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Castortransport Der lange Weg nach Gorleben


Die Straßen sind dicht, die Demonstranten zittern, es ist kalt im Wendland. Doch zwischen Feldern und Wäldern gibt es einen Ofen, an dem sie sich wärmen können: im Gasthaus Wiese.
Von Manuela Pfohl, Gedelitz

Nur 2,5 Grad Celsius am Montagnachmittag. Das Wendland friert, die Castorgegner, die in Scharen nach Gorleben bibbern, auch. Fast überall hat die Polizei die Straßen dicht gemacht. Ab Gedelitz geht nichts mehr. Und es sind noch drei Kilometer bis zur Blockade. Doch es gibt einen Lichtblick: Kurz vor dem Ortsausgangsschild liegt die Gastwirtschaft Wiese. Hier schenken Horst Wiese und seine Frau Marie-Louise Bier und Kaffee an die Castorgegner aus. Im großen Saal, wo sonst Hochzeiten gefeiert werden, haben es sich Atommüllgegner bequem gemacht. Auf dem Boden liegen Schlafsäcke, darin, tief eingemummelt, bereiten sich manche für die nächtliche Blockade am Zwischenlager Gorleben vor. Andere planen die Aktionen des heutigen Tages.

Das Gasthaus Wiese ist ein Unikum. An einer Tapete mit Jagdmotiven hängen Geweihe. "Die", erzählt Horst Wiese, "haben die Leute vom Film mitgebracht. Damals hat die Furtwängler hier ihren Film 'Die Salzleiche' gedreht." Die "Tatort"-Folge mit Maria Furtwängler spielt im Atommüll-Zwischenlager Gorleben. "Und dafür haben die mir hier den ganzen Laden frisch renoviert. Und die Geweihe hingehängt." Nun hängt die teure Tapete da und Wiese ist das nicht unlieb. "So habe ich viel Geld gespart."

Geld, das der urige Gastwirt lieber für andere Dinge ausgibt: Er unterstützt die Proteste. Hinter seinem Gasthaus hat er ein Gelände für die Demonstranten eingerichtet. Er hat Toiletten und Duschen gebaut und sorgt mit einem ausgeklügelten System für Wärme. Das funktioniert mit jeder Menge Mist, den er aus dem Kuhstall seines Sohnes bekommt. "Eine tolle Sache", sagt er, "die Demonstranten, die sich für die Umwelt interessieren, können noch was lernen."

Die Schweinerei mit dem Salzstock

Horst Wiese, der 75 Jahre auf dem Buckel hat, ist voll auf der Seite der Castorgegner. Vor 50 Jahren hat er die Gastwirtschaft von seinen Eltern übernommen, es ist seine Heimat. Die Tatsache, dass unmittelbar in seiner Nachbarschaft ein unsicherer Salzstock liegt, in den mehr und mehr Atommüll eingelagert werden soll, macht ihn wütend. Dabei war er nicht von Anfang an gegen Atomstrom. Eigentlich gehört ihm sogar ein Teil des Salzstocks. Den hat er, vor Jahren schon, an den Bund verpachtet. Man hatte ihm gesagt, es ginge nur darum, den Salzstock zu erkunden. "Damals", sagt er, "habe ich noch nicht geahnt, was hier passieren würde. Außerdem gab es gutes Geld dafür." 2015 läuft der Vertrag aus. Heute sagt Horst Wiese: "Nie wieder würden die von mir eine Genehmigung bekommen. Die haben uns die ganzen Jahre belogen und betrogen. Statt nur zu erkunden, haben die kräftig gebaut. Und erfahren haben wir das nicht von den Betreibern, sondern von Greenpeace. Eine Schweinerei."

Stimmung mit bayrischem Liedgut

Wenn 2015 der Vertrag ausläuft, will Wiese ihn auf keinen Fall verlängern. Ihm, seinem Sohn und anderen aus der Gemeinde wurde angedroht, dass sie im Ernstfall enteignet würden. Wiese sagt dazu: "Aber ich habe Hoffnung, dass das nicht passiert. Denn die dürfen ja nur dann enteignen, wenn es zum Wohl des Volkes ist. Und das kann ja nun keiner mehr behaupten." Die Leute in der Gastwirtschaft klatschen. Die meisten, die sich in der Wirtsstube aufhalten, wollen zur großen Blockade. Noch steht der Castor am Verladebahnhof in Dannenberg und alle wissen, es wird ein langer, kalter Tag werden. Manche befürchten, dass es noch die ganze Nacht dauern könnte, bis der Castor vor den Toren von Gedelitz steht. Bis dahin sorgt Horst Wiese für Stimmung in der kleinen Gastwirtschaft. Auf einem Klavier, das in der Schankstube steht, spielt er drei Demonstranten, die aus München angereist sind, ein bayrisches Volkslied vor. Die Münchner kennen es nicht. Egal.

Während sich die Castorgegner im großen Saal noch ausruhen, wird der Schankraum immer voller. "Meister, können wir noch was zu trinken haben?", fragen ein paar Jungs, die durchgefroren hereinkommen. "Setzt euch mal hin, was wollt ihr denn?", fragt Wiese. Viel anzubieten hat er nicht mehr, das Bier ist fast alle. Es sind einfach zu viele Leute gekommen. Aber heißer Kaffee ist noch da, den hat seine Frau Marie-Louise gerade frisch gekocht und in einer großen Thermoskanne auf den Tisch gestellt. Direkt daneben liegt stapelweise Infomaterial, das die Castorgegner später verteilen wollen. Jemand zieht sich die Schuhe aus und ein Paar dicke Socken an, gleich soll es losgehen. Die meisten haben noch viel vor. In ein paar Stunden werden sie wieder hier sein und vor der Heimreise noch einmal bei dem Gastwirt vorbeischauen. Viele kennen ihn schon seit Jahren. Einer macht die Tür auf, die ersten Demonstranten ziehen dick eingepackt los. "Passt gut auf euch auf!", ruft Wiese ihnen hinterher.


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