VG-Wort Pixel

Hessen-SPD Schäfer-Gümbel als Superman


Aufbruchstimmung ist Pflicht beim Landesparteitag der Hessen-SPD in Alsfeld. Der neue Spitzenkandidat für die hessischen Neuwahlen im Januar wird sogar als Superman verkauft - auf T-Shirts.
Tiemo Rink, Alsfeld

"Muss ich dafür zahlen?", fragt der Juso mit den dunklen Haaren im Foyer der "Hessenhalle" im nordhessischen Alsfeld misstrauisch. "Beim nächsten Mal, jetzt zieh das da erstmal an", lautet die Antwort. "Das da" ist ein dunkelblaues T-Shirt. Auf der Vorderseite prangt der hessische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel im knallengen Superman-Kostüm. Der Juso tut wie ihm geheißen, zwängt sich in das Hemd und der erste Marketing-Gag ist perfekt. Es ist der 13. Dezember 2008, in Hessen ist mal wieder Wahlkampf - und die Sozialdemokraten wollen wieder Muskeln zeigen.

Knapp sechs Wochen ist es her, dass vier SPD-Landtagsabgeordnete dass "Projekt Ypsilanti" auch im zweiten Anlauf zum Scheitern brachten. Was folgte, war ein bizarrer Selbstzerstörungsprozess der hessischen SPD. Als sich der Pulverdampf gelegt hat, sind fünf politische Karrieren auf der Strecke geblieben. Die vier Abweichler kandidieren nicht mehr für den Landtag und Andrea Ypsilanti hat das Feld für Thorsten Schäfer-Gümbel geräumt. Mit 97 Prozent wird der am Samstag zum neuen starken Mann der hessischen SPD gewählt - und er will kämpfen. "Die Zeit der Selbstkasteiung ist vorbei", ruft Schäfer-Gümbel den gut 340 Delegierten in Alsfeld zu. "Unser Ziel ist klar: Wir wollen gewinnen."

Franz Müntefering - immer etwas zu spät

Parteitage zur Inthronisierung von Spitzenkandidaten sind Inszenierungen. Inhaltliche Diskussionen machen sich da ähnlich schlecht wie lang ausufernde Personaldebatten. Hessens SPD ist nach dem Desaster der letzten Wochen dringend auf einen harmonischen Parteitag angewiesen, koste es, was es wolle. Und der Plan geht auf, beinahe jedenfalls. Um kurz vor zehn Uhr haben Andrea Ypsilanti und Thorsten Schäfer-Gümbel ihre Plätze auf dem Podium unter großem Applaus der Delegierten erreicht. Eigentlich könnte es nun losgehen, doch ein Mann fehlt noch: SPD-Parteichef Franz Müntefering.

Irgendwie ist er immer etwas zu spät, wenn es um die hessischen Sozialdemokraten geht. Der Unmut über sein Verhalten in den letzten Monaten ist an diesem Samstag in der Hessenhalle weit verbreitet. Hätte der SPD-Chef rechtzeitig ein Machtwort gesprochen, womöglich hätten die vier Abweichler Andrea Ypsilanti im entscheidenden Moment nicht die Zustimmung versagt, so die Einschätzung vieler Delegierter - allerdings meist hinter vorgehaltener Hand geäußert.

Doch Müntefering schwieg - das Ergebnis ist bekannt. Schäfer-Gümbel und Ypsilanti haben die Bühne mittlerweile wieder verlassen, stehen im Foyer der Halle und warten auf den SPD-Chef aus Berlin. Als der dann endlich kommt, bleibt kein Zweifel an den sozialdemokratischen Machtverhältnissen. Jovial grüßend schreitet Müntefering in den Saal, neben ihm marschiert Schäfer-Gümbel mit stolzem Blick, einige Schritte hinter den beiden läuft Ypsilanti und guckt angesäuert.

Bis auf das Spitzenpersonal hat sich wenig verändert bei den hessischen Sozialdemokraten. Dass Ypsilanti und Müntefering keine Freunde mehr werden, ist offensichtlich. Regungslos wie ein Reptil sitzt Müntefering auf dem Podium und hört der Rede der Landesvorsitzenden zu. Die Lippen gespitzt, Kinn nach oben gereckt, starrer Blick in den Saal. Als die ehemalige Spitzenkandidatin kurz darauf mit stehenden Ovationen frenetisch gefeiert wird, ist Müntefering der Einzige, der nicht aufsteht. Kurzer dünner Applaus, ein mattes Lächeln - mehr nicht.

Schäfer-Gümbel kein Zählkandidat

Ganz anders bei Thorsten Schäfer-Gümbel. Viel sei über ihn gespottet worden, über seine seltsame Brille und seinen umständlichen Doppelnamen, beginnt er seine Rede. Schäfer-Gümbel ist nicht der klassische Abräumer. Seine Rede ist mit einer Stunde und 15 Minuten viel zu lang und hat durchaus ihre Schwächen. So prügelt Schäfer-Gümbel ein auf die Republikaner in den USA und doziert über die Gründe für die US-Automobilkrise. Die kritische Betrachtung US-amerikanischer Debatten gehört aber nicht zwangsläufig zur Kernkompetenz hessischer Landespolitiker.

Dennoch ist Schäfer-Gümbel alles andere als ein von vorneherein chancenloser Zählkandidat. Stattdessen steht er am Rednerpult, die eine Hand locker in der Hosenasche, die andere wild gestikulierend und skizziert das sozialdemokratische Wahlprogramm. Mehr Gerechtigkeit in der Bildung, für den Mindestlohn, gegen Studiengebühren. "Unsere Antworten sind nicht alt geworden", ruft er den Delegierten zu und die ziehen mit, lassen sich begeistern und feiern ihren neuen Spitzenkandidaten.

Münte-Schal und Gümbel-Shirt

In der Halle nimmt die Dichte an SPD-Devotionalien derweil bedrohlich zu. Weit hinten im Saal sitzen in fünf langen Reihen einfache Parteitagsbesucher ohne Stimmrecht. Hier erfreut sich der rote Franz-Müntefering-Schal größerer Beliebtheit. Zu Dutzenden sitzen meist ältere Sozialdemokraten mit dem wärmenden Accessoire in der gut beheizten Hessenhalle und lauschen den Worten des großen Vorsitzenden.

20 Euro kostet die Standardausgabe mit eingesticktem Parteilogo, sagt ein bärtiger Sozialdemokrat. Etwas billiger sind die T-Shirts, die den ACDC-Hit "TNT" ins sozialdemokratische, nämlich "TSG" wenden. Wie "Dynamit" sei Thorsten Schäfer-Gümbel, behauptet die Inschrift auf dem Hemd, und dass Roland Koch deshalb am Ende "explodieren" werde. Man wird es sehen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker