Fußball und Politik "Merkel ist authentisch"


Wenn Politiker zu Fußballfans werden, kann das sehr volksnah wirken - oder auch sehr peinlich. Der Historiker Wolfram Pyta erklärt im Interview mit stern.de, warum die Politprominenz lange Zeit das Leder verachtete - und was Oskar Lafontaine beim WM-Halbfinale 1990 im Fernsehen zu suchen hatte.
Von Sebastian Christ

Herr Pyta, warum sitzt Angela Merkel bei Spielen der Nationalmannschaft auf der Tribüne? Ist es reines Interesse am Spiel, oder steckt da mehr dahinter?

Seit Helmut Kohl hat es sich eingebürgert, dass jeder Kanzler Fußballspiele besucht. Es zeugt von einer gewissen Volkstümlichkeit, dem populärsten Sport auf diese Weise Tribut zu zollen. Fußball ist ein weltweites Kulturphänomen, und es würde für die Ignoranz eines Politikers sprechen, wenn er sich dem zu entziehen versuchen würde.

Früher haben gesellschaftlich angesehene Persönlichkeiten aus Politik und Kultur über den Fußball ja eher die Nase gerümpft.

Das konnten sich Politiker bis in die frühen 70er Jahre leisten. Danach änderte sich das langsam. Helmut Schmidt war beim Weltmeisterschaftsfinale 1974 noch primär aus protokollarischen Gründen im Stadion. Helmut Kohl hat dann damit angefangen, die Nationalmannschaft auch im Trainingslager zu besuchen. Schon als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz schaute er sich regelmäßig Spiele auf dem Betzenberg an. Und Kurt Beck steht ihm da ja in nichts nach, wenn er sich einen Schal des 1. FC Kaiserslautern um die Schultern legt. Das ist eine Form von regionaler Standortpolitik.

Woran lag es, dass der Fußball in den Zeiten von Beckenbauer und Netzer politiktauglich geworden ist?

Fußball war bis in die 70er Jahre hinein zwar ein Massenphänomen, hat es aber nicht bis in die Hochkultur geschafft. Beim WM-Finale 1954 war nicht ein einziger Vertreter der Bundesregierung im Stadion. In den frühen 70er Jahren erlebte der Fußball dann seinen Durchbruch, weil er dank der attraktiven Spielweise der Nationalelf auch für postmoderne Werte wie Individualität und Selbstverwirklichung stehen konnte. Damit konnten sich auch Intellektuelle identifizieren. Außerdem ließ sich auf diese Weise das zunehmende Selbstbewusstsein der Bundesrepublik zum Ausdruck bringen, die sich immer weniger als Provisorium verstand. Die Erfolge der Nationalmannschaft - WM-Dritter 1970, Europameister 1972, Weltmeister 1974 - wurden zum Aushängeschild für den westdeutschen Staat.

Konrad Adenauer konnte dem Fußball nichts abgewinnen. War diese Haltung nur bis in die 50er und 60er Jahre möglich?

Ja. Adenauer und auch Theodor Heuss sind Ende des 19. Jahrhunderts groß geworden, damals war Sport noch kein übergreifendes Kulturphänomen, sondern eine Nischenerscheinung.

Heute ist der Sport dagegen zu einer idealen Bühne geworden, auf der sich Politiker aller Parteien profilieren.

Ich erinnere mich noch an Oskar Lafontaines Fernsehauftritt während der Übertragung des WM-Halbfinales 1990 in Italien. Der Bundestagswahlkampf stand an, und im Falle des Finaleinzugs wäre der damalige Kanzler Helmut Kohl der erste Ansprechpartner aus der Politik gewesen. Lafontaine, damals SPD – Kanzlerkandidat, hat deswegen in der Halbzeitpause des Halbfinals gegen England ein Fernsehinterview gegeben. Er hat damals diese Bühne genutzt, um sich als Sportkenner zu profilieren.

Wann fangen fußballverrückte Politiker an, peinlich zu werden?

Wenn es gekünstelt wirkt, und jemand auswendig gelernte Sätze aufsagt. In Deutschland gibt es sehr viele Fußballkenner, und die haben ein feines Gespür dafür, wenn jemand nur so tut, als ob er von Fußball Ahnung hätte. Bei Kohl und Schröder war es jedenfalls nicht der Fall. Die haben ja früher selbst in Oggersheim und Talle bei ihren Heimatclubs gespielt.

Angela Merkel war freilich nie fußballerisch aktiv.

Frau Merkel ist auch authentisch, weil sie gar nicht sagt, dass sie die taktischen Feinheiten eines Spiels analysieren könnte. Aber sie verfolgt die Dramaturgie des Spiels mit großem Interesse und lässt sich von dessen Spannung anstecken. Damit repräsentiert sie einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung.

Führen fußballerische Erfolge auch zu Wahlsiegen für die jeweils regierende Partei? Helmut Kohl wurde im WM-Jahr 1990 wiedergewählt, und als die Nationalmannschaft 1998 Rumpelfußball präsentierte, musste er gehen. Gerhard Schröder dagegen blieb nach der Vize-Weltmeisterschaft 2002 im Amt - und wurde erst 2005 abgewählt, ein Jahr nach der schwachen EM.

Das sind alles nur oberflächliche Verbindungen, nicht mehr. Es gibt dazu keine belastbaren Studien. Der Sport kann zwar zu einer Stimmungsaufhellung in der Bevölkerung beitragen. Aber ob das dann gleich Wasser auf den Mühlen der Parteien ist, das wage ich sehr stark zu bezweifeln. Keiner Regierung in der Bundesrepublik ist es bisher gelungen, den Fußball zu instrumentalisieren.

Im Fußball spielen nationale Nicklichkeiten eine Rolle, gerade jetzt bei der Europameisterschaft. Werden die Auseinandersetzungen von früher heute spielerisch auf dem Fußballfeld ausgetragen?

Das würde den Fußball auf eine Ableitung von nationalistischen Aggressionen reduzieren. Wer so denkt, verkennt, dass das die Sportbegeisterung von unten heraus wächst. Ich vertrete folgende These, die durch eine Studie über die Niederlande und zur Europameisterschaft 2004 belegt ist: Je stärker die europäische Integration voranschreitet, desto stärker ist das Bedürfnis, nationale Identität auf bestimmten Feldern wie etwa dem Sport auszudrücken. Und in diesem Zusammenhang fällt den großen Fußballturnieren eine immer bedeutendere Rolle zu.

Was heißt das für ein Turnier wie die Europameisterschaft?

Diese Wettbewerbe werden immer wichtiger, sie sind ein Forum geworden, nationales Zusammengehörigkeitsgefühl zum Ausdruck zu bringen. Hinzu kommt: Gerade bei kleinen Ländern spielen die besten Spieler nicht immer in den nationalen Ligen. Sie finden sich erst wieder zu diesen Turnieren zusammen. Dadurch wird die Nationalmannschaft aufgewertet. Außerdem können Länder mit hohen Migrationsbewegungen oder einer kolonialen Vergangenheit ihre Integrationserfolge durch die Zusammensetzung der Nationalmannschaft zum Ausdruck bringen. Das sieht man besonders gut bei den Niederlanden, aber auch bei den Franzosen. In einer Zeit, in der Spieler wie Lukas Podolski, Miroslav Klose und Kevin Kuranyi für die DFB-Elf auflaufen, gilt das auch für die deutsche Nationalmannschaft.


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