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Als Reaktion auf Messerstecherei: Hunderte Menschen marschieren durch Chemnitz - darunter "gewaltbereite Rechte"

Nach einem tödlichen Streit demonstrieren in Chemnitz am Sonntag über 800 Menschen in der Innenstadt. Im Netz hatte es verschiedene Aufrufe zu Spontan-Demos gegen - unter anderem von rechten Fußball-Ultras.

So entsetzt reagieren die Menschen auf die Proteste in Chemnitz.

Nach dem gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen in Chemnitz in der Nacht zu Sonntag sind am Nachmittag nach Polizeiangaben mehrere hundert Menschen durch die Innenstadt gezogen - unter ihnen seien auch zahlreiche "gewaltbereite Rechte" mitmarschiert, wie Lokalmedien berichten.

Mit dem Aufmarsch folgten sie offenbar einem in den sozialen Medien verbreiteten Aufruf aus der Fanszene des Fußballregionalligisten Chemnitzer FC. In ihm hieß es unter anderem: "Lasst uns zusammen zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat."

Weitere Polizeieinheiten nach Chemnitz entsandt

Eine Sprecherin der Chemnitzer Polizei teilte auf stern-Anfrage mit, die Versammlung sei nicht angemeldet gewesen. Auf Ansprachen von Polizeibeamten haben die Teilnehmer demnach nicht reagiert. 

Um der Lage Herr zu werden, seien Einheiten der Bereitschaftspolizei vor Ort im Einsatz gewesen. Die Polizei war nach eigener Aussage bereits seit dem Mittag über die Aktion informiert. Dennoch mussten im Verlauf des Nachmittags weitere Polizeieinheiten zur Unterstützung angefordert werden. Zu Anzahl und Ausrüstung der eingesetzten Beamten machte die Polizei keine Angaben.

Derzeit würden vier Anzeigen bearbeitet, darunter seien zwei wegen Körperverletzung, eine wegen Bedrohung sowie eine wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, teilte die Polizei mit.

Der Mitteldeutsche Rundfunk berichtete von Rangeleien, antifaschistische Aktivisten in sozialen Medien von "Hetzjagden und Übergriffen auf Migranten". Inzwischen sei die Lage in der Stadt "überschaubar", sagte die Polizeisprecherin dem stern. "Rechtsfreie Räume oder Selbstjustiz werden wir nicht dulden", twitterten ihre Kollegen.

"Wenn ich sehe, was sich in den Stunden am Sonntag hier entwickelt hat, dann bin ich entsetzt", sagte Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig dem MDR. "Dass es möglich ist, dass sich Leute verabreden, ansammeln und damit ein Stadtfest zum Abbruch bringen, durch die Stadt rennen und Menschen bedrohen - das ist schlimm." Das Chemnitzer Stadtfest, das am Sonntag noch bis 20 Uhr stattfinden sollte, wurde um 16 Uhr abgebrochen.

Auslöser für die unangemeldete Versammlung war eine tödliche Messerattacke, die sich in der Nacht in der Innenstadt ereignet hatte. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei waren "maximal zehn Personen" unterschiedlicher Nationalitäten in Streit geraten, in dessen Verlauf drei Männer durch Messerstiche verletzt wurden. Ein 35-jähriger Deutscher erlag seinen Verletzungen im Krankenhaus. Die Polizei konnte wenig später zwei 22 und 23 Jahre alte Männer festnehmen, die möglicherweise in die Auseinandersetzung verwickelt waren. Zu ihrer Staatsangehörigkeit machte die Polizei zunächst keine Angaben. Zunächst sollen die weiteren Ermittlungen Klarheit über deren Rolle in dem Fall bringen.

Stadtfest abgebrochen

Die unter anderem von Boulevardmedien verbreitete Information, wonach die drei Opfer eine Frau vor Belästigungen schützen wollten und in der Folge angegriffen worden seien, kann die Polizei nicht bestätigen. Dafür gebe es "keine Anhaltspunkte", heißt es in einer Mitteilung. Die Ermittlungen zu den Hintergründen des Tötungsdelikts laufen.

Am frühen Nachmittag hatte auch die AfD Sachsen zu einer Kundgebung gegen Gewalt aufgerufen. Diesem Aufruf waren etwa 100 Menschen gefolgt. Diese Veranstaltung blieb laut Polizei störungsfrei.

mit DPA-Material