbeit von Ramsauer ("Wirtschaftliche Ziele und Effekte der Gebietsreform in Bayern") gedruckt.

Was die Arbeit, außer dem Inhalt natürlich, auszeichnet: Sie ist in CSU-Grün und CSU-Blau gebunden. Was sie natürlich ganz besonders lesenswert macht. Auch Frau Pauli besitzt den Doktortitel. Sie promovierte über das Thema "Strategische Öffentlichkeitsarbeit politischer Parteien - zur Praxis der CSU." Man könnte fast auf den Gedanken kommen: Ramsauer wie Pauli haben schon damals ihre politischen Karrieren fest im Visier gehabt.

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Ist denn Erwin Huber ein bundespolitischer Amateur, wie Konkurrent Seehofer zuweilen sagt? Nein antwortet der CSU-Bundestagsabgeordnete Georg Fahrenschon: "Wenn Erwin Huber das ist, dann kann Michael Schumacher nicht Autofahren." In der Tat sammelt der Niederbayer und mutmaßliche nächste CSU-Vorsitzende bundespolitische Erfahrungen seit 20 Jahren, mal als CSU-Generalsekretär, mal als CSU-Chefunterhändler im Vermittlungsausschuss von Bundesregierung und Bundesrat. Huber selbst hält die Unterstellung des Kontrahenten Seehofer natürlich ebenfalls für kompletten Unsinn.

Im Gespräch mit stern.de verweist er darauf, dass die Machtstrategin Angela Merkel einem solchen "Amateur" wohl kaum den Posten des Kanzleramtsministers angeboten hätte. Da er 2005 aber kein Bundestagsmandat gehabt habe, habe er das Angebot abgelehnt. Doch natürlich werde er nach der Bundestagswahl 2009 aus der bayerischen Politik nach Berlin wechseln. Und die harte Tour für die Berliner Bühne beherrscht Huber als geborener Niederbayer sowieso.

Über Vizekanzler Franz Müntefering, hat er einmal gesagt, der lasse ihn "sofort an Magengeschwüre und Gallenkolik denken." Bleibt nur zu hoffen, dass die CSU 2009 nicht wieder zu einer Koalition mit der SPD gezwungen wird. Man müsste sich sonst ernstlich Sorgen um die Gesundheit des Erwin Huber machen. Bei so viel gallenbitteren Gedanken.


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