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Frank-Walter Steinmeier: Ein Wadenbeißer aus Pflichtbewusstsein

Frank-Walter Steinmeier besucht "seinen" Fußballverein im Lippischen zum hundertjährigen Jubiläum. Zwischen Mehrzweckhalle und Sportplatz ist man sich hier sicher: "Der kann das!" Und zwar alles, einschließlich Kanzler. Ein Bericht aus der Provinz.

Von Johannes Schneider

Ein Wadenbeißer sei Frank-Walter Steinmeier gewesen, sagt Hans Null, "einer wie Berti Vogts oder Katsche Schwarzenbeck". Null ist, während hier alles noch auf Steinmeier wartet, vorübergehend der Star des Abends. Er hat den heutigen Außenminister "seit der Jugend" trainiert, er kennt den Fußballer Steinmeier wie kein anderer. Und um den Fußballer mit dem Beinamen "Prickel" soll es doch gehen, wenn Steinmeier seinen Heimatverein, den TuS Brakelsiek 08, zum hundertjährigen Jubiläum besucht. Nicht um die Bundespolitik, nicht um Kanzlerkandidaturen. Sie wollen einfach feiern. Und "Frank" soll dabei sein.

Auf stille Weise guter Dinge

Brakelsiek begeht den Geburtstag seines Fußballvereins, wie ein lippisches Dorf solche Geburtstage begeht, Außenminister hin oder her: Auf ein aufwändiges Catering wurde verzichtet, stattdessen öffnet um sechs Uhr der Würstchenstand. Die Männer tragen rotweiße Krawatten und sind - auf eine stille Weise - guter Dinge. Sie freuen sich darauf, dem "Frank" später auch so eine zu überreichen. Niemand beschwert sich, dass ausgerechnet jetzt, wo das Licht der Welt- oder zumindest der deutschen Öffentlichkeit auf Brakelsiek fällt, das Wetter nicht mitspielt. "Mit dem Sommer wird das nix mehr", konstatiert einer im Dauerregen, erntet Nicken, trinkt sein Bier.

Wer Frank-Walter Steinmeier, den Unaufgeregten, Unauffälligen, verstehen will, tut gut daran, die Leute in seinem Heimatdorf kennen zu lernen, zumal dann, wenn Steinmeier selbst zurückkehrt. Hier scheinen alle auch dann noch gelassen, wenn der ranghöchste Diplomat der Bundesrepublik auftaucht, einer, der außerhalb der Staatsgrenzen protokollarisch als "Seine Exzellenz" angesprochen werden muss. In Brakelsiek käme auf diese Idee wohl niemand, es sei denn, Steinmeier selbst fasste den tollkühnen Plan, Schützenkönig in seinem Heimatort zu werden. Bis dahin kennen die Leute hier "nur den Frank", wie Hans Null nun nicht müde wird zu betonen, hier, "wo sich eh alle duzen".

Der Inbegriff des bodenständigen Westfalen

Vielleicht hat man hier, wo sich eh alle duzen, aber auch schlichtweg noch nicht ganz verstanden, dass sich da einer aus ihren Reihen anschickt, für das höchste Regierungsamt im Staat zu kandidieren. "Naja, es haben hier ja auch schon andere rausgeschafft", sagt Heinz-Günter Ermer, Trommler und erster Kassenwart im Spielmannszug - und nennt als Beispiel Gert Klaus, den Bürgermeister der benachbarten Stadt Schieder-Schwalenberg. Eine Analogie, die dann doch nur auf den ersten Blick unstimmig ist: Denn dieser Gert Klaus ist wie auch Steinmeier der Inbegriff des bodenständigen Westfalen. Den Vergleich zum Kollegen aus der Bundespolitik quittiert Klaus mit einem zurückhaltenden Schmunzeln. "Najanaja", sagt er, der ein Jahr jünger ist als Steinmeier und ihn "natürlich" von Kindesbeinen an kennt, auch wenn man unterschiedlich Interessen gehabt habe: er, Klaus, die Musik, den Spielmannszug, "Frank" den Fußball, den TuS.

Wie dieser TuS einen angeblichen "Wadenbeißer" hervorgebracht haben soll, ist mit Blick auf diesen ruhigen Menschenschlag, zumal mit Blick auf Steinmeier selbst, schwer vorstellbar. Hans Null relativiert dann auch gleich: "Der Frank war halt so einer, dem hat man gesagt ‚Den deckst du!', und dann hat er den ausgeschaltet." Pünktlich sei er zudem gewesen, trainingsfleißig und zuverlässig, pflichtbewusst eben, ein Wadenbeißer aus Pflichtbewusstsein. So, wie er jetzt ein pflichtbewusster, unaufgeregter Staatsmann geworden ist.

Staatsmann im Audi A3

Ein Staatsmann, der im kleinen Audi A3 mit Lipper Kennzeichen vorfährt. Fast hätte man ihn nicht bemerkt, doch jetzt steht er unter "seinen Leuten", und ja, sie kennen ihn tatsächlich alle noch, wie auch nicht, war er doch erst letzte Woche da, "weil sein Vadder Geburtstag hatte", was wiederum Hans Null weiß, der auch weiß, dass Steinmeier da seine Bodyguards einfach "nach Hause" geschickt habe.

Auch jetzt - beim Zug durch die Gemeinde mit anschließender Kranzniederlegung für die "verstorbenen Sportkameraden" am Kriegerehrenmal - ist kaum Security anwesend. Uniformiert scheint nur der Spielmannszug, der "Scotland The Brave" und "Preußens Gloria" gleich zweimal spielt, am Ehrenmal dann "Ich hatt' einen Kameraden". Steinmeier geht und steht kameradschaftlich neben Gert Klaus, ein Klassenunterschied ist nicht bemerkbar, höchstens darin, dass Steinmeiers Sakko die Regentropfen besser absorbiert als dasjenige von Klaus. Beide scheinen sie etwas steif und ernst, typisch Steinmeier eben, nur, dass er damit hier volksnah ist.

"Ruhig, ausgeglichen, seriös und kompetent"

Zurück am Vereinsheim bekommt Steinmeier dann endlich seine Krawatte, die er nicht gleich umbindet, was hier aber auch niemand erwartet hätte. Kurt Beck hätte das vielleicht gemacht, aber über den wollen sie hier nicht so gerne sprechen, sie mögen "seine Art" nicht, und das kann man von Leuten, die Steinmeier gewohnt und selbst ein bisschen Steinmeier sind, auch nicht erwarten. Auch Gert Klaus, der den Platz an Steinmeiers Seite für die Honoratioren des Sportvereins freigemacht hat, möchte sich zu dessen potentiellen Rivalen nicht äußern.

"Die Bundespolitik ist heute nicht Thema", sagt Klaus, der sich dann aber doch noch zu einem bundespolitischen Statement hinreißen lässt: Die Agenda 2010 sei wichtig und richtig gewesen, spricht Klaus das scheinbar Unpopuläre aus, das aber ihm, dem hier Wahlergebnisse deutlich jenseits der 50 % sicher sind, so wenig zu schaden scheint wie dem beliebtesten SPD-Mann Steinmeier. Irgendwas machen diese Leute richtig, und hier, wo man Steinmeier kennt, sind sich alle sicher, dass "Frank" einen guten Kanzler abgeben würde. "Ruhig, ausgeglichen, seriös, beobachtend und absolut kompetent", beschreibt Gert Klaus den Kollegen und wohl auch ein bisschen sich selber. Er traut Steinmeier das Kanzleramt locker zu, wie eigentlich alle hier. "Das kann der", sagt auch Hans Null. So, wie einst das Wadenbeißen.