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Deutscher Schulpreis: Deutschlands beste Schule gesucht

Gibt es noch gute Schulen? Und woran erkennt man sie? Mit dem Deutschen Schulpreis zeichnen die Robert Bosch Stiftung, die Heidehof Stiftung, der stern und das ZDF hervorragende Schulen aus - zum Vorbild für alle.

Jetzt rennen sie wieder: Mütter, Väter und Kinder. Meist samstags. Von Schule zu Schule, von Lehrer zu Lehrer. Und sie haben Fragen. Viele Fragen: Lernt mein Kind genug? Nehmen sich die Lehrer genug Zeit für meine Tochter? Woher weiß ich, ob die Schule gut ist? Ganze Familien inspizieren Turnhallen, Toiletten und Physiklabore. Rund 800 000 Schüler verlassen im Sommer die Grundschule, ihre Eltern suchen die besten Schule für ihr Kind.

Während es hierzulande für Handy-Tarife, Fernseher und Shampoos Ratgeber und Verbrauchertests gibt, weiß keiner, welche von den 30 000 allgemeinbil-denden Schulen gut und welche schlecht ist. Es fehlen Standards. So sind Eltern auf das angewiesen, was ihnen andere Eltern erzählen - und auf ihre eigenen Erfahrungen. Doch die liegen Jahrzehnte zurück. Und seitdem hat sich an den Schulen so manches verändert.

Für mehr Transparenz wollen die Robert Bosch Stiftung, die Heidehof Stiftung in Kooperation mit dem stern und dem ZDF sorgen. Im November dieses Jahres werden sie erstmals den Deutschen Schulpreis verleihen. Von der Grundschule bis zum Gymnasium - alle Schulen können mitmachen. Fünf werden ausgezeichnet, als Vorbilder für alle anderen. An diesen können sich in Zukunft Lehrer, Schüler und Eltern orientieren und an ihren eigenen Schulen Veränderungen anstoßen.

"Mit dem Preis wollen wir Mut machen und zeigen: In Deutschland gibt es hervorragende Schulen", sagt Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart. Die Erben des Firmengründers Robert Bosch engagieren sich seit mehr als 40 Jahren für eine bessere Erziehung in Deutschland, 81 Millionen Euro haben sie seit 1964 in die Bereiche Bildung und Gesellschaft investiert.

Entscheidend für die Vergabe des Deutschen Schulpreises sind sechs Kriterien, die von Fachleuten entwickelt wurden. Sie können auch als Leitfaden für all jene Eltern dienen, die eine Schule für ihr Kind suchen:

  • Leistung: In den Kernfächern Mathematik, Sprachen und Naturwissenschaften, im künstlerischen Bereich (Theater, Kunst, Musik oder Tanz), im Sport und bei Projekten müssen die Schüler gute bis sehr gute Leistungen zeigen.
  • Schulklima: Schüler und Lehrer gehen harmonisch miteinander um und gehen gern in ihre Schule. Die Schule ist offen, sie lässt außenstehende Personen und Institutionen am Schulleben teilhaben.
  • Verantwortung: Engagement, Gemeinsinn, Achtung für sich und andere sind selbstverständlich im Schulalltag, Konflikte werden ohne Gewalt gelöst.
  • Unterrichtsqualität: Die Schüler lernen selbstverantwortlich und praxisorientiert. Bei der Verbesserung ihres Unterrichts werden die Lehrer unterstützt.
  • Umgang mit Vielfalt: Die Schule geht produktiv mit den unterschiedlichen Hintergründen ihrer Schüler um, zum Beispiel Herkunft und Bildung der Eltern. Jeder Schüler wird seinem persönlichen Niveau entsprechend gefördert.
  • Schule als lernende Institution: Schulleitung und Lehrer entwickeln sich systematisch weiter, zum Beispiel mit Hilfe von Beurteilungen durch Experten; der Lehrplan wird ständig verbessert.

Die fünf Siegerschulen bekommen Geldpreise (Platz eins: 50 000 Euro). Aber wichtiger als das Geld für ein neues Chemielabor oder neue Werkbänke ist den Initiatoren des Deutschen Schulpreises etwas anderes: Ein Netzwerk von guten Schulen soll entstehen, die wie Leuchttürme in der Bildungslandschaft strahlen. Die Lehrer der Siegerschulen sollen ihre Erfahrungen bei Workshops und Vorträgen weitertragen. Einmal jährlich sollen Vertreter aller ausgezeichneten Schulen zu einer "Akademie für Schulentwicklung" zusammenkommen.

Positive Beispiele hält Otto Seydel für "dringend nötig". Der Gründer des Instituts für Schulentwicklung ist ein Mitglied der Jury. "Viele Lehrer vertreten die Haltung: Wir haben die falschen Kinder. Dabei haben wir die falschen Methoden", beobachtet er. Seydel war 25 Jahre Lehrer am Internat Schloss Salem, er inspiziert Bremer Schulen und berät Lehrer, wie sie ihren Unterricht verbessern können. Ein Leuchtturm in der Bildungslandschaft ist die Max-Brauer-Schule in Hamburg. "Die Gesamtschule kann in zwei zentralen Kategorien des Deutschen Schulpreises hervorragende Ergebnisse vorweisen: Leistung und Umgang mit Vielfalt", sagt Alexander Urban, Geschäftsführer der Heidehof Stiftung.

Im Klassenraum der 5 b stehen schwarze Rollcontainer. "Wie in einem Büro", sagt Niclas, 10, "wir lernen hier im Lernbüro." Die Schule hat die starre Fächeraufteilung abgeschafft und den Unterricht radikal verändert: Was die Schüler in Mathe, Deutsch oder Englisch lernen, entscheiden sie selbst. Mit jedem seiner 22 Schüler stellt Klassenlehrer Heinrich Knop jede Woche einen Arbeitsplan auf. Zu Beginn des "Lernbüros" besprechen sie, woran sie heute arbeiten: Charlotte und Sophie lösen Aufgaben im English-Workbook, Johnny schreibt an seinem Referat über Japan, und Darjusch möchte einen Mathe-Test machen.

Im Lernbüro darf nur geflüstert werden. Ab und zu ermahnt Lehrer Knop die Kinder zur Ruhe. Er sitzt vorn am Pult. Als Mailin zu ihm kommt und wissen will, wie sie ihre Mathe-Aufgabe lösen soll, sagt er: "Frag doch mal einen Experten, einen, der es verstanden hat." Der Lehrer hält nicht mehr 45 Minuten lang Vorträge, sondern moderiert im Hintergrund. "Ich bin seit 28 Jahren im Schuldienst", sagt Lehrer Knop, "so gut wie heute kannte ich meine Schüler noch nie."

Denn er hat Zeit für sie. An der Max-Brauer-Schule haben die Kinder vier Tage in der Woche bis 16 Uhr Unterricht. Während der langen Pause ab 12.30 Uhr bekommen sie Mittagessen. "Ich merke gar nicht, wie schnell der Tag vergeht, weil die Schule so viel Spaß macht", sagt Nele, 10, aus der 5 b. Auch Lehrer Knop hat mehr Spaß an seinem Job - auch wenn er länger arbeitet als früher. Seine 53 Jahre sieht man ihm nicht an, er wartet nicht auf den Ruhestand. "Diese neue Form des Unterrichts gibt mir neue Energie", sagt er.

Nur für knapp elf Prozent aller Schüler in Deutschland gibt es nachmittags an ihrer Schule ein Angebot. Damit es mehr werden, stellt der Bund bis 2007 vier Milliarden Euro zur Verfügung. Doch das Geld darf nur für Bau und Ausstattung verwendet werden. Eine Cafeteria macht aus einer Schule noch keine Ganztagsschule. Dazu braucht man Personal - bis zu 30 Prozent mehr als an üblichen Schulen. Die Kosten dafür müssen die Länder selbst tragen. An der Max-Brauer-Schule bieten deshalb Eltern und freiwillige Experten Geigenunterricht oder Sportklettern an.

Früher wusste Lehrer Knop nicht, wie viel von dem Stoff bei seinen Schülern ankommt, jetzt sieht er es genau. Ihre Fortschritte werden auf "Kompetenzrastern" festgehalten, die auf den Lehrplänen für Deutsch, Mathe und Englisch basieren. Auf den Zetteln ist im Detail beschrieben, was ein Schüler im Laufe eines Schulhalbjahres lernen soll. Bei Mathe steht beispielsweise zum Thema Zahlen: "Ich kenne mich mit großen Zahlen und Stellenwertsystemen aus." In Deutsch heißt ein Ziel für Grammatik: "Ich kann Nomen, Verben und Adjektive unterscheiden und kurze, einfache Sätze bilden." Für jede Aufgabe gibt es einen grünen Punkt. Ist das Feld abgearbeitet, gibt es einen dicken roten Punkt. Darjusch hat viele rote Punkte. Der Zehnjährige ist ein Mathe-Ass, er hat im ersten Halbjahr schon fast den Stoff der fünften Klasse gelernt. Dafür muss er sich im zweiten Halbjahr mehr um Deutsch kümmern.

Darjuschs Vater kommt aus dem Iran. Sieben von 22 Kindern der 5 b haben Eltern, die nicht aus Deutschland stammen. Die Max-Brauer-Schule liegt in Hamburg-Altona, nicht die allerbeste Adresse der Hansestadt: ein Stadtteil mit vielen Ausländern und Arbeitslosen. Für 30 Prozent der 1222 Schüler ist Deutsch nicht die Muttersprache. Hier sitzt eine Arzttochter neben dem Sohn einer Flüchtlingsfamilie. Schulleiterin Barbara Riekmann findet das gut. "Diese Vielfalt ist eine Bereicherung."

Auch in andere Schulen kommt Bewegung. Vorbild für viele ist die Jenaplan-Schule. An der Reformschule in Thüringen lernen und leben Kinder von der Vorschule bis zum Abitur. In drei Kategorien des Deutschen Schulpreises ist sie vorbildlich: mit ihrem besonderen Klima, mit dem Gemeinsinn der Schüler und bei ihrer Leistung. In Jena machen Schüler Abitur, die an einer anderen Schule überhaupt keinen Abschluss geschafft hätten.

Ebenfalls preisverdächtig:

die katholische Grund- und Hauptschule St. Martin am Bodensee. Seit mehr als 30 Jahren verbessern die Lehrer gezielt ihren Unterricht, stimmen ihn individuell auf jedes Kind ab. Schon die ganz Kleinen lernen in der Grundschule freie Stillarbeit: Sie wählen ihr Thema frei und bekommen die Zeit, die sie für ihre Aufgabe brauchen.

Renate Stiebing, Leiterin des Leibniz-Gymnasiums in Offenbach, steht mit ihren Ideen zur Veränderung am Anfang. Auch sie will raus aus dem 45-Minuten-Takt. Bereits in der fünften Klasse beginnt sie mit Methodentraining: Wie lernt man? Wie hält man ein gutes Referat?

Auch Schulen wie das Leibniz-Gymnasium, die noch nicht so viele Erfolge vorweisen können wie die Max-Brauer-Schule, die Jenaplan-Schule oder die Bodenseeschule, haben Chancen beim Deutschen Schulpreis. "Wir wollen Schulen auszeichnen, die sich auf den Weg gemacht haben", sagt Ingrid Hamm von der Bosch Stiftung. Nicht der einmal erreichte Status entscheidet über die Vergabe, sondern auch die Ausgangslage der Schule: Welche Hürden musste sie auf dem Weg zu einer besseren Schule überwinden?

Beim Schulzentrum Koblenzer Straße in Bremen sind die Probleme gigantisch. Die Schule für Gymnasiasten, Haupt- und Realschüler liegt im Bremer Stadtteil Tenever, wegen der Hochhäuser auch "Klein-Manhattan" genannt. 75 Prozent der Schüler sind Ausländer. Schulleiter Gerd Menkens sagt: "Wir müssen handeln. Sofort!" Nicht nur das Gebäude - ein Betonklotz - will er sanieren, sondern gleich die ganze Struktur.

Gute Schulen nützen allen: Schülern, Eltern, Lehrern - und der Gesellschaft. Die kann es sich nicht mehr leisten, wie bisher im internationalen Vergleich nur mittelmäßige Absolventen zu produzieren, von denen 20 Prozent nicht ausreichend lesen und schreiben können. Denn sie braucht Steuerzahler. Und die deutsche Wirtschaft braucht mehr Fachkräfte - bei schrumpfender Kinderzahl. Derzeit gehen 12,5 Millionen zur Schule, bis 2015 wird die Zahl auf 10,8 Millionen zurückgehen, prognostiziert die Kultusministerkonferenz. "Wollen wir den Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft gestalten, müssen wir massiv in Bildung investieren", sagt Ingrid Hamm. "Die nächste Generation muss die gebildetste werden, die Deutschland je hatte."

Der Schulpreis stößt auch den Wettbewerb im Schulsystem an. Für viele Lehrer ist das ungewohnt und neu. Aber auch die Schulen dürfen nicht stehen bleiben. Sie müssen Antworten finden auf die Fragen der Eltern. Und die werden in Zukunft noch eine weitere stellen: Warum kann die Max-Brauer-Schule sich so positiv verändern - und warum geht das an unserer Schule nicht?

Catrin Boldebuck / print