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Islam in Deutschland: "Wir haben doch Parallelgesellschaften"

Seit den Anschlägen vom 11. September steht es mit dem Ruf islamischer Gotteshäuser, wovon es etwa 100 in Berlin gibt, nicht zum Besten. Dass in Kreuzberg eine weitere Moschee entstehen soll, bringt Behörden und Bürger gegeneinander auf.

Zwischen den Steinplatten wuchert das Unkraut, auf der Hochbrücke rattert die U-Bahn durch Kreuzberg. Auf der Brache am Görlitzer Bahnhof, wo vor 17 Jahren während der Mai-Krawalle ein Supermarkt niederbrannte, soll eine große Moschee entstehen. Das passt nicht jedem. Berlin hat doch bereits etwa 100 Moscheen; man weiß bei manchen nicht genau, wer eigentlich dahinter steckt, meinen die Gegner. Jede Religion hat ein Recht auf ein Gotteshaus, alles andere ist Diskriminierung, finden die anderen.

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 steht es mit dem Ruf einiger islamischer Gotteshäuser nicht zum Besten. Im Umfeld der Al- Nur-Moschee in Neukölln wurden 2003 sechs Männer festgenommen, darunter der mutmaßliche El-Kaida-Terrorist Ihsan Garnaoui. Er muss sich derzeit wegen der Vorbereitung von Anschlägen und versuchter Bildung einer terroristischen Vereinigung vor Gericht verantworten. An diesem Mittwoch (9. Juni) wird der Vorbeter der Moschee als Zeuge erwartet, der dem Verfassungsschutz einschlägig bekannt ist. Das Gotteshaus selbst galt zumindest im vergangenen Jahr als ein Treffpunkt von Islamisten.

3730 Islamisten bekannt

In der Stadt sind den Sicherheitsbehörden 3730 Islamisten bekannt, die rund fünf Prozent der Muslime ausmachen. Letztere sollen nicht unter einen pauschalen Verdacht fallen: "Es stehen nicht die Moscheen als solche im Blickpunkt, sondern der Verfassungsschutz beobachtet extremistische Bestrebungen", sagt Sprecher Claus Guggenberger.

Über die geplante neue Kreuzberger Moschee wird indes kräftig gestritten. Der Berliner Islamwissenschaftler Ralph Ghadban hält den federführenden "Islamischen Verein für wohltätige Zwecke" für extrem radikal: "Er kämpft für eine Islamisierung der Gesellschaft." Vereinssprecher Birol Ucan wehrt sich gegen die Vorwürfe. Das Haus werde offen sein für alle und wende sich gegen radikale Strömungen, sagt er.

Angesichts der Schlagzeilen um Islam, Fundamentalismus und Terrorismus fordert der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg die Muslime zu mehr Transparenz auf - um zu zeigen, dass es nichts zu verbergen gibt. Die Frage nach dem Träger im Fall der Moschee am Görlitzer Bahnhof sei berechtigt, meint Sprecher Safter Cinar. Andererseits hätten auch Muslime ein "Grundrecht auf Gottesdienst". Ähnlich denkt der Berliner Ausländerbeauftragte Günter Piening: "Es ist legitim, wenn Religionen sagen, wir wollen nicht die kleine schmuddelige Hinterhofmoschee."

"Wir haben doch Parallelgesellschaften"

Im Kiez wird der Schlagabtausch wohl noch eine Weile dauern. Für den Kreuzberger CDU-Vorsitzenden Kurt Wansner ist der "Multikulti-Traum" längst ausgeträumt: "Wir haben doch Parallelgesellschaften", sagt er und verweist auf Straßen mit einem Ausländeranteil von 100 Prozent. "Wir verfestigen mit solchen Moscheebauten wie am Görlitzer Bahnhof die Probleme."

Caroline Bock/DPA / DPA