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Bevölkerungswanderung: Ödnis im Osten

Bis zu 50 Prozent seiner heutigen Bevölkerung wird Deutschlands Osten langfristig einbüßen. Diese Prognose wagen Forscher des Leibniz-Instituts für Länderkunde in Leipzig. Nun fordern sie Mut zum gekonnten Schrumpfen.

Der Osten Deutschlands wird langfristig mehr als die Hälfte seiner Bewohner verlieren. Diese Prognose ist das Ergebnis laufender Forschungen des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL) in Leipzig. Nach ihren Untersuchungen stehen im Osten wenigen "Stabilitätsinseln" große Bereiche mit starken Bevölkerungsverlusten gegenüber.

Wie es weiter hieß, beginnen auch die Räume rund um die großen Städte wieder zu schrumpfen, die Mitte der 90er Jahre noch einen deutlichen Bevölkerungszuwachs erlebt hätten. In der Gesamtbetrachtung zeigte sich laut IfL, dass in Ostdeutschland in den letzten Jahren ein fast flächendeckender Schrumpfungsprozess eingesetzt hat, während die Bevölkerungszahl in den meisten Regionen der alten Bundesländer im zurückliegenden Jahrzehnt gestiegen sei. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes haben seit 1991 rund zwei Millionen Ostdeutsche die Koffer gepackt. Die Möbelwagen rollten vor allem in die wirtschaftlich starken Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg, Niedersachsen oder nach Nordrhein-Westfalen. Die nüchternen Daten belegen auch: Vor allem jüngere Leute, Frauen und gut Ausgebildete gehen fort. Aus der "demographischen Schrumpfungslandschaft" im Osten träten nur einige Regionen positiv hervor.

Die großen Städte bleiben attraktiv

Diese so genannten "Stabilitätsinseln" sind den Angaben nach die Stadtregionen Berlin, Dresden, Leipzig und die thüringische Städtereihe. Auf Grund ihres positiven Images und ihres vergleichsweise attraktiven Angebots an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen weisen diese Städte nur geringe Wanderungsverluste an die alten Länder und somit stabile bis leicht ansteigende Bewohnerzahlen auf. Auch kleinere Gebiete entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und der Ostseeküste sind attraktiv genug, um ihre Bevölkerung zu halten.

Die Problemräume der Zukunft wittern die Experten des Leibniz-Instituts hingegen in "altindustriellen Regionen von Dessau bis Gera, von zu DDR-Zeiten industrialisierten ländlichen Regionen entlang der Grenze zu Polen und von ländlichen peripheren Räumen wie zum Beispiel in Vorpommern". Städte wie Cottbus, Halle und Dessau verlieren nach Angaben der Wissenschaftler allein durch die Westwanderung jährlich mehr als zwei Prozent ihrer Bevölkerung. Nach einer in diesem Jahr veröffentlichten EU-Studie gehören Halle, Frankfurt (Oder), Schwerin und Magdeburg im europäischen Vergleich zu den zehn Städten mit dem größten Bevölkerungsverlust im Zeitraum 1996 bis 2001. Die Konsequenzen sind leer stehende Wohnungen - allein der Wohnungswirtschaftsverband in Thüringen spricht von 52 000 - und überall Schilder "Büro- und Gewerberäume provisionsfrei zu vermieten".

Dabei sind die Prognosen zur wirtschaftlichen Zukunft des Ostens gar nicht so schlecht. Vor allem die Industrie holt auf, während Bau, Handwerk und öffentlicher Dienst Stellen streichen. In der ersten Jahreshälfte war das Industrie-Umsatzwachstum mit 8,0 Prozent deutlich höher als in den alten Ländern mit 5,1 Prozent. Der ehemalige Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Rüdiger Pohl, sieht eines der größten Handicaps des Ostens deshalb in seinem "Verliererimage". Doch als industrielle Hochburgen, wie Leipzig mit zwei neuen Autofabriken oder Dresden mit der Halbleiterindustrie gelten nur wenige Regionen. "Wo bisher nichts ist, kommt auch nicht mehr viel", befürchten viele Menschen.

Gute Aussichten für Berlin und Dresden

Auch eine Abstimmung unter stern.de-Usern im Umfeld der großen Onlineumfrage Perspektive-Deutschland, die in diesem Jahr den Stärken und Schwächen deutscher Regionen auf die Spur kommen will, zeichnet ein ähnliches Bild: Nach über 20.000 abgegebenen Stimmen zum Thema "Wo wollen Sie leben?" liegt Berlin auf dem zweiten, Dresden auf dem vierten Platz. Schlusslicht der Abstimmung bildet die Region zwischen Dessau und Halle/Saale, die im jährlichen Perspektive-Deutschland-Abschlussbericht ebenfalls schon seit zwei Jahren auf dem letzten Platz liegt.

"Sollte der aktuelle Abwanderungstrend bis 2050 anhalten, würde das bedeuten, dass die Bevölkerung in großen Teilen Ostdeutschlands sich gegenüber heute um mehr als die Hälfte reduziert", warnten die Wissenschaftler. Dabei unterstrichen sie, dass dies keineswegs ein Horrorszenario sei.

Umdenken in der Raumplanung ist gefragt

Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, fordern die Bevölkerungsexperten ein Umdenken in der ostdeutschen Raumplanung: vom Wachstum zur Schrumpfung. Innovative Konzepte für nachhaltige Rückzugsstrategien aus der Fläche seien gefragt. Dies verlange den Mut der Politik, notwendige Maßnahmen rechtzeitig zu ergreifen, die Bevölkerung ausreichend zu informieren und, falls nötig, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen, meinten sie.

mit Material von AP und DPA