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Kommentar: Der letzte Sieg

Gerhard Schröder hat das TV-Duell gewonnen. Damit war zu rechnen -und so ist es gekommen. Der Kanzler war überzeugender, sympathischer und schlagfertiger. Doch es war wohl seine Abschiedsgala.

Von Lorenz Wolf-Doettinchem

Für die Wiederwahl Gerhard Schröders dürfte es - auch nach dem TV-Duell - nicht reichen. Dafür wäre ein K.o.-Sieg gegen Angela Merkel nötig gewesen. Doch die Kanzlerkandidatin war aggressiv, direkt und kompetent. Damit war die CDU-Vorsitzende besser als erwartet - und konnte einen Achtungserfolg für sich verbuchen.

Schröder meist in Verteidigungshaltung

Inhaltlich bot die Fernsehdiskussion wenig Neues. Merkel geißelte die deutsche Wachstumsschwäche und forderte "Vorfahrt für Arbeit", Schröder verteidigte seine Sozialreformen und feierte Deutschlands Erfolg als "Exportweltmeister". Zwischendurch verloren sich die beiden in den Feinheiten der roten, grünen und weißen Gentechnik. Auch bei dem Gezänk um fehlgeleitete Cents aus der Ökosteuer oder den demografischen Faktor in der Rentenversicherung hätte man liebsten weitergezappt. Während Merkel bei vielen Sachthemen fröhlich angriff, war Schröder meist in einer Verteidigungshaltung ("Wir waren es doch ..."). Was eine rot-grüne Regierung aber in den nächsten vier Jahren anpacken würde, blieb mehr als nebulös.

Des Kanzlers ganze Klasse blitzte auf, als er nach den umstrittenen Äußerungen seiner Gattin Doris zum Frauenbild von Angela Merkel befragt wurde. Schröder verteidigte seine Frau und schloss mit einer Liebeserklärung. Das war zwar ein bisschen kitschig, aber auch richtig rührend. Merkels Schwächen zeigten sich bei überraschenden Fragen - jenseits von Arbeit, Wachstum, Steuern. Zu den schrecklichen Bildern der Flutkatastrophe in New Orleans fielen ihr nur drei Sätze ein, um dann nahtlos über die zunehmende Armut in Deutschland zu lamentieren. Die Kunst, den richtigen Ton zu treffen, wird sie als Kanzlerin noch üben müssen.

Schattenfinanzminister war allgegenwärtig

Die Überraschung des TV-Duells war, dass sich in das Studio in Berlin-Adlershof zu den zwei Spitzenkandidaten ein unsichtbarer Dritter gesellte: Schattenfinanzminister Paul Kirchhof. Der "Professor aus Heidelberg" (Schröder) bestimmte einen großen Teil der Diskussion: Sat1-News-Mann Thomas Kausch sprach Merkel sogar als "Frau Kirchhof" an. Ob zu Rente, Steuern oder Familienbild - immer wieder fragten die vier Moderatoren nach Äußerungen des ehemaligen Verfassungsrichters. Vorteil Merkel: Mit der Berufung des parteilosen Steuerexperten hat die Union die Themen des Wahlkampfs gesetzt. Vorteil Schröder: Die Vorschläge lassen sich leicht als illusionär, rückständig und ungerecht brandmarken. Wo Merkel Kirchhofs "Vision" mühsam verteidigen musste, konnte Schröder poltern, dass man das Land nicht zum "Versuchskaninchen" machen dürfe.

Wer der eigentliche Sieger ist, wird nun in der Debatte danach entschieden. Die Blitzumfragen der Meinungsforscher liefern beiden Lagern Material: Merkel schnitt viel besser ab, als von den Deutschen zuvor erwartet; Schröder punktete vor allem bei den noch Unentschiedenen. Da die Union ihre Wähler schon sehr gut mobilisiert hat, dürfte in den Umfragen in den nächsten Tagen die SPD zulegen.

Duell könnte wahlentscheidend sein

Die Kanzlerschaft ist Angela Merkel auch nach dem TV-Duell kaum mehr zu nehmen. Aber Kleinigkeiten könnten darüber entscheiden, ob es für eine Koalition mit der FDP reicht oder ob sie mit einer großen Koalition regieren muss. Eine solche Kleinigkeit könnten zum Beispiel Kirchhofs Töchter sein. Eloquent parierte Merkel im Duell, den Vorwurf Kirchhofs Frauenbild sei antiquiert. Sie habe mit ihrem Finanzexperten darüber geredet. Der habe vier Töchter, die selbst Kinder hätten und berufstätig sein. Richtig zugehört haben kann die Kandidatin dabei nicht: Zwei der vermeintlichen Töchter sind nämlich Söhne.