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stern-Reportage

Chemnitz: Gespaltene Gesellschaft - unser zerrissenes Land

AfD und Neonazis gegen Bürger, die eine offene Gesellschaft wollen: Zehntausende haben in Chemnitz gezeigt, wofür sie stehen – und wie zerrissen unser Land ist.

Von Walter Wüllenweber

Chemnitz: Zuerst marschierten Rechte, dann wehrte sich die Mehrheit

Um den Chemnitzer "Nischel" haben sich am vergangenen Samstag Teilnehmer einer Pro-Chemnitz-Demonstration versammelt – vor einem Plakat der Gegenseite

Eigentlich ist das nicht sein Ding: eine Demo. "Es ist schon ein gewisses Risiko, hierherzukommen", sagt Matthias Ackermann, "aber gerade jetzt ist es extrem wichtig, auf die Straße zu gehen und ein Zeichen zu setzen." Ackermann ist 58 Jahre alt, Ingenieur und lebt in Lörrach, dem äußersten Südwesten der Republik. Seine Tochter hat in Chemnitz studiert. "Da hat man ein größeres Bedürfnis, solidarisch mit den Leuten zu sein", sagt Ackermann.

Auch Enrico Hoffmann ist kein Gewohnheitsdemonstrant. Die Kundgebung am vergangenen Samstag in Chemnitz war seine zweite. Die erste, das war bei der Wende. "Damals sind wir für ein besseres Deutschland auf die Straße gegangen. Aber jetzt ist das Land auf dem Weg, das alles kaputt zu machen." Der 45-jährige Schlosser Hoffmann ist aus einem kleinen Ort kurz vor der tschechischen Grenze nach Chemnitz gefahren. Er ist ein unsicherer Typ, kein Revolutionär. Jetzt aber hat er das Gefühl: "So kann es einfach nicht mehr weitergehen."

Es reicht!

Ina und Maik Enderlein wohnen nicht weit entfernt vom "Nischel", dem Karl-Marx-Kopf, der eine Woche die größte Medienaufmerksamkeit aller Denkmäler der Welt genossen hat. Beide sind in Karl-Marx-Stadt aufgewachsen und arbeiten heute im öffentlichen Dienst. "Wir können nicht mehr hinnehmen, was hier gerade passiert", sagt Ina Enderlein, und ihr Mann Maik ergänzt: "Jetzt müssen wir endlich alle den Hintern hochbekommen."

Und dann gibt es noch Mark, Achim und Chico-Enriko, Mitte 30, sie protestieren seit ihrer Jugend irgendwo in Deutschland auf der Straße. Oft auch mit Randale. Weil einige von ihnen in der Szene bekannt sind, wollen sie ihre Nachnamen nicht nennen. Sie haben eine fünfstündige Autofahrt aus Neu-Ulm hinter sich. Doch nun macht sich ein wenig Enttäuschung breit. Sie haben mit mehr Gleichgesinnten gerechnet. Mark ist trotzdem zufrieden, "dass endlich mal alle zusammen für die Sache einstehen, auch die normalen Bürger, dass die eben nicht nur vor dem Fernseher hocken bleiben".

Der letzte Song der Toten Hosen: "You'll never walk alone"

Der letzte Song der Toten Hosen: "You'll never walk alone"

Eine Woche lang schien Deutschland ausschließlich in Chemnitz stattzufinden. Alle Scheinwerfer waren auf die drittgrößte Stadt Sachsens gerichtet. Tausende reisten in den hintersten Winkel der Republik. Bei insgesamt elf Großveranstaltungen in nur einer Woche wurde ein Gefühl zum Ausdruck gebracht, das Millionen Menschen teilen; wurden die Zeichen gesetzt, nach denen viele sich sehnen. Die Botschaft lautet: Es reicht!

Nur verbinden die Deutschen mit derselben Forderung exakt Gegensätzliches. Den einen reicht es mit der Zuwanderung. Den anderen reicht es mit der Gewalt gegen Zuwanderer.

Matthias Ackermann aus Lörrach und das Chemnitzer Ehepaar Enderlein marschieren unter dem Motto "Herz statt Hetze". Die Menge, mit der das AfD-Mitglied Enrico Hoffmann und die drei Neu-Ulmer Neonazis Mark, Achim und Chico-Enriko unterwegs sind, brüllt ihnen "Widerstand" entgegen und "Wir sind das Volk!"

Dreiviertelgesellschaft

Beim Zusammenprall der deutschen Kulturen in Chemnitz wird vor allem eines demonstriert: die Spaltung der Gesellschaft. Der Graben verläuft nicht zwischen Oben und Unten, nicht zwischen Arm und Reich und nur zum Teil zwischen Ost und West. Die Mehrheit der Deutschen empfindet die weltoffene, vielfältige Gesellschaft als Selbstverständlichkeit oder als Bereicherung. Exakt das lehnt die Minderheit entschieden ab. Ihnen sind die Liberalisierung und die Willkommenskultur viel zu weit gegangen. Sie träumen von Verhältnissen wie in Ungarn oder Polen: Ausreisefreiheit ja, Einreisefreiheit nein.

Gegner der Rechten in der Chemnitzer Innenstadt

Gegner der Rechten in der Chemnitzer Innenstadt

Wie ist die Kräfteverteilung? Wer kann für sich in Anspruch nehmen, das Volk zu sein? Seit dem Konzert vom Montag mit 65.000 Besuchern ist zumindest optisch klar, wer mehr ist. Sämtliche Umfragen bestätigen: Deutschland ist eine Dreiviertelgesellschaft. Drei Viertel sehen in der Vielfalt einen Gewinn. 76 Prozent bewerten den Rechtsextremismus als Bedrohung. Lediglich 20 Prozent haben Verständnis für die rechtsradikalen Ausschreitungen von Chemnitz, und ähnlich viele, 18 Prozent, halten Deutschland für in einem "gefährlichen Maß überfremdet". Bei fast allen Befragungen besteht die Mindermeinungsgruppe im Wesentlichen aus Sympathisanten der AfD. Die Frontstellung lautet also: AfD-Anhänger gegen alle anderen.

Bislang war die große Mehrheit der Gesellschaft leise. Und passiv. Die kleine Minderheit hingegen wurde immer lauter, immer aktiver. Das hat sie größer erscheinen lassen, als sie tatsächlich ist. "Die sehen in ihrer Beachtung eine Rechtfertigung für eine immer größere Radikalisierung", sagt der Extremismusforscher Andreas Zick von der Uni Bielefeld. "Diese Gruppe ist inzwischen sehr aktionsorientiert. Die wollen etwas tun."

Maik und Ina Enderlein (l.) sind in Karl-Marx-Stadt aufgewachsen. Sie kamen zur Demonstration "Herz statt Hetze", weil sie nicht mehr hinnehmen wollten,"„was hier gerade passiert".

Maik und Ina Enderlein (l.) sind in Karl-Marx-Stadt aufgewachsen. Sie kamen zur Demonstration "Herz statt Hetze", weil sie nicht mehr hinnehmen wollten,"„was hier gerade passiert".

Enrico Hoffmann ist falsch gekleidet. Seit vergangenem Jahr ist er Mitglied der AfD. Für die Demo hat er extra den blauen Kapuzenpulli mit Parteiabzeichen angezogen. Er hat die Order nicht mitbekommen, wonach alle dunkle Kleidung tragen sollen. Den Anlass des Trauermarsches hat er bei der Vorbereitung vergessen: Daniel H. wurde von zwei Flüchtlingen im Streit erstochen. Die genauen Umstände sind bis heute unklar.

"Ich bin ja kein Nazi, aber ..."

Kurz nachdem sich der von der AfD organisierte "Trauermarsch" in Bewegung setzt, vereinigt er sich mit einer zweiten Demo, zu der die stramm rechte Organisation "Pro Chemnitz" aufgerufen hat. Die Gesinnungsgenossen begrüßen einander mit ihrem Schlachtruf "Wir sind das Volk". Bislang hatte die AfD weitgehend Distanz zu noch extremeren Gruppierungen gehalten.

Für den deutschen Rechtsextremismus ist das ein historischer Moment: Über viele Jahrzehnte konnte man sich darauf verlassen, dass rechte Gruppen sich gegenseitig bekämpften und zuverlässig den eigenen Untergang betrieben. In Chemnitz ist nun erstmals eine Einheitsfront entstanden. Dazu gehören militante Neonazis genauso wie die Gruppe "Pro Chemnitz", deren Chef Martin Kohlmann stolz erzählt: "Wir haben Bürgerstreifen organisiert."

Die Psychologin Kholoud al-Hawari (M.) floh vor zwei Jahren mit Mann und Kindern aus Syrien. Sie hat jetzt Angst.

Die Psychologin Kholoud al-Hawari (M.) floh vor zwei Jahren mit Mann und Kindern aus Syrien. Sie hat jetzt Angst.

Dazu gehören Pegida-Gänger. Ihr Vorbeter Lutz Bachmann trauert demonstrativ in der ersten Reihe. Dazu gehören die vielen "besorgten Bürger", die jede Diskussion mit dem Satz beginnen: "Ich bin ja kein Nazi, aber ..." Und das alles unter dem großen Dach der neuen Volkspartei des Ostens, die ab dem Herbst neben dem Bundestag auch in allen Landesparlamenten vertreten sein wird.

"Höckehöckehöcke", ruft die Menge, wann immer sie den AfD-Landeschef aus Thüringen erblickt. Im schwarzen Anzug mit weißer Rose in der Brusttasche führt er den vereinigten Demonstrationszug mit ruhigen Schritten an. Der Popstar der rechten Bewegungen hat den Zusammenschluss organisiert. Er hat die Kleiderordnung vorgegeben und entschieden, dass an diesem Samstag keine Randale-Bilder ins Land gesendet werden sollen. Alle Nazis halten still, wenn Björn Höcke es so will. In den Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung war die rechte Szene nicht nur unfähig zur Zusammenarbeit, sie hatte auch keinen charismatischen Führer. In Deutschland gibt es keinen Jörg Haider, keinen Jean-Marie Le Pen und keinen Geert Wilders. Vielleicht nur noch nicht.

Rechtes Netzwerk

Nicht weit entfernt vom Höcke-Marsch demonstriert das andere Deutschland. Bürger, die in ihrer Stadt Angst haben, weil sie sich von rechten Schlägern bedroht fühlen. Zwischen den Häuserwänden schallen die "Lügenpresse"-Rufe der Gegendemo herüber. "Rechte Gruppen haben in Chemnitz leichteres Spiel als in anderen Städten, weil es hier seit Langem Netzwerke gibt", sagt Maik Enderlein. Die drei Terroristen des NSU konnten jahrelang in Chemnitz untertauchen. Das BKA ermittelte bundesweit 107 Unterstützer des Trios. 26 von ihnen allein in Chemnitz, mehr als in jeder anderen Region Deutschlands.

Der Trauermarsch von Björn Höcke bewegt sich nur langsam. Ein paar AfD-Anhänger nutzen die Gelegenheit, um in einen türkischen Imbiss am Rand der Demostrecke zu stürmen. Panisch starrt der türkische Imbissbetreiber die Gruppe Rechtsextremisten in seinem Laden an. Sie wollen zur Toilette. Danach suchen sie im Kühlschrank nach Bier und wundern sich, dass es beim Türken keines gibt. Niemand im Imbiss traut sich zu atmen. Im Hinausgehen dreht sich einer um: "Das hier geht nicht gegen euch. Versprochen." Dann rennen sie los, verschwinden in der Menge, die gerade wieder "Wi-der-stand!" anstimmt.

Matthias Buschbeck (r.) hat eine Übernachtungsbörse für Konzertbesucher vom vergangenen Montag organisiert

Matthias Buschbeck (r.) hat eine Übernachtungsbörse für Konzertbesucher vom vergangenen Montag organisiert

Unter einem Ahornbaum sitzt eine Frau mit Kopftuch auf der Wiese, dicht bei der Bühne, auf der in wenigen Augenblicken das Abschlusskonzert der "Herz statt Hetze"-Veranstaltung beginnen soll. Es ist Kholoud al-Hawari, eine 29-jährige Psychologin, die vor zwei Jahren mit ihrem Mann und ihren Kindern aus Syrien nach Chemnitz geflohen ist. In Syrien haben sie gegen das Assad-Regime protestiert, in Chemnitz gegen Neonazis. "Wir haben die Sprache gelernt, Freunde gefunden, aber so wie in der vergangenen Woche kannten wir die Deutschen nicht", sagt Frau al-Hawari. Im Moment macht sie ein Praktikum im Kindergarten. "In der Straßenbahn werde ich ganz feindselig angestarrt, wegen des Kopftuches. Ich habe Angst und mache mir Sorgen." Ihr Mann Bzazah nimmt sie in den Arm. "Wir möchten im Moment nicht entscheiden, was wir tun", sagt er. Wenn es nicht besser wird, wollen sie ihre Jobsuche auf den Westen Deutschlands konzentrieren.

"Besorgte Bürger"

Rassismus und Rechtsextremismus sind kein Phänomen des Ostens, sie sind auch im Westen Deutschlands beheimatet. Und dennoch gibt es gravierende Unterschiede. "Die ostdeutsche Variante des Rechtsextremismus muss man zwingend historisch betrachten", sagt der Extremismusforscher Andreas Zick. "Richtig massiv wurde das in den 70er Jahren, als die Vertragsarbeiter kamen", sagt Bernd Wagner, der Gründer der Neonazi-Aussteigerinitiative "exit" und vielleicht beste Kenner der Neonaziszene zwischen Schwerin und Chemnitz. Schon in den 80er Jahren leitete der damalige Oberstleutnant Wagner die AG Skinhead der Volkspolizei. "Die heutigen Ereignisse in Chemnitz sind ohne die Ereignisse in der DDR nicht denkbar", sagt der Historiker Harry Waibel. Intensiv hat er die rassistischen Ausschreitungen in der DDR erforscht.

Als die Staats- und Parteiführung in den 70er Jahren Tausende Vertragsarbeiter in die DDR holte, wurden sie von den Werktätigen mit offener Feindseligkeit begrüßt. In den Archiven der Staatssicherheit fand Waibel Dokumente über mehrere Lynchmorde, deren Grausamkeit an den Ku Klux Klan erinnern. In der Nacht zum 13. August 1979 wurde eine Gruppe Kubaner in einer Diskothek von der einheimischen Jugend verprügelt. Der Mob packte zwei Kubaner, zerrte sie auf eine nahe Brücke und warf sie in die Saale. Als die Opfer nicht gleich untergingen, flogen Steine und Flaschen. Erst drei Tage später wurden die Leichen aus dem Fluss geborgen. Der Staatssicherheitsdienst stellte die Ermittlungen rasch ein. Waibel hat nachgewiesen, dass es in der DDR insgesamt 220 Pogrome und pogromartige Zwischenfälle in 110 Städten gab, bei denen mindestens zehn Menschen getötet wurden.

Björn Höcke, Chef der Thüringer AfD, beim "Trauermarsch". Er kam in Schwarz mit weißer Rose, wie andere führende Rechte auch

Björn Höcke, Chef der Thüringer AfD, beim "Trauermarsch". Er kam in Schwarz mit weißer Rose, wie andere führende Rechte auch

Nach der Wende, in den 90er Jahren, wurde die Bevölkerung im Osten erneut mit Ausländern konfrontiert, zunächst mit Sinti und Roma, schließlich mit Flüchtlingen aus Jugoslawien. Neue Fremde, neue Ausschreitungen. In Hoyerswerda und in Rostock-Lichtenhagen lieferten sich Neonazis bürgerkriegsähnliche Schlachten mit der Polizei. Unterstützung durch "besorgte Bürger" gab es schon damals. In Lichtenhagen klatschten die Anwohner Beifall. Familienväter holten den Reservekanister aus dem Kofferraum, Nachschub zum Bau von Molotow-Cocktails. 1992 sammelte die Dorfgemeinschaft im brandenburgischen Dolgenbrodt 2000 Westmark, um damit die örtlichen Neonazis für das Abfackeln des Asylbewerberheims zu bezahlen. Der Auftrag wurde ordnungsgemäß ausgeführt.

Geschichte der Gewalt

Ihren nächsten, weltweit beachteten Höhepunkt erreichte die fremdenfeindliche Gewalt beim nächsten Anstieg der Flüchtlingszahlen im Sommer 2015. Diesmal verprügelten rechte Schläger die Polizei in Heidenau, attackierten einen Flüchtlingsbus in Clausnitz, hetzten Flüchtlinge durch Bautzen und schließlich durch Chemnitz.

Dreimal kamen Fremde in die Heimat der Ostdeutschen, dreimal rollte die Gewaltwelle. Und nie mussten die Täter sich allzu große Sorgen wegen einer Bestrafung machen. Auch diese deutsche Tradition wurde bis heute beibehalten. Die meisten Brandstifter von Asylunterkünften, die meisten Hetzjäger, die meisten Schläger werden nie ermittelt.

Auch der Pegida-Gründer Lutz Bachmann war in Chemnitz dabei

Auch der Pegida-Gründer Lutz Bachmann war in Chemnitz dabei

Die Ausschreitungen von Heidenau, Bautzen oder Chemnitz erscheinen wie spontane Wutausbrüche von Menschen, denen irgendwann der Geduldsfaden gerissen ist. Tatsächlich sind insbesondere die Pogrome in Ostdeutschland perfekt inszeniert. Denn ein weiterer Unterschied des Rechtsextremismus in den alten und den inzwischen mittelalten Ländern ist die straffe, schlagkräftige Organisation der Szene. Ihre logistische Basis sind ostdeutsche Fußballvereine, insbesondere Dynamo Dresden, Energie Cottbus, Hansa Rostock und der Chemnitzer FC. Die Chemnitzer Hooligans traten über viele Jahre unter dem Kürzel "HooNaRa" in den Stadien auf: Hooligans, Nazis, Rassisten. Kein echter Tarnname. Als die Proteste gegen den Namen zu laut wurden, benannte man sich um, in "NS-Boys". Inzwischen heißen sie "Kaotic Chemnitz".

"Das sind hochgradig gefährliche, perfekt trainierte Kampftruppen", sagt Andreas Zick. Jedes Wochenende randalieren die rechten Dschihadisten in deutschen Fußballstadien. Hitlergrüße und ihr Schlachtruf "Arbeit macht frei" sind meist nur das Vorspiel zum Straßenkampf. "Es gibt kaum einen ostdeutschen Neonazi, der keine Verbindungen zur Hooliganszene hat", bestätigt auch Bernd Wagner.

"#Wir sind mehr"

Wer sich fragt, wie es dem rechten Mob gelingt, in nur eineinhalb Tagen 6000 Neonazis im sächsischen Hinterland zu mobilisieren, findet die Antwort bei den Fußballfans. Den Aufruf zur Randale starteten die Kameraden von Kaotic Chemnitz. "Von da an läuft die Kommunikation über Whatsapp-Gruppen in Echtzeit", sagt Wagner. Die Führer befreundeter "Fangruppen" geben ihren Soldaten den Marschbefehl. "Vorneweg fahren Späher, die auskundschaften, wo Polizeikräfte sind, ob mit Widerstand zu rechnen ist", weiß Wagner.

"In den 90er Jahren gab es hier in Chemnitz immer wieder Straßenschlachten", sagt Matthias Buschbeck. "Damals versuchten die Rechten, ganze Stadtviertel einzunehmen." Buschbeck ist Chemnitzer, kennt die Band Kraftklub, die befreundete Musiker wie Marteria & Casper, Trettmann und Die Toten Hosen zu einem Gratiskonzert am Montag nach Chemnitz geholt hat. Motto: "#Wir sind mehr". Die Ankündigung ging viral – innerhalb weniger Stunden hatte die Facebook-Veranstaltung 20.000 Zusagen.

Bachmanns Stellvertreter Siegfried Däbritz bei der Demonstration

Bachmanns Stellvertreter Siegfried Däbritz bei der Demonstration

"Ich habe durch die Facebook-Seite gescrollt und gesehen, dass die Leute von überall herkommen", erzählt Buschbeck. Er habe sich an Paris erinnert, an Nizza, an all die Momente, in denen Menschen nach schlimmen Ereignissen für Fremde ihre Türen geöffnet haben. Nach ein paar Klicks hatte er die Facebook-Gruppe erstellt "Wir sind mehr – Übernachtungsbörse". Das Prinzip ist einfach: Da schreibt ein Lukas aus Tirol, er reise mit einer Freundin an und suche noch zwei Plätze zum Schlafen. Conny antwortet. Manche Chemnitzer nehmen bis zu zehn Leute auf, Jugendtreffs öffnen ihre Türen. Mit seiner Idee hat Buschbeck gut 2000 Menschen eine Übernachtung organisiert.

Ein großer Erfolg. Und doch nur genug für einen Bruchteil der Besucher: die größte Anzahl, die Chemnitz je gesehen hat. "Wir wohnen noch hier, wenn die Kameras wieder weg sind", ruft Felix Brummer von Kraftklub den 65.000 zu. "Aber manchmal ist es wichtig, dass man sich in solchen Zeiten nicht alleine fühlt."

Betriebsausflug nach Chemnitz

Fränzi Kühne ist noch in der Nacht, nach dem Konzert, zurück nach Berlin gefahren. Sie ist die Gründerin der digitalen Beratungsagentur TLGG, die in Berlin 180 Leute beschäftigt. "Als wir von dem Konzert hörten, haben wir allen Mitarbeitern den Tag freigegeben und angeboten, sie nach Chemnitz zu bringen." 70 haben bei dem Betriebsausflug mitgemacht. Die Beraterin Kühne hat viele ihrer Kunden angerufen, um sie zum selben Schritt zu bewegen. "Ich möchte unbedingt alle Unternehmen auffordern, sich eindeutig gegen rechts zu positionieren", sagt sie. "Jetzt ist die Demokratie wichtiger als die Angst, womöglich einen Kunden zu verlieren."

Martin Kohlmann und seine Organisation "Pro Chemnitz" hatten zu einer eigenen Kundgebung aufgerufen. Nach der Vereinigung mit dem Zug der AfD begrüßten die Kundgebungsteilnehmer einander mit dem gemeinsamen Schlachtruf "Wir sind das Volk"

Martin Kohlmann und seine Organisation "Pro Chemnitz" hatten zu einer eigenen Kundgebung aufgerufen. Nach der Vereinigung mit dem Zug der AfD begrüßten die Kundgebungsteilnehmer einander mit dem gemeinsamen Schlachtruf "Wir sind das Volk"

Wehret den Anfängen! Mit dieser Parole sind ganze Generationen in Ost und West aufgewachsen. Die Anfangsphase, daran kann es keinen Zweifel geben, ist längst vorbei. Die Hetzjagd von Chemnitz war nicht der erste und nicht der brutalste Ausbruch rechter Gewalt. Doch womöglich sind die Hassgesichter, die Hitlergrüße, die nackten Hinterteile und die Angriffe auf Flüchtlinge ein Wendepunkt im Umgang mit der braunen Gefahr.

28 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es Zeit, einen Strich zu ziehen und den Kampf gegen den Rechtsextremismus ehrlich zu bilanzieren. Das Ergebnis lautet: Erfolglosigkeit. Die Gewalt erlebt einen neunen Höhepunkt. Das Gift des rassistischen Gedankenguts sickert in immer weitere Schichten der Gesellschaft. Die Strukturen militanter Neonazis sind gefestigter als je zuvor. "Ich sehe überhaupt keine Strategie bei der Polizei gegen den Rechtsextremismus", klagt Andreas Zick. Nach der jüngsten Zählung laufen inzwischen 594 rechtsmotivierte Straftäter frei durch Deutschland, weil es den Sicherheitsbehörden nicht gelingt, ihre Haftbefehle zu vollstrecken. Wären die Straftäter Flüchtlinge, würde man es Staatsversagen nennen.

Anhänger von Dynamo Dresden in Tarnkleidung während eines Spiels im Mai 2017

Anhänger von Dynamo Dresden in Tarnkleidung während eines Spiels im Mai 2017

Die entscheidende Veränderung, die größte Bedrohung jedoch ist die Existenz der Alternative für Deutschland. Sie ist der politische Arm des rechten Terrors. Am Wochenende ist es ihr gelungen, aus den zersplitterten Gruppen eine rechte Sammlungsbewegung zu formen. Das Fazit lautet also: Der Rechtsextremismus ist die größte Gefahr für die Demokratie seit Bestehen der Bundesrepublik.

Masterplan gesucht

Doch die Mehrheitsgesellschaft ist nicht machtlos. In den vergangenen Jahrzehnten sahen sich die Deutschen mehrmals mit Herausforderungen konfrontiert, deren Bewältigung eine nationale Kraftanstrengung erforderte: die Wiedervereinigung, die Massenarbeitslosigkeit, die Finanzkrise, die Integration der Flüchtlinge. In diese oberste Kategorie gehört auch die Überwindung von Rassismus und Rechtsextremismus. Das ist die Lehre aus den Ereignissen von Chemnitz. Wie bei den anderen Großaufgaben ist mit schnellen Lösungen nicht zu rechnen. Es gibt nicht den einen Schalter, mit dem sich alle Probleme ausknipsen lassen. Gebraucht werden Hundertschaften der Polizei, strenge Richter, entschlossene Politiker, kluge Lehrer, engagierte Sozialarbeiter, unerschrockene Journalisten, weitsichtige Unternehmer. Und eine starke Zivilgesellschaft.

Deutschland braucht einen Masterplan gegen Rechtsextremismus.

Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen
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