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FDP-Youngster Philipp Rösler: "Bei Asiaten denken immer alle, der kann Karate"

Geboren in Vietnam, adoptiert, Arzt und nun, mit 35, Wirtschaftsminister in Niedersachsen. FDP-Politiker Philipp Rösler über Heimat, Nationalstolz und sein Leben als "Chinese" in der deutschen Politik.

Herr Rösler, von CDU-Leuten wurden Sie "der Chinese" genannt.

Wie ich aussehe, ist ja offensichtlich. Man kann das den Kollegen wohl nicht verdenken.

Werden Sie als vollwertiger Niedersachse anerkannt, sturmfest und erdverwachsen?

Spätestens seit ich das Ostfriesenabitur gemacht habe: Teetrinken, Krabbenpulen, Padstockspringen über die ostfriesischen Priele. Dann noch Kuhmelken, wobei das eine Holzkuh ist. Man kann nur bestehen oder nicht.

Und?

Es lief alles glatt.

Medizinstudium, mit 27 FDP-Generalsekretär in Niedersachsen, mit 30 Fraktionschef. Nun wird "der Chinese" Landesminister, mit 35 Jahren der drittjüngste in der Republik. Sind Sie ein Streber?

Es hat sich oft zufällig ergeben. Man darf nicht vergessen, Anfang der Neunziger, als ich bei der FDP anfing, waren das nicht die besten Zeiten für die Partei. Da hat keiner gedacht, man tritt ein, um in 17 Jahren Wirtschaftsminister zu sein.

Sie sind in Vietnam geboren und wurden mit neun Monaten adoptiert. Kommt daher ein Bedürfnis, sich zu bewähren und möglichst erfolgreich zu integrieren?

Es ist doch so: Wenn ich Sie angucke, sehen Sie europäisch aus. Wenn Sie mich angucken, dann sehe ich asiatisch aus. Aber wenn das Erste, woran Sie sich erinnern können, der Kindergarten in Hamburg-Harburg ist, dann stellt sich die Frage nach Integration nicht.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie anders aussehen als gebürtige deutsche Kinder?

Mein Papa hat ganz früh schon mit mir darüber geredet, nach dem Motto: "Jetzt gucken wir uns mal an im Spiegel."

Haben Sie sich besonders gefühlt?

Ja, manchmal dachte ich, wo kommst du denn her, ob du wohl ein verschollener Prinz bist?

Und Ihre ersten Lebensmonate haben Sie nie interessiert?

Durch Zufälle habe ich erfahren, dass ich aus einem katholischen Waisenhaus in der Nähe von Saigon stamme.

Den Vornamen Philipp haben Sie schon in Vietnam bekommen?

Nee, von meinem Papa.

Wie war der richtige Name?

Ich glaube, da gab's keinen. Die hatten da andere Sorgen, als sich einen richtig schönen Namen auszusuchen.

Hatten Sie nie das Bedürfnis, Ihre leiblichen Eltern zu finden?

Nein. Für mich ist mein Adoptivvater wie ein leiblicher Papa. Deswegen hatte ich auch nie das Bedürfnis, nach meinen "Wurzeln" zu suchen. Sie suchen ja nur, wenn Ihnen etwas fehlt. Mir hat nichts gefehlt.

Sie haben bis 2006 gewartet, um das erste Mal nach Vietnam zu reisen.

Dass wir überhaupt gefahren sind, lag an meiner Frau, die gesagt hat: Wenn wir Kinder kriegen, wollen wir ihnen sagen können, wo der Papa herkommt. Mal abgesehen davon ist es ein schönes Reiseland.

Hatten die Leute dort das Gefühl: Das ist einer von uns?

Die haben sich gewundert, aber aus Höflichkeit mich nie direkt darauf angesprochen. Viele haben auch gedacht, ich sei ...

... Chinese?

Nein, Japaner.

Ist Heimat für Sie Vietnam oder Bückeburg?

Heimat ist auf jeden Fall Niedersachsen. Herbert Grönemeyer hat ja mal gesagt: Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl.

Sind Sie stolz darauf, Deutscher zu sein?

In dem Sinne, dass ich hier mit dabei bin und in der Politik aktiv sein kann, bin ich stolz. Aber nicht in dem Sinne, dass wir besser sind als andere Nationen.

Wurden Sie in der Jugend blöd angemacht wegen Ihres Aussehens?

Nee, bei Asiaten denken immer alle, man kann Karate. Ich bin eigentlich nie angepöbelt worden, weil ich asiatisch aussehe, nur gelegentlich, weil ich bei der FDP bin.

Sie haben mal gesagt, mit 45 steigen Sie aus der Politik aus. Halten Sie daran fest?

Ja. Ich habe mit 30 gesagt: Okay, 15 Jahre machst du das, und dann ist Schluss. Denn ich glaube, dass Politik den Menschen verändert. Man wird misstrauischer.

Sind Sie es schon geworden?

Noch ist es so: Treffe ich meine beiden Stellvertreter zufällig in einem Café, freue ich mich und trinke etwas mit ihnen. Wenn ich aber in Berlin in irgendeinem Amt zwei Stellvertreter hätte und würde die im Café sitzen sehen, würde ich alles glauben, nur nicht, dass sie sich zufällig träfen. Ich würde unterstellen, die wollen mich stürzen.

Was wollen Sie mit 45 machen?

Ich könnte mir vorstellen, in eine politische Stiftung zu gehen, die anderswo hilft, Demokratien aufzubauen.

Haben Sie nicht Angst, dass Ihnen Politik fehlen würde, der Kampf, die Rivalitäten ...

Das ist ja nichts Positives, es sei denn, man ist so gepolt. Ich bin nicht so gepolt.

Sie sind ein Softie?

Nee, sonst wäre ich nicht so früh Generalsekretär geworden. Aber ich habe keine innere Freude daran, sich zu bekämpfen.

Rasten Sie niemals aus? Otto Schily soll mit Gegenständen nach seinen Mitarbeitern geworfen haben.

Ich bin Katholik. In der Kirche lerne ich Demut. Das heißt am Ende, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

Sie haben mit anderen jüngeren FDP-Politikern eine emotionalere FDP gefordert. Was meinen Sie damit?

Wir reden in der FDP nicht genug über Werte. Was macht uns aus? Was prägt uns? Wie ist unser Lebensgefühl?

Wie erklären Sie sich, dass die FDP bei Jüngeren als uncool gilt?

Das ändert sich, allmählich. Wenn man sich ein Milieu anguckt wie den Prenzlauer Berg in Berlin - junge Eltern, cool und weltoffen - und sich mit denen unterhält, findet man viel Übereinstimmung. Frage ich aber, was wählt ihr, sagen die wenigsten: logisch, FDP. Da gibt es eine Diskrepanz. Image ist wie Zahnpasta. Einmal aus der Tube gedrückt, kriegt man die nicht mehr zurück.

Sie haben drei Monate alte Zwillinge. Elternzeit nehmen Sie nicht?

Kann ich nicht, aber ich nehme mir Freiräume, versuchsweise sind es Sonntage.

War die Entscheidung für Kinder auch eine Entscheidung dafür, sich nicht völlig vom politischen Betrieb auffressen zu lassen?

Man sollte Kinder nicht kriegen, um einen Ersatz zu haben. Wir wollten Kinder wegen der Kinder.

Und Sie wollen noch mehr?

Ich wollte fünf. Jetzt wollen wir vier. Man wird ja realistischer.

Will Ihre Frau weiter als Ärztin arbeiten?

Ja, auf jeden Fall. Sie steigt wohl in einem Jahr wieder ein.

Würde sie Ihnen den Kopf abreißen, wenn Sie nicht mit 45 aussteigen?

Das auch, wobei, sie würde mir eher den Kopf abreißen, wenn ich jetzt sagen würde: Freunde, ich gehe nach Berlin. Früher haben sich Frauen nach den Männern gerichtet. Jetzt sagen sie zu Recht: Glaub nicht, wenn du nach Berlin gehst, gehe ich mit.

Wenn Sie 45 sind und Guido Westerwelle würde sagen: Du kommst ins Bundeskabinett! - dann antworten Sie: Nee, ich habe immer gesagt, ich höre jetzt auf?

Ja, denn Sie würden mich sonst wahrscheinlich an die Wand nageln und vierteilen. Ich glaube, das würde nicht gehen. Man muss sich treu bleiben.

Interview: Tilman Gerwien und Dorit Kowitz / print