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Feierstunde für Helmut Kohl: Das Leben des Altkanzlers "hat einen Sinn gehabt"

Helmut Kohl selbst kullerten schon die ersten Tränchen übers Gesicht, als die Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Eva Lohse die Gäste bei dem Festakt zu seinem 80. Geburtstag begrüßte.

Helmut Kohl selbst kullerten schon die ersten Tränchen übers Gesicht, als die Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Eva Lohse die Gäste bei dem Festakt zu seinem 80. Geburtstag begrüßte. Am Ende der zweistündigen Veranstaltung im Pfalzbau seiner Heimatstadt gab es aber wohl keinen der 800 hochkarätigen Ehrengäste aus dem In- und Ausland mehr, der nicht ergriffen gewesen wäre. In einer bewegenden Ansprache sagte der nach einem schweren Unfall an den Rollstuhl gefesselte Altkanzler Dankesworte und zog selbst die Bilanz seines Lebens: "Es hat einen Sinn gehabt", sagte er.

Auch wenn er nicht immer gut zu verstehen war, zeigte der schon vor gut einem Monat 80 gewordene Kanzler der deutschen Einheit, dass er noch hellwach ist: Sogar zum aktuellsten innen- und europapolitischen Thema fand Kohl deutliche Worte. Er könne gar nicht verstehen, dass manche so täten, als gingen sie die Finanzprobleme Griechenlands gar nichts an, sagte er und fügte unmissverständlich hinzu: "Wir müssen alles tun, um den Griechen zu helfen."

Nicht umsonst hatte die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel ja kurz zuvor neben der deutschen Einheit und der europäischen Einigung auch die Einführung des Euros als große historische Leistung Kohls gewürdigt. Da konnte der Jubilar nahtlos anknüpfen: "Die europäische Einigung ist eine Frage von Krieg und Frieden und die Einführung des Euros ein Stück Friedensgarantie", schrieb er allen Skeptikern ins Stammbuch.

Und Kohl schilderte auch, wie er durch sehr persönliche Erlebnisse zum überzeugten Mann des Friedens wurde: Als 15-Jähriger hatte er in den letzten Kriegstagen zusammen mit anderen Schülern Leichen bergen müssen. Und als er auf einen "gerade Füsilierten" als ersten Toten stieß, sei ihm schon klargeworden: "Krieg kann nicht die Antwort auf die Probleme der Menschen sein", sagte er in seiner vielfach bewegenden Rede.

In der zeigte Kohl zugleich, dass ihm auch der Humor noch nicht abhanden gekommen ist. Er wolle ja seiner Frau Maike gerne die Glückwünsche zum ersten Hochzeitstag übermitteln, "aber ich hätte nie gedacht, dass so viele Menschen dabei sind", fügte er hinzu. Und als er sich später noch einmal dafür bedankte, dass so viele gekommen sind, fügte er lakonisch hinzu: "Dabei hätte es ja viele Gründe gegeben abzusagen."

Kurz vor dem Festakt hatten noch Befürchtungen die Runde gemacht, Merkel müsse der Geburtstagsfeier ihres Vor-Vorgängers wegen der Sondersitzung des Bundestags zur Griechenland-Hilfe doch fernbleiben. Aber sie kam dann doch rechtzeitig aus Berlin und gratulierte Kohl, mit dem sie ja nicht immer ein Herz und Seele war, in einer sehr persönlich gehaltenen Rede. So würdigte die Kanzlerin nicht nur seine Verdienste um die Einheit und um Europa. Sie pries auch seine menschlichen Qualitäten - etwa als sie Anfang der 90er Jahre einen schweren Beinbruch hatte und der Kanzler fast täglich nach ihrem Wohlergehen fragte. Und sie erzählte auch, wie Kohl sie zur Frauenministerin machte und vorher fragte: "Verstehen Sie sich mit Frauen?"

Aber nicht nur Merkel folgte ja der Einladung zur Feier in dem Ludwigshafener Zweckbau. Es kamen so viele hochrangige Politiker, Wirtschaftsführer, Kirchenvertreter, ausländische Staatsmänner und sonstige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, dass Alarmstufe Eins herrschte. In der Ludwigshafener Innenstadt galten strengste Sicherheitsvorkehrungen, selbst Scharfschützen wurden nach Augenzeugenberichten vorsichtshalber postiert. Kein Wunder: Wenn bei dem Festakt etwas passiert wäre, hätte es womöglich noch den Flugzeugabsturz der polnischen Staatsspitze in den Schatten gestellt.

Neben Merkel kamen auch Bundespräsident Horst Köhler, Vizekanzler und Außenminister Guido Westerwelle, der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, dessen Länderkollegen Roland Koch, Stefan Mappus und Christine Lieberknecht, die Bundesminister Rainer Brüderle, Ronald Pofalla und Norbert Röttgen, Kardinal Karl Lehmann, die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, ehemalige Spitzenpolitiker von Hans-Dietrich Genscher bis Edmund Stoiber und Wirtschaftsführer von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt bis BASF-Vorstandschef Jürgen Hambrecht sowie ausländische Politiker wie der schwedische Außenminister Carl Bildt und der ehemalige italienische Regierungschef Romano Prodi.

Die Reden waren vielfach sehr persönlich gehalten. So versicherte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, nicht nur hänge in seinem Amtszimmer noch immer ein von Kohl angeschafftes Max-Slevogt-Gemälde, auch der Weinkeller in der Staatskanzlei sei noch so wie von diesem einst als jüngster Ministerpräsident eingerichtet. Geradezu brillant wirkte aber die Laudatio von Altbundespräsident Roman Herzog. Er sparte auch Schwächen Kohls nicht aus, wies aber dennoch dessen Kritiker in die Schranken. Der Exkanzler sei immer sehr verlässlich und gelassen gewesen, und das habe der Politik nur gut getan.

Und am Ende kam auch Kohl zu dem Ergebnis: "Der liebe Gott hat es gut mit mir gemeint." Jetzt hoffe er aber auch, noch ein paar Jahre erleben zu dürfen.

Gerhard Kneier, APN / APN