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Ex-Afghanistan-Geisel: Als der "Henker" weinte

Die beiden Schlimmsten nannte er "Psychopath" und "Sadist". Doch nach Wochen in Taliban-Gefangenschaft erlebte die deutsche Ex-Geisel Rudolf Blechschmidt, wie sich die Einstellung seiner Entführer zu ihm änderte. Am Ende retteten sie ihm sogar das Leben. Dem stern erzählte Blechschmidt von diesem faszinierenden Prozess.

Von Christoph Reuter

Was geschieht, wenn ein 62-jähriger Deutscher von Taliban verschleppt wird, die ihn bei jeder Gelegenheit mit Gewehrkolben traktieren und nach einem Tag seinen vor Erschöpfung zusammengebrochenen Kollegen erschießen? Die ihrer verbliebenen Geisel immer wieder lautmalerisch vorspielen, wie sie sie in die Luft sprengen werden. Was geschieht, wenn einer 84 Tage lang in der Gewalt solcher Männer ist, die bedenkenlos töten und behaupten, ebenso leichthändig sterben zu können?

Viel. Und Unerwartetes. In den ersten Tagen, nachdem die Taliban Rudolf Blechschmidt am 18. Juli in der zentralafghanischen Provinz Wardak entführt hatten, misshandelten sie ihn derart, dass er bis heute schlecht hört: "Aber danach haben sie mich nie wieder geschlagen." Nach und nach aber setzte ein faszinierender Prozess ein: Blechschmidt, der sich ruhig und ziemlich furchtlos verhielt, fand langsam den Respekt der Kidnapper. Selbst zwei unter ihnen, denen er die Spitznamen "Psychopath" und "Sadist" gegeben hatte, weil sie sich wie welche verhielten, ließen ihn in Ruhe. Sie verabschiedeten sich mit Handschlag, der Sadist sogar mit Tränen in den Augen, als sie nacheinander zu Selbstmordattentaten aufbrachen.

Respekt und Sympathie für ihr Opfer

Blechschmidt war wertvoll als Geisel - aber das war Rüdiger Diedrich, sein Kollege, auch gewesen. Trotzdem hatte der "Psychopath" ihn einfach erschossen, sobald er nicht mehr Laufen konnte. Als Rudolf Blechschmidt nach mehr als zwei Monaten tatsächlich schwer krank wurde, hielt der Vize des Talibankommandanten stundenlang seine Hand: "Der hat fast geweint, weil ich so apathisch dalag". Als ob ein umgekehrtes Stockholm-Syndrom eingesetzt hätte: Nicht die Geisel solidarisiert sich mit ihren Entführern. Sondern die beginnen, Respekt, ja sogar Sympathie für ihr Opfer zu entwickeln. Und retten es am Ende vor anderen Taliban, die Blechschmidt umbringen wollten.

Denn nachdem am 27. September die lang verhandelte Übergabe Blechschmidts gescheitert daran war, dass der afghanische Geheimdienst die beiden Vermittler in Kabul mit dem Lösegeld festnahm, dachte Rudolf Blechschmidt: "Jetzt ist es aus." Wütend in der Annahme, von "den Deutschen" verraten worden zu sein, schleppten die Taliban Blechschmidt und seine fünf afghanischen Mitgefangenen in ein entlegenes Gehöft: "Drinnen saßen bestimmt 30 Taliban und haben mich finster angeschaut. Einige meiner Afghanen hatten schon Tränen in den Augen. Was denn los sei? Da hat einer gesagt: Die unterhalten sich gerade, ob sie uns erschießen oder die Kehle durchschneiden werden."

Nur noch der "Henker" war da

Die beiden Kommandanten ihrer Entführergruppe verteidigten Blechschmidt, er könne doch nichts dafür. "Aber um drei Uhr morgens hieß es: Wieder los, in die Berge. Ohne Kochtöpfe, ohne Decken, nur die Taliban mit den Waffen. Kein gutes Zeichen, dachte ich mir." Doch statt seiner Hinrichtung begann die bizarrste Episode seiner Verschleppung: Die sechs wurden in eine Lehmhütte gebracht, die zuvor schon den koreanischen Geiseln als Quartier gedient hatte. Nur noch "der Henker", wie Blechschmidt den stets maskierten Zuständigen für Hinrichtungen nannte, saß bei ihnen. Die anderen Taliban waren im Morgengrauen zurückgelaufen.

Die afghanischen Gefangenen "fingen bitterlich an zu weinen", erinnert sich der Deutsche: "Dann kam der Henker rein, fragte: Was ist denn hier los? Er hat sich dazugesetzt und auch angefangen zu weinen, die Tränen sind dem unter der Gesichtsmaske rausgelaufen. Ich denk', das ist ja ganz sonderbar. Auf einmal zieht der seine Tokarev-Pistole, schmeißt sie dem nächsten Afghanen hin und sagt: "Erschieß du mich!" Der Afghane wirft sie wieder zurück, schmeißt der Henker sie mir hin. Ich soll ihn erschießen. Ne, habe ich mir gesagt, du erschießt den auch nicht, und hab' ihm seine Tokarev wieder zurückgeworfen. Da war klar, wir werden nicht erschossen."

Am Nachmittag geht es zurück ins Tal, zwei Wochen später sind sie frei.

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