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EU-geführter Einsatz "Atalanta": Piratenjagd ohne Folgen frustiert Bundeswehr

Piraten bekämpfen - das ist die Aufgabe der Bundeswehr am Horn von Afrika. Doch der Einsatz ist mühsam. Denn die Wurzeln der Piraterie werden mit dem EU-geführten Einsatz "Atalanta" nicht angepackt.

Es geht um ein Seegebiet, das rund 20 Mal so groß wie Deutschland ist. Kann die EU-geführte Piratenjagd "Atalanta" da überhaupt etwas ausrichten? Andreas Heise überlegt kurz. Dann meint der 34-jährige Korvettenkapitän aus Jever: "Man muss sich auf bestimmte Gebiete konzentrieren. Dann ist es nicht unwirksam."

Seit drei Jahren ist die Bundesmarine für "Atalanta" nun vor der Küste Afrikas unterwegs - ein Ende des Einsatzes ist nicht absehbar. Bei seinem zweitägigen Besuch in Dschibuti zog Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) eine durchaus kritische Zwischenbilanz.

Die "Erfolgsquote" der Piraten beim Entführen von Schiffen sei gesunken, sagt der Minister. "2007 wurde jedes vierte Schiff, das angegriffen wurde, gekapert. Heute ist es jedes 14. Schiff."

Vielleicht spielte dabei auch Glück eine Rolle. Oder die Piraten änderten ihre Strategie. Oder aber die Maßnahmen der Reeder zeigen Wirkung. Das könnten einfache Dinge sein - wie zum Beispiel, die Bordwände mit Schmierseife einzureiben oder Stacheldraht zu verlegen, damit die Piraten nicht so einfach entern können. Geraten wird den Schiffsführern auch, die gefährliche Region lieber im Konvoi zu durchfahren - Ratschläge, die die Reeder zunehmend doch beachten.

De Maizière weiß, dass nackte Zahlen trügen können - er will keine reine Erfolgsbilanz verkaufen bei seinem ersten Besuch in Dschibuti. Mit der Piraterie bekämpfe man nur ein "Symptom", räumt er ein. Das eigentliche Problem liegt ganz woanders: in Somalia. Dort müssten Piraten andere, legale Einkommensmöglichkeiten bekommen. Und in Somalia sitzen die Hintermänner der Piraten - ohne Polizei und Staatsanwalt fürchten zu müssen.

Die Übeltäter festzusetzen und vor Gericht zu bringen, bleibt schwierig. Das frustriert ganz sicher auch die Soldaten, weiß er. "Bei der Bekämpfung der Ursachen müssen wir mehr tun. Das ist eine politische Aufgabe", räumt de Maizière ein.

Auch Flottillenadmiral Thomas Jugel sieht die Dinge nüchtern, nachdem er nach vier Monaten das Kommando über "Atalanta" abgegeben hat. "Natürlich ist es frustrierend, dass die Strafverfolgung nicht so stattfindet, wie ich mir das wünschen würde als militärischer Führer", räumt er ein.

In seiner Zeit als Befehlshaber hätten 54 Piraten in Somalia einfach wieder an Land gesetzt werden müssen. "Es war nicht möglich nachzuweisen, dass die Piraten Handelsschiffe angegriffen waren", erklärt er. Nur wenn die Piraten auf frischer Tat erwischt werden, können die Täter zur Verantwortung gezogen werden - in welchem Land, das ist dabei noch eine ganz andere Frage.

Der Militäreinsatz vor Afrika kann somit noch andauern. Erst am Donnerstag hatte der Bundestag das Mandat um ein weiteres Jahr verlängert. Mit aktuell rund 550 Soldaten handelt es sich um den drittgrößten Auslandseinsatz der Bundeswehr. Dennoch findet er - vor allem im Vergleich zum umstrittenen und gefährlichen Afghanistan-Einsatz - in der Öffentlichkeit kaum Beachtung.

Der Einsatz vor Afrika ist unspektakulärer. An vielen Tagen passiert nichts oder nicht viel - und das ist für die Soldaten auch eine Herausforderung. "Am anstrengendsten ist der tägliche Dienst", erzählt Heise. Die Enge an Bord, die Eintönigkeit versuche man zu bekämpfen.

Sieben Schiffe mit 200 Menschen an Bord befinden sich derzeit in Gewalt von Piraten. Heise stellt die EU-Mission nicht infrage. "Jedes Schiff, was nicht gekapert wird, jede Piratenattacke, die wir verhindern können, ist auf jeden Fall ein Erfolg", sagt der 34-Jährige, der sich nun auf die Heimreise freut. Nach dem Kommandowechsel wird die Fregatte "Bayern" sich noch in dieser Woche auf den Heimweg machen - um Weihnachten zu Hause zu sein.

Bettina Grachtrup, DPA / DPA