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Burkina Faso: Wie Steinmeier einen rein meierte

Tor, Tor, Toooor! Außenminister Frank Walter Steinmeier hat in Burkina Faso einen Elfer versenkt. Zuvor wurde er fälschlicherweise als Ex-Spieler des Husumer SV begrüßt - eine kleine protokollarische Peinlichkeit. Doch das ist nicht so schlimm in einem Land, wo selbst Nachwuchskickern die Schuhe fehlen.

Von Claus Lutterbeck

Es war so heiß, dass sogar die einheimischen Würdenträgern zerflossen. Sie standen brav und nass geschwitzt in der Nachmittagshitze und warteten auf den deutschen Außenminister. Ihre schwarzen Nadelstreifenanzüge und ihre feinen italienischen Treter waren rot vom Staub, den ein heißer Wind durch die Savanne blies. Sie lächelten trotzdem ausdauernd, denn schließlich brachte Frank-Walter Steinmeier auch ein bisschen Geld mit. Für ein Projekt, das sogar den Präsidenten von Burkina Faso, Blaise Compaorè, begeistert: "Sehr originell!"

Im zweitärmsten Land der Welt unterstützt Deutschland ein Fußball-Internat, in dem begabte Kinder nicht nur ihren Hauptschulabschluss nachholen können. Die 24 schlanken Jungs um die 14 Jahre waren nie in einer Schule, lebten ehedem auf der Straße und drohten, in die Kriminalität abzugleiten. Heute steht groß auf ihrem Stundenplan vor allem ein Fach: Kicken. Viele von ihnen seien so begabt, sagt ihr deutscher Trainer, dass sie durchaus in europäischen Mannschaften landen könnten. Aber schon ein Engagement in der Heimat wäre "für diese Jungs ein Riesenerfolg." Er ist begeistert von ihnen, "die hören noch zu, die wollen was tun, die brennen darauf, gut zu sein." Nicht wie die Erwachsenen. Das sei schwierig, die zum Laufen zu kriegen. Seine Jungs aber, die wollten laufen. Wenn er nur mehr Fußball-Schuhe für sie hätte. Die meisten kommen barfuß an, bekommen dann alte, oft geflickte Schuhe. Ob man das nicht organisieren könnte in Deutschland, seiner Mannschaft eine Ladung Schuhe zu schicken? Auch gebrauchte seien hochwillkommen.

"Du musst schwitzen"

Der sonnenverbrannte Trainer heißt Georg Tripp, 67, ein ehemaliger Bundesliga-Stürmer, der später lang in Frankreich spielte. Er kennt Afrika, hat schon im Senegal, in Angola und an der Elfenbeinküste Mannschaften trainiert. So wie Bertie Vogts es mit seinen Nigerianern machte, "so geht es natürlich nicht. Du kannst nicht in Deutschland wohnen und dann zum Training einfliegen. Du musst mit deinen Jungs schwitzen."

Tripp lebt schon seit fast zwanzig Jahren in Afrika, deshalb weiß er auch erst mal nicht, wer von diesen vielen weißhaarigen Germanen, die da aus den blank polierten Daimlers steigen, der Herr Steinmeier ist. Er geht auf den Protokoll-Chef Hans-Joachim Weber zu und schüttelt ihm kräftig die Hand: "Willkommen, Herr Außenminister." Als der Richtige dann vor ihm steht, sagt er: "Ich kenne Sie, Sie kommen doch aus Schleswig-Holstein und haben beim Husumer SV gespielt!"

Die Angst des Außenministers

"Zweimal falsch" sagt der ehemalige Ausputzer vom TuS 08 Brakelsiek, bei dem er heute noch Mitglied ist. Steinmeier war in seinem Heimatdorf ein solider rechter Verteidiger, "immer auf Positionen, auf denen gute Lunge, Einsatz und Ausdauer gefragt waren." Nicht immer siegreich, einmal haben sie 23 zu null gegen die Rivalen verloren. Aber gekämpft hat er bis zum Schluss: "Ich geb nie einen Ball verloren."

Nun soll der Schalke-Fan zeigen, ob er's noch kann. "Elfmeter" schreien die mitgereisten Journalisten, "Herr Steinmeier jetzt müssen Sie ran!" Der Außenminister lächelt, er zögert. Er denkt nach. Soll er sich das wirklich jetzt antun? Vor siebzig Zuschauern und zahlreichen Fotografen auf ein Tor schießen? In der sengenden Sonne Afrikas, irgendwo hinter Ouagadougou, auf einem holprigen Fußballplatz? Vielleicht daneben schießen? Immerhin hat auch Beckenbauer die Hälfte aller Elfmeter, die er für Bayern schoss, daneben gesemmelt!

Steinmeier zieht ab und ...

Dann legt er sein schwarzes Jackett ab, läuft lang an. Der magere Torwart geht in die Hocke, sprungbereit. Steinmeier meiert den gelben Ball scharf in die rechte Ecke. Der junge Torwart rührt sich nicht vom Fleck, schaut verblüfft. Das hätte er dem älteren Herrn im weißen Hemd und roter Krawatte wohl nicht zugetraut.

Später wird diskutiert, ob es ein geschenktes Tor war. "Nein" sagen die schwarzen Gastgeber diplomatisch, "das war ein richtiges Tor." Da hat Steinmeier ja noch echte Chancen. Falls die Wahlen im nächsten Jahr nicht so gut laufen für die SPD, kann er ja immer noch den Job wechseln. Der TuS 08 Brakelsiek sucht zum Jahresende einen neuen Trainer.