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Klaus Töpfer: "Biosprit ist unverantwortlich"

Die Preise für Nahrungsmittel explodieren, der Hunger kehrt zurück - nicht im Geringsten davon überrascht zeigt sich Klaus Töpfer. Im Gespräch mit stern.de spricht der Ex-Bundesumweltminister über die Versäumnisse der Vergangenheit - und warum Biosprit aus Mais keine Lösung sein kann.

Von Hans Peter Schütz

Die Rückkehr der Hungerrevolte. Reis-Krise in Asien. Der Hunger-Schock. Krieg um Nahrung. Das sind nur einige der Überschriften, die Klaus Töpfer dieser Tage zu lesen bekam. Haben sie ihn geschockt? Nein, sagt er im Gespräch mit stern.de. Es rächten sich "die Sünden der Vergangenheit." Und mit bitterem Unterton setzt er hinzu: "Heute haben viele Tränen in den Augen, die vorher versäumt haben, Landwirtschaft in den Entwicklungsländern zu fördern."

Wenn jemand weiß, wovon die Rede ist, wenn Hungernöte in der Welt herrschen, wenn es zu Aufständen kommt, weil Nahrungsmittel unbezahlbar geworden sind, dann Klaus Töpfer. Sieben Jahre war er deutscher Umweltminister. Von 1998 bis 2006 Generalsekretär des UN-Büros in Nairobi und Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Vergangenes Jahr hat er das Buch "Arche in Aufruhr" geschrieben und die Frage darin gestellt, was wir tun müssen, um die Erde zu retten.

"Globalisierung des Nahrungsverhaltens"

Darin steht auch die Frage: Was tanken wir eigentlich, wenn alle Ölvorräte geplündert sind? Biosprit aus Mais, den andere Menschen eigentlich essen wollten? "Ganz sicher nicht", sagt Töpfer. "Wer an Biosprit denkt, kann nur an Biomasse denken, die für die Nahrungsmittelversorgung keine Rolle spielt. Aber alles andere, was in Konkurrenz zur menschlichen Ernährung steht, ist unverantwortlich."

Was läuft denn schief bei der Versorgung der Menschen mit Nahrung? Verursachen Chinesen die Krise, weil sie jetzt auch Milch trinken und nicht nur Reis essen? "Das ist eine ganz entscheidende Erklärung," antwortet Töpfer und spricht von einer "Globalisierung des Nahrungsverhaltens." "Je mehr Chinesen in eine Einkommensschicht gelangen, die mit unserer Mittelschicht vergleichbar ist, umso mehr nähern sich die Essgewohnheiten an, umso weniger wird nur noch das direkte Produkt gegessen, sondern weiter verarbeitete Produkte: Butter, Käse Fleisch. Das hat auch weit reichende Auswirkungen auf die Energieversorgung, denn dafür ist erheblich Energie und vor allem sehr viel Wasser erforderlich."

Mitverantwortlich: die großen Discounter

Verantwortlich für die dramatische Entwicklung macht Töpfer auch die großen Discounter mit ihrem Preisdruck auf die Produzenten und den Wunsch der deutschen Verbraucher alles ganz billig, billig zu bekommen. Die Deutschen hätten über die Jahre "so etwas wie ein grundgesetzliches Recht auf sinkende Lebensmittelpreise abgeleitet." Ein großes Problem sei auch, dass "wir Subventionen in die Landwirtschaft geben und solche Produkte erzeugen, die exportiert werden." Das verhindere den Aufbau einer lokalen Landwirtschaft in der dritten Welt. Ganz besonders sei davon Afrika betroffen.

Ein zweites Problem sieht Töpfer in der Nahrungsmittelhilfe. Natürlich sei sie dringend geboten, wenn Menschen hungern. Aber danach könne man nicht weggehen und sagen, "jetzt ist das beseitigt. Wir müssen da bleiben und Infrastrukturen im ländlichen Raum aufbauen." Das müsse auch die deutsche Entwicklungshilfe bedenken. Nie seien die Ursachen der Nahrungsmittelknappheit in der Dritten Welt ausreichend bekämpft worden. Nie habe in Afrika die notwendige Agrarrevolution stattgefunden, die auch Bundespräsident Köhler immer wieder fordere. Bei diesen Problemen sei "sehr viel Heuchelei" im Spiel.

Kein Biosprit aus Mais

Nein, sagt Töpfer zu Biosprit aus Mais. Wenn man wegen Überproduktion still gelegte Flächen in Deutschland nutzen wolle, dann sei Biosprit nicht die Lösung. "Die Lösung kann nur die Energieproduktion aus Biomassen sein, die nicht in Konkurrenz zu Lebensmitteln stehen." Töpfer fürchtet, dass bald der Ruf ertönt: Weshalb nutzen wir nicht die Errungenschaften der Gentechnik, um bessere Erträge zu erzielen? Das könne dann so laufen, wie einst die Kernenergie zur Sicherung der Stromversorgung instrumentalisiert worden sei.

Töpfer, inzwischen 70 Jahre alt, denkt nicht an eine Rückkehr in die deutsche Politik. Aus diesem Grund habe er auch das Angebot abgelehnt, für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin zu kandidieren. "Ich bin Mitglied meiner Partei", sagt der CDU-Politiker, "und bleibe das auch. Ich glaube aber, dass wir die aktuelle Politik denen überlassen sollten, die sie jetzt verantworten." Aber immerhin hat sich der gebürtige Saarländer inzwischen eine Wohnung in Berlin zugelegt, um der Politik nahe zu sein.