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Interview

Sein offener Brief ging viral: Ein Polizist erzählt, warum er nicht am Einsatz im Hambacher Forst teilgenommen hätte

Ein Polizist machte seinem Ärger über den Einsatz im Hambacher Forst anonym im Netz Luft. Der Beitrag wurde tausendfach geteilt und kommentiert. Der stern hat mit dem Beamten gesprochen. 

Ein Polizist steht vor einer Menschenmenge

Der emotionale Brief eines Polizisten, den er im Internet veröffentlichte, ging auf Facebook viral. Im Brief erklärt der Beamte, warum er an einem Einsatz im Hambacher Forst nicht teilgenommen hätte (Symbolbild)

Picture Alliance

Vor wenigen Tagen machte der offene Brief eines anonymen Polizisten zur Räumung im Hambacher Forst die Runde. Der Inhalt wurde im Netz kontrovers diskutiert. (Was in dem offenen Brief steht, können Sie hier lesen.) Darin sprach ein Polizist offen über seine Gewissenskonflikte und erklärte, warum er selbst nicht an einem Polizeieinsatz im Hambacher Forst teilgenommen hätte. Der sehr offene und emotional geschriebene Brief, der mit "Gedanken eines Polizisten zum Einsatz im Hambacher Forst: Zwischen Gerichtsurteil und Lebensraum" überschrieben ist, wurde auf Facebook fast 7000 Mal geteilt und hundertfach kommentiert. 

Der stern hat den Beamten ausfindig gemacht und mit ihm ein Interview geführt. Auf Wunsch des Mannes, dessen Identität der Redaktion bekannt ist, bleibt dieser auch für das Interview anonym.

Sie haben einen anonymen Brief zum Polizeieinsatz im Hambacher Forst veröffentlicht. Warum?

Es war mir wichtig, meine Meinung mitzuteilen. Es wurde so viel über diesen Einsatz berichtet, in der Regel ging es dabei hauptsächlich um die Gewalt, die den Einsatzkräften dort entgegen schlägt. Mir war es wichtig, mal den Einsatz an sich zu beleuchten. Zu sagen, wie sich vielleicht der ein oder andere Beamte dabei fühlt. Und auch, wenn ich nicht bei dem Einsatz dabei bin: Ich glaube, viele Kollegen sehen den Einsatz auch sehr kritisch. Wir leben in schwierigen Zeiten und ich habe mehr und mehr das Gefühl, dass man sich auch als Polizeibeamter positionieren muss.

"Es gibt genügend Stellen, die sagen, dass man die Kohle aus dem Hambacher Forst nicht braucht"

Warum würden Sie persönlich nicht an einem Einsatz im Hambacher Forst teilnehmen? 

Es geht bei diesem Einsatz darum, dass ein großes Stück Wald gerodet werden soll, um den Kohleabbau möglich zu machen. Man weiß inzwischen um die Folgen für das Klima, möchte aus der Kohle als Energie raus. Es gibt genügend Stellen, die sagen, dass man die Kohle aus dem Hambacher Forst nicht braucht. Solange solche Aussagen im Raum stehen, fände ich es verantwortungslos, hier ein derart großes Waldstück mit allem, was darin lebt, zu roden. Und womöglich den Weg frei zu machen für weitere Rodungen anderer Firmen.

Sie schreiben, dass viele Ihrer Polizeikollegen den Einsatz als "nicht ansatzweise richtig" bezeichnen. Wie ist die Stimmung unter den Einsatzkräften? 

Ich kann natürlich nicht für die Kollegen im Einsatz dort sprechen. Wir sitzen hier ein paar hundert Kilometer weg. Für die Kollegen zählen vor Ort ab einem gewissen Punkt andere Dinge. Da sind es dann eher Schlafmangel, eine gewisse Erschöpfung, vielleicht auch der Kontakt mit Gewalttätern. Es gab ja massig Berichte über Bewurf mit Gegenständen, Fäkalien oder Beschuss mit Zwillen. Da verliert man dann vielleicht schon mal andere Aspekte aus den Augen. Aber wenn ich mir die Kommentare zu dem Text so anschaue, liest man immer wieder, dass dort viele Kollegen auch Verständnis für das Anliegen der Demonstranten zeigen.    

Manchmal müsse man Einsätze ausführen, hinter denen man nicht immer zu 100 Prozent steht, schreiben Sie. Mit welchen Gewissenskonflikten kämpfen Sie in solchen Momenten?

Einsätze gegen die eigene Überzeugung kommen vor. Bevor man zur Polizei geht, setzt man sich damit auseinander, dass man auch mal Einsätze fahren muss, hinter denen man nicht steht. Das wird ja auch in Kritik an meinem Text oft geäußert und ich muss den Kritikern hier natürlich Recht geben. Es wäre fatal, würden Polizisten sich selbst aussuchen, welchen Einsatz sie nun fahren und welchen nicht, weil sie ihn für nicht richtig halten.

Ich stelle mich auch nicht gern neben Demonstrationen oder Wahlkampfstände von rechten Parteien

Können Sie Beispiele für Einsätze nennen, in denen Sie gegen Ihre Überzeugung handeln mussten?

Bei mir waren das zum Beispiel der Castor Transport oder das Schützen von rechten Veranstaltungen oder Wahlkampfständen. Man kann nichts richtig daran finden durchzusetzen, dass Menschen Atommüll vor der Haustür abgelagert wird. Man findet sich aber trotzdem in diesem Einsatz wieder, da die Rechtslage nun mal vorsieht, dass es zu einer Ablagerung kommt. Umso wichtiger ist der Protest von der breiten Masse, um auf lange Sicht eben Dinge zu ändern. Ich stelle mich auch nicht gern neben Demonstrationen oder Wahlkampfstände von rechten Parteien. Aber ich mache es trotzdem, weil ich nicht möchte, dass Gewalt gegen diese Leute ausgeübt wird und hier ein paar Einzelne entscheiden, wer auf die Straße gehen darf und wer nicht. So kann ich das auf lange Sicht begründen, auch an Einsätzen gegen meine Überzeugung teilzunehmen.

Sie unterscheiden scharf zwischen "Chaoten, die Gewalt ausüben" und friedlichem Protest. Gibt es Situationen, in denen Gewalt von Bürgern ein legitimes Mittel zur Durchsetzung von Interessen ist? 

Natürlich steht jedem Bürger das Recht auf Notwehr und Nothilfe zu, in deren Rahmen ja durchaus Gewalt ausgeübt werden kann. Ansonsten muss ich das verneinen. Letztes Jahr haben Tausende in Hamburg angeblich Interessen mit Gewalt durchgesetzt. Vor einigen Wochen wurden in Chemnitz andere Interessen mit Gewalt oder Drohungen mit Gewalt durchgesetzt. Ich habe die Mobs aus beiden Lagern bereits mehrfach in Aktion erlebt. Da gibt es keine Werte und Interessen, die vermittelt werden. So etwas ist immer kontraproduktiv und verdrängt die Anliegen von vielen friedlichen Demonstranten.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Notärzte versorgen einen Mann, der von einem Baumhaus im Hambacher Forst gefallen war. Er überlebte nicht.