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Jürgen Zöllner: "Die Gesamtschule ist besser"

Ihr Ruf ist mies, die Schülerzahlen gehen stark zurück: Soll die Hauptschule abgeschafft und das dreigliedrige Schulsystem aufgelöst werden? Jürgen Zöllner, Berliner Bildungssenator, sagt im stern.de-Interview, warum die Hauptschule nicht das eigentliche Problem ist.

Herr Zöllner, die Eltern stimmen mit den Füßen ab: Immer weniger schicken ihre Kinder auf die Hauptschule. Wann reagiert die Politik und schafft sie endlich ab?

Wir müssen eine adäquate Lösung für die Ausbildung und Erziehung dieser jungen Menschen finden. Egal, in welcher Schulform.

Also halten Sie an der Hauptschule fest?

Nein, ich halte nicht prinzipiell an der Hauptschule fest. Aber ich bedaure, dass die Diskussion in der Öffentlichkeit so verkürzt wird. Egal, in welchem System - wir brauchen ein Angebot für praxisorientierte Schüler. Ob die Schule Hauptschule heißt oder ob sie integriert wird in ein differenziertes Angebot, ist sekundär. Ich persönlich glaube: Der integrierte Ansatz wie in der Gesamtschule, ist der bessere.

Aber die Gesamtschule hat bei vielen Eltern einen schlechten Ruf.

Wenn Eltern der Meinung sind, das integrierte System ist der Untergang des Abendlandes, können wir es ihnen nicht aufzwingen. Für eine solch fundamentale Änderung in unserem Schulsystem brauchen wir einen Grundkonsens in der Gesellschaft. Sonst wird dieses Schulangebot nicht erfolgreich sein. Sondern es besteht die Gefahr, dass es bei der nächsten Wahl wieder gekippt wird. Und so ein Hin und Her ist für Eltern und Kinder unzumutbar.

Aber unser dreigliedriges Schulsystem produziert zu viele Verlierer. Darauf hat auch der UN-Menschenrechtsinspektor Vernor Munoz in seinem Bericht wieder hingewiesen.

Das ist alles nicht neu, denn Herr Munoz hat seine Erkenntnis, dass der Schulerfolg von der sozialen Herkunft abhängt, aus unseren Feststellungen gewonnen. Nach der ersten Pisa-Studie haben wir vor rund fünf Jahren deshalb entsprechende Reformen eingeleitet.

Jedes Bundesland macht seine eigene Reform. Doch die Eltern wünschen sich einheitliche Lernbedingungen. Was können Sie als KMK-Präsident tun?

Als KMK-Präsident vertrete ich die Ansichten aller Bildungsminister-Kollegen. Schule ist Sache der Länder. Die müssen noch mehr gesamtstaatliche Verantwortung für die deutsche Bildung übernehmen und eigene Interessen zurückstellen. So können wir einheitliche Bildungsstandards durch wenige, aber zwischen den Ländern vereinbarte Bildungsziele erreichen. Wir müssen aber auch für die Kompatibilität der Schulsysteme in den Ländern sorgen. Darum werde ich mich bemühen.

Aber brauchen wir nicht eine breite Debatte über unsere Schulstruktur?

Seit 30 Jahren lähmt uns dieser fundamentalistische Kampf: integrierter Ansatz gegen gegliedertes Schulsystem. Er hindert uns, den Unterricht zu verbessern. Aber ich hoffe, dass die sinkenden Schülerzahlen an den Hauptschulen zu einer offeneren Diskussion beitragen.

Sieben von 16 Bundesländern haben nur noch ein zweigliedriges System. Hamburg und Schleswig-Holstein wollen in den nächsten Jahren Haupt- und Realschule fusionieren. Auch die Berliner CDU will die Hauptschule abschaffen. Was halten Sie davon?

Was aus den aktuellen Äußerungen aus den Reihen der Berliner CDU folgen wird, muss sich erst noch herausstellen. Wenn dies aber dazu führt, dass auch die CDU Hauptschüler besser fördern und ihre Chancen verbessern will, bin ich gern bereit, über Schlussfolgerungen zu sprechen. Wir brauchen eine mehrheitsfähige, von den Eltern akzeptierte Schule. Anders wird es nicht funktionieren. Und die Schule muss auch für die jungen Menschen ein gutes Angebot machen, die null Bock auf Schule haben und in den Beruf wollen. Daran ändert sich nichts, wenn nur die Hauptschüler mit den Realschülern zusammengelegt werden. Da muss mehr kommen.

Interview: Catrin Boldebuck