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Versicherung gegen E10-Schäden: Shells plumpe Masche

Der deutsche Autofahrer misstraut E10. Eine Versicherung gegen Motorschäden soll ihn nun von der Unbedenklichkeit des Öko-Benzins überzeugen. Der ADAC hält die Aktion von Shell aber vor allem für einen Marketing-Gag.

Von Gernot Kramper

Deutschlands Autofahrer wollen den neuen Biosprit E10 nach wie vor nicht tanken, daran hat auch der Benzingipfel vor drei Wochen nichts geändert. Shell-Chef Peter Blauwhoff erkannte deshalb entsetzt und durchaus zu Recht: "E10 ist unser Stuttgart 21." Nun fiel Shell die Lösung des Problems ein: eine Versicherung gegen E10-Schäden.

Die Police ist das – vorerst – letzte Aufgebot der Mineralölbranche in dem Possenspiel um E10. Andere Konzerne ziehen bereits die Notbremse und stellen ihre Raffinerien um. Total wird wieder mehr altes Super produzieren, anstatt E10 für die Halde herzustellen. Der Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband, Gerd Billen, ist skeptisch, ob mit der Shell-Versicherung Vertrauen gewonnen werden kann. "Wer möchte schon Benzin tanken, gegen das er sich erst versichern muss", betont Billen.

Eine Versicherung ohne Schadensfall

So funktioniert der Versicherungsschutz: Zunächst muss der Benziner auf der E10-Verträglichkeitsliste der Automobilhersteller auftauchen, das ist die Grundbedingung. Dann darf das Auto nicht vor 1996 zugelassen sein. Weitere Voraussetzung ist das Tanken von mindestens 30 Litern E10 bei Shell. Die Versicherungslaufzeit beträgt 18 Monate. Bestätigt ein Sachverständiger einen Schaden durch E10, werden die Reparaturkosten voll übernommen.

Mit der Versicherung will der Mineralölkonzern Shell die skeptische Autofahrer doch noch überzeugen. "Wir möchten unseren Kunden Sicherheit geben", sagte der Leiter des Shell-Tankstellengeschäfts in Deutschland, Jörg Wienke. Der Leiter der Shell-Kraftstoffforschung, Wolfgang Warnecke, rechnet nicht damit, dass Shell am Ende für zerstörte Motoren aufkommen muss. Er sagte, es werde keine Schäden geben, wenn der Autohersteller eine E10-Betankung für unbedenklich halte.

Das hört sich zunächst gut an, aber auch die Versicherung reiht sich in die Pannen der verpfuschten E10-Einführung an. Der Haken bei der Versicherung: 80 Prozent des Benzinbedarfs müssen bei Shell getankt werden. Der Rechtsexperte Michael Maurer vom ADAC sagt daher, die Shell-Versicherung sei in erster Linie ein Marketing-Gag. "Das ist also zunächst einmal ein Instrument zur Kundenbindung. Wer Schutz will, muss immer Shell tanken", so Maurer. Außerdem: "Sollte es zum Streit kommen, kann ein Fahrer, der kein Fahrtenbuch führt, nur schwer den Nachweis erbringen, auch tatsächlich so viel E10-Benzin bei Shell getankt zu haben."

Schäden durch E10 schwer zu beweisen

Positiver bewertet der ADAC-Mann die deutliche Garantiezusage der deutschen Automobilhersteller. Sie besagt, dass alle Fahrzeuge, die für den Biosprit freigegeben sind, bedenkenlos den neuen Kraftstoff tanken können. Über die Ausnahmen informiert die Verträglichkeitsliste der DAT, die im Internet abrufbar ist und bei den Tankstellen ausliegt. Sollte es durch die Betankung mit E10 später wider Erwarten zu Schäden kommen, wollen die Hersteller für die Kosten aufkommen. "Selbstverständlich gelten auch bei E10 alle rechtlichen Ansprüche des Verbrauchers", kündigten die Entwicklungsvorstände von Audi, BMW, Ford, Mercedes-Benz, Opel, Porsche und Volkswagen in einer gemeinsam Mitteilung an. "Die Autohersteller stehen dafür ein, dass die freigegebenen Fahrzeuge keinen Schaden durch E10 bekommen", so Maurer. "Das ist positiv."

Anders als die Autofahrer halten die Experten der Autoindustrie die Wahrscheinlichkeit eines Schadens für sehr gering. Falls aber wider Erwarten doch ein Problem auftrete, ändere die Garantie wenig, sagt Maurer. Der Fahrer müsse nachweisen, das sein Schaden durch E10 hervorgerufen worden sei. Dabei sei nicht einmal klar, welche Schäden im Dauerbetrieb mit E10 entstehen können. "Man darf nicht vergessen, dass Motoren auch ohne E10 kaputtgehen", sagt der ADAC-Jurist. "Da wird es Probleme mit dem Nachweis geben. In der Praxis wird es sehr schwer, wenn man als einziger mit seinem Modell einen E10-Schaden anmeldet. Wenn sich die Probleme bei mehreren Haltern häufen, wird es sicher leichter."

E10 - eine Gewissensfrage

Während die Zusage der Autohersteller die Gemüter beruhigt, wird aus ganz anderen Gründen starke Kritik am Biosprit laut. Der Speyerer Weihbischof Otto Georgens prangerte E10 an, weil er die Hungerprobleme der Welt verschärfe. Der Weltmarktpreis für Mais habe sich mehr als verdoppelt, seit EU und Berlin die Beimischung von Bio-Ethanol beschlossen hätten, sagte Georgens zum Start der Fastenaktion "Misereor". Er sieht die verstärkte Produktion des Bio-Ethanols in einem Zusammenhang mit steigenden Boden- und Lebensmittelpreisen und der Vertreibung von Kleinbauern. "Müssen Menschen hungern, damit wir in Europa mit Biosprit fahren können?", fragte der Bischof.