Buchpräsentation Helmut Schmidt ist niemals außer Dienst


Am Mittwochabend kamen 700 Gäste ins Berliner Ensemble, um Helmut Schmidt bei der Präsentation seines neuen Buches zu sehen. Der Altkanzler sprach über Deutschland, Amerika und die Finanzkrise. Zur Tagespolitik wollte er sich nicht äußern - und tat es letztlich doch.
Von Sebastian Christ

Am auffälligsten ist, dass da nichts ist. Kein Rascheln, kein Hüsteln, kein Tuscheln. Männer mit teuren Anzügen und Armbanduhren stützen nachdenklich mit der flachen Hand ihre geneigte Wange ab. Andere schauen fast verträumt nach vorne, in entspannter Haltung, ein wenig gedankenverloren. In den Logen sitzen junge Frauen, die sich halb über die Brüstung lehnen und ihre Ellebogen in das rote Polster am Sims drücken, während sie nur und wirklich nur zur Bühne schauen.

Am Kopf des stuckverzierten Saales des Berliner Ensembles spricht Helmut Schmidt, Bundeskanzler von 1974 bis 82. "Es würde mich sehr wundern, wenn nicht die finanziellen Probleme eine sehr große Rolle für den neuen US-Präsidenten spielen würden. Dies wird seine Hauptaufgabe sein, und er wird diese Probleme nur unter sehr großen Schwierigkeiten lösen können", sagt er. Oder: "Toleranz unter den Religionen wird in meinen Augen eine der entscheidenden Aufgaben des 21. Jahrhunderts sein." Die Leute klatschen.

Fragestunde zum Zustand der Welt

Eigentlich war der Abendtermin als Präsentationsveranstaltung für Schmidts neues Buch "Außer Dienst" geplant. Um das Buch ging es aber nur am Rande: Was Fernsehmoderator Claus Kleber mit dem Altkanzler am Mittwochabend auf der Bühne zelebrierte, war eine Fragestunde zum Zustand der Welt. Fast 20 Jahre nach der Wiedervereinigung lässt sich halb Deutschland die schier unüberschaubare Globalisierungsära von einem Mann erklären, der 26 Jahre nach seinem politischen Sturz so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner der Republik geworden ist. Wo Schmidt ist, da brennt das wärmende Lagerfeuer, an dem sich alle versammeln können.

Das, was er sagt, könnten andere freilich auch so sagen. Es ist die Art und Weise, wie Schmidt seine Gedanken zum Ausdruck bringt. Es scheint, als ob der ganze Saal ihm förmlich die Gedanken von den Lippen ablesen wollte, noch bevor er sie langsam mit Hamburger Dialektfärbung ausspricht. Der Weg zur moralischen Instanz ist ein langer. Schmidt ist 89 Jahre alt. Und "außer Dienst" war er seit 1982 ohnehin nie so richtig.

"Als jemand, der den Zweiten Weltkrieg von Anfang bis Ende miterlebt hat, bin ich vielleicht vorsichtiger als manche, die heute regieren", sagt der SPD-Politiker - mit Bezug auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Schmidt äußert Bedenken am Vorgehen der Nato während des Einsatzes in Jugoslawien Ende der 90er Jahre. Claus Kleber fragt: "Würden wir in einer besseren Welt leben, wenn Europa im Kosovo und in Afghanistan nicht interveniert hätte?" Antwort: "Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ohne ein funktionierendes Völkerrecht den bewaffneten Konflikten Tür und Tor geöffnet wären. Die von ihnen genannten Operationen waren ohne Legitimation und deshalb höchst zweifelhaft."

Cola und Aschenbecher

Die Bühne ist in blaues Licht getaucht. Zwei Stahlrohrsessel stehen da, dazu zwei einfache Holztische. Schmidts Gehstock liegt parallel zur Armlehne auf dem Boden, auf seinem Tisch stehen ein Glas Cola und ein Aschenbecher. In der Loge rechts neben der Bühne sitzt Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Auch Klaus Bölling ist gekommen, Schmidts ehemaliger Regierungssprecher.

Viele Fernsehteams sind da. Ein Kameramann muss zum Wechseln der Videokassette einen Klettverschluss abreißen. Dutzende der etwa 700 Gäste im Saal drehen sich um und sehen ihn böse an.

Ein Hauptthema des Gesprächs zwischen Schmidt und Kleber war die aktuelle Finanzkrise. "Wir werden diesmal erleben, dass wir mit steigenden Zinsen auch eine steigende Inflation haben werden." Und dann, ein wenig düster, mahnend: "Die Tatsache, dass die Welt nicht mit der Weltwirtschaftskrise fertig wurde: 1930, 31, 32, 33, 34… Das hat dazu geführt, dass es jemanden wie Hitler gegeben hat."

Zufrieden mit Machtwechsel bei der SPD

Schmidt macht eine kurze Pause und führt das Cola-Glas zum Mund. Ein Mann im Publikum flüstert seiner Begleiterin zu: "Cola, Cola!" Als ob es eine Eilmeldung wert wäre.

Was Schmidt vom Machtwechsel bei den Sozialdemokraten halte? "Ich weiß nur aus dem Fernsehen, was da stattfand. Aber mit dem Ergebnis bin ich zufrieden." Kleber hakt nach, will noch mehr zu Schmidts Eindrücken vom Zustand der Sozialdemokratie in Erfahrung bringen. Erfolglos. Schmidt antwortet gelassen: "Ehrlich gesagt ist das Tagespolitik, Herr Kleber, dazu möchte ich mich nicht äußern."

Erste Zigarette nach einer Stunde

Seine erste Zigarette zündet er sich erst nach einer Stunde an. Ein Moment, in dem das Publikum für einen Moment aus seiner Zuhörhaltung herausgerissen wird: Schmidt fummelt die Schachtel Reyno Menthol aus der linken Innentasche seines Anzugs und greift nach dem Feuerzeug. Auf der Theaterbühne sagt Kleber: "Die Rolle des Helmut Schmidt ohne Zigarette darzustellen, das schafft noch nicht einmal Helmut Schmidt."

Während der Altkanzler weiter im Berliner Ensemble über Weltpolitik und Sorgen von morgen spricht, fällt der Dow Jones um mehr als vier Prozent. Die US-Investmentbank Morgan Stanley prüft eine Notfusion mit dem Finanzhaus Wachovia, und im Jemen gab es einen Anschlag auf die US-Botschaft. Der größte Gewinn an einem Abend mit Helmut Schmidt ist vielleicht, dass all diese Nachrichten nachher ein Stück weiter entfernt zu sein scheinen.


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