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EMBRYONALFORSCHUNG: Gentechnik zwingt CDU in den Spagat

Nach der turbulenten Debatte einigte sich die CDU-Spitze am Montag in der umstrittenen Frage der Gentests von im Reagenzglas erzeugten Embryonen auf einen Kompromiss.

Wenn der Bundestag am Donnerstag seine erste Grundsatzdebatte über die Möglichkeiten und Grenzen der Gentechnik beim Menschen führt, kann die CDU-Vorsitzende Angela Merkel eine gerade noch rechtzeitig abgestimmte Position vortragen. Die SPD als zweite große Volkspartei tut sich noch schwer mit diesem Thema, und sozialdemokratische Redner werden weder für ihre Partei noch für ihre Fraktion sprechen, sondern nur ihre eigene Meinung vortragen können.

Doch dieser vermeintliche Vorteil für die CDU dürfte einem zweiten Blick nicht Stand halten: Der vom ehemaligen Zukunftsminister Jürgen Rüttgers entworfene Versuch, der Gentechnik in der Medizin die Zukunft nicht zu verbauen und zugleich die ethischen Grenzen der Forschung an menschlichem Erbgut nicht zu überschreiten, blieb unvollständig. Rüttgers würde gerne die Untersuchung von im Reagenzglas erzeugten Embryonen auf solche Erbkrankheiten erlauben, die später eine Abtreibung rechtfertigen würden. Dieser Vorstoß zur Präimplantationsdiagnostik (PID) rief im CDU-Vorstand aber so massive Bedenken hervor, dass eine Antwort auf diese zentrale Frage von Ethik und Menschenbild vertagt werden musste.

Spagat misslang

Der im Titel des Positionspapiers angelegte Spagat zwischen »Werte achten« und »Chancen nutzen« misslang deshalb. Ganz offensichtlich gelang es Rüttgers nicht, die Bedenken jener zu zerstreuen, die in der PID einen Dammbruch für die Sortierung

von Embryonen nach »lebenswert« und »nicht lebenswert« sehen. Die Kritiker sehen damit eine gefährliche Nähe zu den Prinzipien der Eugenik, die den Nationalsozialisten als Begründung gedient hatten für die Ausrottung »rassisch Minderwertiger«.

Auch auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Merkel konnte Rüttgers in der Berliner CDU-Zentrale am Montag seine Position zur PID nicht zu 100 Prozent schlüssig erklären. Selektion komme nicht in Frage, betonte er. Und: »Es gibt kein Recht auf ein gesundes Kind - behindertes Leben ist gleich wertvoll.« Zudem sei PID kein Selektions-, sondern ein Diagnoseverfahren.

Doch Diagnosen führen zu Konsequenzen, und eine Antwort darauf, zu welcher Konsequenz die Diagnose »schwerste Behinderung« führen kann, deutete Rüttgers nur an. Im Positionspapier ist die Rede von der Konfliktsituation von Paaren mit Kinderwunsch, »die auf Grund eines hohen Risikos für bekannte und schwer wiegende genetisch bedingte Erkrankungen des Ungeborenen eine Präimplantationsdiagnostik in Anspruch nehmen möchten, um einen späteren Schwangerschaftsabbruch nach medizinischer Indikation zu vermeiden.«

Rechtslage »unmenschlich«

Rüttgers nannte die derzeitige Rechtslage »unmenschlich«: Ein als erbkrank erkannter Reagenzglas-Embryo müsste zunächst in den Mutterleib übertragen werden und könnte dann als »medizinische Indikation« abgetrieben werden. Im Klartext müsste dies heißen, dass bei der Diagnose »schwere Erbkrankheit« der Embryo nicht in den Mutterleib verpflanzt, also im Reagenzglas

getötet wird - das aber wäre ohne Zweifel Selektion.

Darauf weist auch die Passage im Positionspapier hin, in der die CDU dafür plädiert, PID, Pränataldiagnostik und Spätabtreibungen bei der weiteren Diskussion in einem engen Zusammenhang zu sehen. Denn gängige Praxis sind heute Untersuchungen des Fruchtwassers der schwangeren Frau, bei denen schwere Erbkrankheiten wie Mongolismus festgestellt werden können. Bei schweren Behinderungen können Abtreibung nach medizinischer Indikation folgen. Die Frage wird dann lauten, was eine »Selektion im Reagenzglas« von dieser »Selektion im Mutterleib« unterscheidet.

Detlev Rudel, AP