CSU-Parteitag Mit 66 Jahren, was fängt der Stoiber an


Die CSU hat am Freitagabend rührselig Abschied genommen von ihrem Parteichef Edmund Stoiber - an seinem 66. Geburtstag. Es war ein Fest mit einer bemerkenswerten Merkel-Rede, mit warmen, bisweilen spitzen Worten - und einer Karin Stoiber, die klar erkennen ließ, was sie sich nun von ihrer Zukunft mit Edmund erwartet.
Von Hans Peter Schütz, München

Die drei "Dorfrocker" spielen "Mit 66 Jahren fängt das Leben erst an." Und tatsächlich, wirklich wahr, bei dem Mann mit der silberweißen Mähne, zuckt im Rhythmus die Hüfte. So ganz hat sich Edmund, einst bei den schwedischen Urlauberinnen als wilder Rocker heiß begehrt, an diesem Abend in den Münchner Messehallen nicht in staatsmännischer Gewalt. Und auch seine Ehefrau, die Karin heißt und die er Muschi nennt, steht so hingerissen von ihm daneben, wie das wohl vor 50 Jahren auch schon der Fall gewesen sein muss. Sie lächelt ihn ergeben an, die Augen ein wenig feucht vor Rührung und natürlich auch Stolz. Ist er nicht großartig, mein Edmund?

Auch Karin Stoiber blickt zurück

Wie war denn das Leben an der Seite dieses Mannes, der tagtäglich um 5.59 Uhr aus dem Ehebett sprang, seine Aktentaschen packte, die er am Abend mit nachhause gebracht hatte, und zum Schreibtisch in München eilte, um das Bayern-Volk zu regieren? Karin Stoiber blickt zu ihm auf und sagt ein bisschen wehmütig: "Ich habe schon gemerkt, dass du uns ein bisschen gefehlt hast und hoffe, dass sich das jetzt ändert." Ob sich alles ändert, nun da Edmund Stoiber in den politischen Ruhestand geht - besser: geschickt worden ist - bleibt abzuwarten. An guten Vorsätzen hat er es am Freitagabend auf seiner Geburtstagsfeier mit zweieinhalbtausend Gästen, Kanzlerin Angela Merkel inklusive, jedenfalls nicht fehlen lassen.

Ihm gehe es gut, beteuert Stoiber oben auf der Bühne, "weil ich immer nach vorn schaue." Das klingt nicht nach Kanapee und Couchkartoffel. Und dennoch: Nächstes Wochenende werde er keine Aktentaschen nachhause schleppen. Und übernächstes? Auf ein ganz anderes Leben scheint der Mann nicht zu warten, auch wenn er ein bisschen bänglich anmutet. Vielleicht könne er jetzt mal ins Theater gehen, sagt er. "Oder ein Stück Musik hören. Und jetzt endlich mal im Winter drei Wochen Skifahren". Aber schon bremst er sich. "Aber natürlich nicht hintereinander." Wäre ja wohl selbst für einen Ski-Freak wie ihn kaum auszuhalten. Und dann eilt der Gerade-Noch-CSU-Chef nach unten in den Saal, busselt seine beiden Töchter und im Eifer gar noch einen Journalisten, der nicht schnell genug aus dem Weg kam.

Geburtstagsfeier, Schickeria inklusive

Man muss Markus Söder ja nicht mögen. Aber auf bombastisch-triviale Stoiber-Geburtstagsfeiern versteht sich der CSU-Generalsekretär. Das hat er schon mal zum Sechzigsten Stoibers bewiesen. Und das, so das Ziel, muss an diesem Abend noch getoppt werden, der ja auch ein politischer Feierabend sein muss. Heldenverehrung ist daher weiß-blaue CSU-Pflicht. Was kümmert es da die Parteifreunde, dass sie es letztlich waren, die den ewigen Edmund nach Jahren als Ministerpräsident abgeschossen haben und nicht diese schöne Landrätin, die nur den Anstoß gegeben hat, zu dem ihnen der Mut fehlte? Uschi Glas, unvermeidlich in der älteren Münchner Schickeria und bekennende CSU-Wählerin, darf öffentlich darüber spekulieren, wie lange Stoiber schon in der CSU ist. Irgendwie schon lange. Genaues weiß sie nicht. 30 Jahre, rät sie? Nicht schlecht, es sind 36. Markus Wasmeier, Ski-Olympiagewinner, "möchte den Edmund gerne mal auf der Skipiste treffen." Das müsste sich doch machen lassen, liebe CSU-Führung. Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel ist aus Österreich herbeigeeilt, schätzt die Gradlinigkeit des Jubilars, und berichtet, wie er einst mit dem "Edmund" eine halbe (!) Flasche Schnaps geleert hat. Was genau da abging, erzählt er leider nicht. "Ad multos annos," ruft er Stoiber zu, und das ist eine Art Ritterschlag, weil so auch schon Franz Josef Strauß gratuliert wurde.

Eine launige Laudatio Merkels

Weil nicht alle Großen der Welt an diesem Abend anwesend sein konnten, werden einige von denen, die eigentlich da sein hätten müssen wenigstens groß auf der Stirnseite des Saals eingespielt. Stoiber und der Papst. Stoiber und Putin. Angela Merkel klatscht begeistert. Und hält dann eine Geburtstagsrede, wie wohl nur sie halten kann. Immer haarscharf, aber stets trittsicher an kleinen Gemeinheiten vorbei. Ein bisschen enttäuscht sei sie schon vom "lieben Edmund," dass der jetzt auch noch den Gerhard Schröder zum Frühstück nach Wolfratshausen ins Stoiber-Heim gebeten habe. "Ich hatte gedacht, dass unser Frühstück damals einzigartig gewesen ist." Preußische Tugenden besitze der Jubilar. "Nur an einer preußischen Tugend kannst du noch arbeiten: der Pünktlichkeit." Toll fand die Angela am Edmund auch, dass er immer neugierig auf Menschen gewesen sei und "sich dabei manchmal auch in Gegenden etwas nördlich von Bayern verirrt hat." Und unvergesslich sei ihr auch, wie Stoiber einmal in einem bierseligen Bierzelt in Meck-Pomm gesessen und sich dort gefreut habe: "Mein Gott, unser Einfluss reicht weiter als gedacht." Ihr größtes Kompliment: "Immer hast du eine rationale Begründung für das gehabt, wofür einem normalerweise keine eingefallen wäre."

Die CDU-Chefin schenkte, was für den Juristen Stoiber eine kleine Offenbarung sein dürfte, ein Original-Exemplar des "Corpus Jus Publici" aus dem Jahr 1756. Danach kam eher Banales auf den Geschenktisch. Ein Faß Bier aus der Oberpfalz. Freikarten für die Freilichtbühne in Augsburg, wo sie gerne "Im weißen Rössl von Augsburg geben", eine Prinzregententorte der Münchner CSU, die Stoiber bekanntlich für einen Chaotenladen hält, einen Laserstrahler mit einer Schachtel Lebkuchen als Ersatz für einen Laptop samt Lederhose, was wohl zu kostspielig gewesen wäre. Und drei Fußbälle von Adidas, Typ "Teamgeist", der ja bekanntlich die politische Arbeit der CSU prägt.

Pauli wurde platt gemacht

Der hatte schon vor der Geburtstagsfeier eindrucksvoll besichtigt werden können. "Die Pauli, die machen wir fertig," machten sich die Delegierten gegenseitig scharf auf die schöne Landrätin, die am Nachmittag im kurzen schwarz-weißen Rock, blickdichten Strümpfen und Perlenkette in den Parteitagssaal eingezogen war. Wie von der Parteiführung gewünscht, geschah es. Ihr Antrag, im CSU-Programm unter "Familie" alle "Lebensgemeinschaften, in denen Kinder aufwachsen" zu verstehen, wurde rigoros abgebügelt. Söder ließ die Staatsministerin Emilia Müller von der Leine, schickte den CSU-Chefdenker Alois Glück nach vorne und schließlich noch den CSU-Landesgruppenschef Peter Ramsauer. Das war's dann auch. Abgelehnt der Antrag der Gabriele Pauli. Nur eine Stimme dafür, ihre eigene. Platt gemacht nach Regieanweisung der Parteiführung. Da muckte keiner auf. "Für die Pauli zu sein," räumte eine Delegierte ein, "das wäre politischer Selbstmord." Dazu passte dann wie bestellt, dass beim kirchlichen Wort zum Parteitag auch noch von "eitler Selbstbespiegelung" gewarnt wurde. Gewiss kein Zufall.

"Die Partei will endlich ihre Ruhe"

Auch für die fällige Kampfabstimmung um den CSU-Vorsitz hatte Söder auf der Geburtstagsfeier die Sitzordnung gefühlig ausgetüftelt. Er selbst setzte sich gegenüber der Kanzlerin, nahe dran durfte auch die Ehepaare Huber und Beckstein der Regierungschefin sein. Horst Seehofer wurde am Tischende platziert, selbst schuld, war er doch ohne Ehefrau gekommen. Als Verlierer gegen Huber ist er schon seit langem ausgeguckt. Was ihn freilich nicht hindert, mit gefährlichen Prognosen politisch zu operieren. Wenn Konkurrent Huber die bayerischen Kommunalwahlen im kommenden Frühjahr vergeige, dann komme seine zweite Chance, dann werde nach ihm als CSU-Chef doch noch gerufen. Er scheint nicht gehört zu haben, was Justizministerin Beate Merk jeden wissen ließ: "Die Partei will endlich ihre Ruhe." Das bezog sich auf Pauli wie auf Seehofer. Die Pauli ist am Montag immerhin bei "Beckmann", Huber wird im Kanzleramt in der Koalitionsrunde sitzen. Und Seehofer?

So gesehen war es eine Geburtstagsfete, die man nicht jedem wünscht. Edmund Stoiber fand sie gewiss ihm angemessen. Als er vorne auf der Bühne immer noch den ewig strahlenden Helden gab, hatte sich das CSU-Volk längst dem servierten Schweinebraten zugewandt, der nächsten Kommunalwahl und der Genugtuung, es dieser Pauli, dem gescherten Weib doch mal richtig eine rein gegeben zu haben. Nicht nur vorne bei den Promis fand man den Geburtstag großartig. Auch ganz hinten im Saal. Nicht zuletzt deshalb, weil ganz viele froh waren, dass sie ihren Edmund endlich los waren.


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