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Kommentar: Nicht Liebe, sondern Kalkül

US-Präsident George W. Bush umarmt Europa. Dennoch darf die B-Week nicht wieder zu nostalgischem Gesäusel über die transatlantische Freundschaft verleiten. Es geht um knallharte Interessenpolitik.

Von Florian Güßgen

Europa erlebt die B-Week. In Brüssel kuschelt US-Präsident Bush mit dem ehedem widerborstigen Franzosen Jacques Chirac, scherzt mit dem nörgeligen Belgier Guy Verhofstadt und adelt EU-Kommissionschef Manuel Barroso mit einer Stippvisite. Für den garstigen Chancellor Gerhard Schröder gibt's sogar eine Extrawurst - den Deutschen besucht Bush zu Hause.

Entspannt euch, alles wird gut. Die B-Week lockert die Stimmung zwischen Washington und wichtigen europäischen Hauptstädten, die der Streit über den Irak-Krieg gründlich verdorben hatte. Weil eine gute Stimmung im politisch-diplomatischen Geschäft ein wichtiges Gleitmittel ist, sind die Bush-Festspiele schon jetzt ein voller Erfolg.

Bushs Besuch steht für Zeitenwende

Dennoch, trotz allem Klimbim, lässt die B-Week die alte transatlantische Freundschaft nicht auferstehen. Im Gegenteil. Dieser nach außen hin weich gezeichnete Staatsbesuch steht im Kern für eine harte Zeitenwende. Er zeigt, dass mit dem nostalgischen Gesäusel über die ewige transatlantische Freundschaft ein für alle mal Schluss ist. Künftig wird nüchterne Realpolitik das Verhältnis zwischen Amerikanern und Europäern bestimmen. Und das ist gut so.

Streicheleinheiten für Europa

Mit dem Präsidenten-Besuch in Europa vollzieht die US-Regierung keine Kehrtwende in ihrer Außenpolitik. Bush ist und bleibt ein von seiner Mission überzeugter Fundamentalist, der einen amerikanischen Weltfrieden anstrebt, eine Pax Americana. Im Unterschied zu früher hat der Präsident nun lediglich begriffen, dass es manchmal klug sein kann, sich realpolitischen Zwängen zu fügen, dass es hin und wieder einfach leichter ist, wenn die Europäern mit dabei sind.

Die Demokratisierung im Irak, zum Beispiel, kostet Menschenleben und rund eine Milliarde Dollar pro Woche - die USA würden diese Last gerne auf mehrere Schultern verteilen. In Afghanistan mühen sich die Isaf-Truppen weiter im Kampf gegen die Kriegsherren und das Chaos - die USA wollen sicherstellen, dass europäische Soldaten vor Ort bleiben. Weil Bush die Europäer derzeit braucht, streichelt er sie. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Streitpunkte liegen auf dem Tisch

Neu ist, dass die Europäer das mittlerweile ähnlich nüchtern sehen. Sie forcieren die Kooperation mit den USA, beharren aber bei wichtigen Fragen auf eigenen Standpunkten. Siehe Iran. Zwar wollen USA und EU beide verhindern, dass die Mullahs eine Atombombe bauen, gestritten wird nur darüber, wie das geschehen soll. Die USA setzen auf Sanktionen - auch militärische, die Europäer dringen auf Verhandlungen und wirtschaftliche Gegengeschäfte. Siehe China. Die EU-Staaten überlegen, das Waffenembargo gegen das Land aufzuheben, die USA lehnen dies strikt ab.

Oberrealo Schröder

Der Oberrealpolitiker im alten Europa ist dabei zweifellos der deutsche Kanzler. Mit befreiender Ehrlichkeit hat Gerhard Schröder kurz vor Bushs Besuch die Zukunft der Nato in Frage stellte. Der Nordatlantik-Pakt sei nicht mehr das wichtigste Forum für den transatlantischen Dialog, ließ der Kanzler sagen. Man müsse neue Formen der Zusammenarbeit austüfteln, am besten in einem hochrangigen Gremium. Schröders Coup ist befreiend, weil er zwei Tatsachen benennt. Erstens, die Bündnisse des Kalten Krieges - allen voran die Nato - spiegeln die politische Wirklichkeit ebenso wenig wider wie die alten Freundschafts-Floskeln. Zweitens, in Washington und in den europäischen Hauptstädten müssen sich die Entscheider überlegen, worin die Allianz zwischen Europa und den USA eigentlich besteht. Ihr müsst mir sagen, weshalb ich Euch lieben soll, so lautet die unverblümte Botschaft Schröders an den US-Präsidenten.

Bushs Vorgänger konnten auf Jubeltour nach Europa reisen, weil sie wussten, dass sie als Befreier gesehen wurden. Die B-Week zeigt nun, dass diese Zeit vorbei ist. Offen wie nie zuvor bekennen sich Amerikaner und Europäer, angesicht zu angesicht, zu einer vernünftigen Realpolitik. Erschreckend ist das nicht. Im Gegenteil. Eine kühle Interessengemeinschaft ist besser als eine falsch verstandene Freundschaft.