Gentechnik "Verzweckung menschlichen Lebens"


Gerhard Schröder stößt mit seiner Forderung nach einem liberalen Gentechnikgesetz auf wenig Gegenliebe. Der Widerstand gegen den Kanzler-Plan reicht von der Union über die Kirche bis zum eigenen Koalitionspartner.

Der Vorstoß von Bundeskanzler Gerhard Schröder zur Lockerung des Embryonenschutzgesetzes ist auf scharfe Kritik von Unions-Politikern, Grünen, Ärzteverbänden und Kirchen gestoßen. Die Regierung schrecke nicht davor zurück, ihre ethischen Grundsätze über Bord zu werfen, sagte die Vize-Chefin der Unions- Fraktion, Maria Böhmer. CDU-Generalsekretär Volker Kauder ergänzt, die Schröder-Vorschläge würden in der Union keine Mehrheit finden.

Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte die Liberalisierung der Stammzellforschung bei der Entgegennahme der Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen gefordert. Im Vergleich mit anderen Staaten gehe Deutschland restriktiv mit der Stammzellforschung um, so der Kanzler. Doch dürfe sich Deutschland nicht den Chancen des wissenschaftlichen Fortschritts verschließen, nur weil es Risiken gebe. Wer dies tue, müsse die Konsequenzen bedenken, falls eine Therapie gegen unheilbare Krankheit entwickelt werde. "Wollten wir ernsthaft den Import eines solchen Medikaments verbieten?", fragte Schröder.

Gegen diese Position stellt sich auch der grüne Koalitionspartner. Deren Parlamentarischer Geschäftsführer, Volker Beck, verlangt deutliche Grenzen für die Forschung. Die Nutzung von Embryos zur "Ausschlachtung für embryonale Stammzellen ist forschungspolitisch verbrämter Kannibalismus", sagte er. "Die Forschung an Einwilligungsunfähigen muss grundsätzlich unzulässig sein." Verboten werden müsse auch therapeutisches und reproduktives Klonen.

Auch Partei-Chefin Claudia Roth wandte sich gegen einen "Fortschritts- und Machbarkeitswahn". "Die Menschenwürde hat Vorrang vor Forschungs- und Verwertungsinteressen", sagte sie. Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sagte der "Thüringer Allgemeinen": "Mit den Grünen gibt es keinen Kurswechsel in Fragen der Bioethik, da kann der Bundeskanzler erklären was er will." Menschliches Leben dürfe kein "Verbrauchsprodukt für die Forschung" sein.

Der Vorsitzende der Enquete-Kommission "Ethik und Recht der modernen Medizin" René Röspel (SPD) sagte dem "Tagesspiegel", Änderungen, wie der Kanzler sie gefordert habe, seien nicht nötig. So rasant seien die Fortschritte in anderen Ländern nicht, und mit dem Stammzellkompromiss könnten "auch deutsche Forscher eine Menge machen". Röspels Stellvertreter in der Kommission, Hubert Hüppe (CDU), kritisierte, Schröder fordere "die Verzweckung menschlichen Lebens zur Forschung".

Auch die Deutsche Bischofskonferenz wies Schröders Vorstoß scharf zurück. "Unantastbare Menschenwürde und Lebensrecht kommen jedem Embryo vom Zeitpunkt der Befruchtung an zu", erklärte der Sekretär der Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer. Embryonale Stammzellenforschung widerspreche dem biblischen Menschenbild. Kritik kam auch von Ärzteverbänden und dem Malteser Hilfsdienst. Man dürfe nicht den Wunderversprechen einzelner Forscher verfallen, sagte der Vorsitzende des Marburger Bundes, Frank Ulrich Montgomery.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt dagegen Schröders Vorstoß. Deutsche Forscher, die an internationalen Projekten mit neueren Stammzelllinien mitwirkten, würden durch das geltende Gesetz kriminalisiert, sagte DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker dem "Handelsblatt". Dies müsse geändert werden.

DPA/Reuters DPA Reuters

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