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Glosse: Der Stone ist kein Rocky

Wer Kanzlerkandidat der SPD wird, befindet sich automatisch in der Rolle des Antihelden: Schmerz und Leid werden Frank-Walter Steinmeiers künftige Begleiter sein. Ein Blick in die Filmgeschichte verrät: Sylvester Stallone taugt kaum als Vorbild für ihn. Eher schon ein tragischer Held des wilden Westens.

Von Sebastian Christ

Okay, es stimmt: Die SPD ist immer noch eine bedeutende Partei. Und sie schickt Frank-Walter Steinmeier ins Rennen, damit er am Abend des 27. September 2009 Kanzler werden möge. Weil Bundespolitik aber in diesen Tagen so undurchsichtig wie tragisch geworden ist, muss man sich manchmal mit Vergleichen aus der Literatur- und Filmwelt behelfen, um nicht völlig den Überblick zu verlieren. Gesucht wird: Ein Held, der so sehr Antiheld ist wie ein möglicher Kanzlerkandidat der Sozialdemokratie sein muss.

Die SPD hofft gerade auf eine klassische Comeback-Situation: Mieser als jetzt waren die Umfragewerte selten, und die CDU-Kanzlerin hat bereits Beliebtheitsrekorde eingefahren, von denen selbst Franz Beckenbauer nur träumen kann. Was Steinmeier bräuchte: Kampfeswillen und Durchhaltevermögen.

Austeilen ist nicht seine Stärke

Keine Figur in der modernen Pop-Kultur verkörpert diese Werte so sehr wie Rocky Balboa. Ein Boxer aus den Armenvierteln der Arbeiterstadt Philadelphia, der unerwartet die Chance kriegt, gegen den amtierenden Weltmeister zu kämpfen. Im Vergleich zum "Italian Stallion" jedoch ist Steinmeiers Punch eher bedauernswert, ganz zu schweigen von seinem linken Haken. Das Austeilen gegen die Kanzlerin ist nicht seine Stärke, die größte Qualität des Westfalen sind seine hohen Beliebtheitswerte als Außenminister. Und bisher hat er nicht einmal bewiesen, dass er nach einem ernsthaften Niederschlag wieder auf die Beine kommt. Ehrlich: Das kann sogar Kurt Beck besser.

Also doch Rambo? Ein gefallener Held, der eigentlich nur seine Ruhe haben will, aber durch Polizeiwillkür zum Rächer in eigener Sache wird? Seine parteiinternen Gegner vom linken Flügel hat Steinmeier noch lange nicht aus dem Weg geräumt. Und man kann sich auch nicht so richtig vorstellen, dass Steinmeier jemals durchs geschlossene Fenster in das Büro von Andrea Nahles springt und alles kurz und klein haut. "Shock and awe" sind auch parteiintern nicht seine Sache.

"Ich mag den Geruch von Napalm am Morgen"

Also bleibt's wohl beim alten Ja-aber-vielleicht-SPD-Gematsche? Da denkt man einen Moment lang an "Apocalypse Now". Guter Titel. Und es geht um eine traumatisierte Truppe. Aber dann Sprüche wie: "Ich mag den Geruch von Napalm am Morgen." Nein, so viel Zynismus wie den Armee-Offizieren traut man den SPD-Oberen nicht zu.

Mag sein, dass Steinmeier einfach nicht für das Action-Genre taugt. Das wäre zwar bedauerlich, weil die nächsten Monate sicherlich kein Kindergeburtstag werden - aber auch nur logisch. Auf internationaler Ebene hat der neue sozialdemokratische Ober-Stone schließlich auch auf Django-Rollen verzichtet. Die wurden dann mit Muskelmännern wie Wladimir Putin besetzt.

Vielleicht passt ein Klassiker des Familiengenres: der Zeichentrickfilm "Das letzte Einhorn". Ein emotionsloser Burgherr fängt alle Einhörner der Welt ein und hält sie gefangen, um sich an ihrer Schönheit zu ergötzen. Burgherr - klar, das muss Merkel sein. Einhörner? Wohl SPD-Mitglieder. Und nun kämpft Obereinhorn Steinmeier für die Freilassung seiner Genossen. Aber halt: die Titelrolle ist weiblich. Wäre also für Andrea Ypsilanti reserviert. Gott schütze diese Partei!

Endlich passt alles

Bleibt noch "Der letzte Mohikaner". Und endlich passt alles. Ein Indianerstamm wird im Kampf mit den Feinden aufgerieben. Ein letzter möglicher Häuptling bleibt übrig: Rothaut Steinmeier. Das ist ein SPD-Streifen erster Güteklasse.

Fragt sich nur: Was passiert, wenn Steinmeier verliert?