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Fall Kampusch: Verlies statt Schule

Trotz ihrer jahrelangen Gefangenschaft hat Natascha Kampusch ein erstaunlich hohes Bildungsniveau. Wie konnte sie sich solch ein Wissen aneignen? Wissenschaftler führen das vor allem auf "Zeitluxus" zurück.

Von Matthias G. Bernold, Wien

Mit ihrem Fernsehauftritt, den weltweit Millionen Menschen mitverfolgten, avancierte die 18-jährige Natascha Kampusch zur bekanntesten Österreicherin. Nicht nur, dass sie die acht Jahre ihrer Gefangenschaft überlebte, sondern die Art und Weise, wie sie sprach, fesselte das Publikum. Druckreife Formulierungen, Niveau einer Universitätslehrerin, Grimm'sche Märchendiktion - so und so ähnlich beschrieben Zuhörer die Antworten des Mädchens. Für Linguisten und Erziehungs-Wissenschaftler ist der Fall aus mehrfacher Sicht interessant. Wuchs doch Kampusch - einmal abgesehen von der Gesellschaft ihres vermutlich geisteskranken Entführers - in völliger Isolation auf, ohne gleichaltrige Freunde oder Geschwister, ohne Mobiltelefon, ohne Internet und Computerspiele. Ein Kaspar Hauser des 21. Jahrhunderts.

Der Wiener Kinder- und Jugendpsychiater Max Friedrich aus Kampuschs Betreuerstab, der sich selbst als "großväterlicher Freund" der 18-Jährigen bezeichnet, ist überzeugt, dass der Fall die geltende Auffassung von Bildung erschüttern wird. "Die Lehrbücher werden umgeschrieben werden müssen", sagt Friedrich, der in der Vergangenheit mehrere Bücher zum Thema Erziehung verfasste.

Kampusch schöpfte ihr Wissen aus der Lektüre von Kinder- und Jugendklassikern. Sie las Robinson Crusoe, Onkel Toms Hütte, Oliver Twist. Sie hatte - wie sie ihren Beratern verriet - die Möglichkeit zu selektieren, konnte sich Bücher wünschen. Sie hörte den staatlichen Radiosender Ö1, der wie kein anderes ORF-Produkt den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag hochhält. Sie durfte österreichische Tageszeitungen wie den "Standard" und die "Salzburger Nachrichten" lesen. Nur hinterher untersuchte Wolfgang Priklopil akribisch die Blätter auf Notizen oder versteckte Botschaften. Manchmal sah sie Videofilme und Seifenopern. Dass Natascha Kampusch heute ist, wie sie ist, dass sie weiß, was sie weiß und spricht, wie sie spricht, führt Friedrich nicht nur auf Qualitätsmedien, sondern vor allem auf "Zeitluxus" zurück: "In unserer Welt, in unserem Erziehungs- und Bildungssystem, ist Zeit zu Terror geworden. Eine Nacht lang im Chat oder vor Computerspielen überfordert uns ganz massiv. Natascha Kampusch hatte die Zeit nachzudenken, zu fantasieren, etwas umzuformen, zu verwerfen, zu präzisieren."

Analysieren, bevor Besonderheiten ausgelöscht werden

Auch Kaspar Hauser, der am 26. Mai 1828 in Nürnberg aufgefunden wurde und lange Zeit einsam in einer dunklen Kammer ohne Kontakt zur Außenwelt gefangen gehalten worden sein soll, weckte das Interesse der Forscher seiner Zeit. Juristen, Theologen und Pädagogen führten an dem Jugendlichen, der anfangs kaum sprechen konnte, Untersuchungen durch. Ein Germanist soll jetzt Kampuschs Ausdrucksweise so schnell wie möglich analysieren, bevor der alltägliche Dialog die Besonderheiten auslöscht. Nach einer Ruhephase werden intensive körperliche, psychologische und pädagogische Checks beginnen. Friedrich ist die Begeisterung als Forscher deutlich anzumerken, wenn er den Fall als "sensationell" bezeichnet. Er will behilflich sein, wenn Kampusch ein Buch über ihre Gefangenschaft verfasst.

"Wir sind erst am Anfang einer Analyse", sagt Friedrich, "müssen langsam herausfinden, wo ihre Stärken liegen. Und damit können wir dann arbeiten, können ihr helfen, sie lenken, führen, stützen, bilden". Zwei Jahre werde es mindestens dauern, bis man von gesicherten Erkenntnissen sprechen können werde. Eines sei aber jetzt schon klar: "Wir werden nicht umhin kommen, darüber nachzudenken, wie Bildungssysteme in Zukunft ausschauen sollen."