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Die Kanzlerin bei Anne Will: "Wir schaffen das": Die neue Merkel wackelt nicht

Kanzlerin Angela Merkel steht in der Flüchtlingskrise enorm unter Druck. Also ging sie zu Anne Will, um dem Land zu zeigen: Hier stehe ich - und will nicht anders.

Von Lutz Kinkel

60 Minuten hatte Angel Merkel, um bei Anne Will über ihre Flüchtlingspolitik zu sprechen

Eine Stunde hatte Angel Merkel, um bei Anne Will über ihre Flüchtlingspolitik zu sprechen

Würde ein Techniker die Tonspur dieser Talkshow etwas schneller ablaufen lassen, wären viele Worte nicht mehr zu verstehen. Einige aber schon, weil die Kanzlerin sie so oft wiederholt hat.

Lösung. Lösen. Anpacken. Starkes Land. Deutschland. Aufgabe. Lösen. Optimismus. Kein Zweifel. Stolz.

"Wir schaffen das."

Das ist der Merkel-Sound in der Flüchtlingskrise. Er klingt selbstbewusst und zukunftsgewandt. Und in ihm steckt der fortwährende Appell an die Bevölkerung, weiter zu helfen. Sich nicht Ängsten und Zweifeln zu ergeben. Merkel redet uns stark. Und sich selbst. Schließlich hängt ihre Kanzlerschaft an dieser Frage: Ob es gelingt, die Flüchtlingskrise zu meistern. Der Druck auf sie ist in den vergangenen Tagen exponentiell gewachsen.

Eine Stunde Gespräch, hoch konzentriert

Deswegen hat sie getan, was sie so gut wie nie tut: Sie ist in eine Talkshow gegangen. Drei Mal war sie bislang bei Anne Will oder Günther Jauch zu Gast, 2009 und 2013 ging es um die bevorstehenden Bundestagswahlen, 2011 um die Eurokrise. Die Moderatoren wissen: Wenn die Kanzlerin kommt, hat sie sehr gute Gründe. Sie muss eine Botschaft platzieren. Diesmal, bei Anne Will in der ARD, lautete die Botschaft: Hier stehe ich. Und will nicht anders.

Eine Stunde Gespräch, hoch konzentriert. Anne Will schenkte ihrem Gast nichts - und zeigte idealtypisch, was politischer Talk sein kann. Hätte sich Will noch um die Nachfolge von Günther Jauch am Sonntagabend bewerben müssen, sie hätte mit Bravour bestanden. Schon ihre Eingangsfrage zielte auf den Kern der Sache.

"Schaffen wir das?"

"Wir schaffen das, davon bin ich fest überzeugt. Stellen Sie sich mal vor, wir würden sagen: Wir schaffen es nicht. Und dann?"

Verweise auf Horst Seehofer

Damit setzte Merkel den Ton, von dem sie nicht mehr abwich. Sie ließ sich nicht irritieren, nicht in eine Falle locken, nicht in die Defensive talken. Obwohl Will, in Fragen und Einspielern, Kritiker um Kritiker zitierte. Sie nannte die 34 CDU-Funktionäre, die in einem Brandbrief an Merkel geschrieben hatten, die Offenheit der Grenzen sei juristisch nicht vertretbar. Sie verwies auf Horst Seehofer, der beinahe stündlich mitteilt, dass er von Merkels Flüchtlingspolitik nichts hält und ihr mit "Notwehr" droht. Sie zeigte in einem Film Flüchtlinge, die auf Frankfurter Bürgersteigen campieren. Sie ließ überforderte Helfer zu Wort kommen.

Merkel entgegnete: "Ich habe die Aufgabe, die Situation wieder kontrollierter, gesteuerter, geordneter zu machen." Aber sie machte auch klar, dass dies Zeit brauchen würde. Dass es keinen Sinn habe, die Zahl der noch aufzunehmenden Flüchtlinge definieren zu wollen. Dass die deutschen Außengrenzen kaum zu kontrollieren seien. Dass sie viel mehr an der gerechten Verteilung der Flüchtlinge in Europa arbeiten werde. Und sich verstärkt um Außenpolitik und Entwicklungshilfe kümmern werde. Um Fluchtgründe zu beseitigen.

Es sei eine historische Situation, sagte Merkel. Nur vergleichbar mit der deutschen Wiedervereinigung.

Eine neue Angela Merkel

Nur ein einziges Mal schien die Kanzlerin unwirsch zu werden. Ihr Kabinett hatte an diesem Mittwoch beschlossen, die Koordination der Flüchtlingspolitik in die Hände von Kanzleramtsminister Peter Altmaier zu legen. Das ist als Degradierung von Innenminister Thomas de Mazière verstanden worden, der von Amts wegen zuständig ist. Auch de Mazière hatte in den vergangenen Wochen immer wieder darauf gedrängt, in der Flüchtlingsfrage härter vorzugehen.

"Haben Sie ihn entmachtet?"

"Natürlich nicht!"

"Werden Sie Thomas de Mazière entlassen?"

"Natürlich nicht! Ich brauche ihn. Dringender denn je."

Angela Merkel hat sich in der Flüchtlingspolitik entschieden. Sie hat die Kompetenzen an sich gezogen, sie hat dieses Thema zu ihrem gemacht. Sie, die gewöhnlich abgewartet und gezögert hat, sich im Zweifelsfall für den Machterhalt und gegen Prinzipien entschieden hat, führt plötzlich von vorne, auch gegen massive Widerstände in ihrer Partei und in Teilen der Bevölkerung. Es war eine neue Angela Merkel, die in dieser Talkshow zu besichtigen war. Eine Kanzlerin, die ins Risiko geht. Die kämpft. Die auch schon für die Geschichtsbücher arbeitet.

"Darauf bin ich stolz, dass wir die Flüchtlinge freundlich empfangen", sagte Merkel. "Ich möchte mich nicht an eine Wettbewerb beteiligen, wer am unfreundlichsten zu Flüchtlingen ist, damit möglichst wenige kommen."

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