Korankurse "Der Ernst der Lage wird nicht erkannt"


Nach der Razzia in den Räumen einer Koranschule in Frankfurt sind die Korankurse erneut in die Kritik geraten. Der Zentralrat der Muslime fordert den Ausbau von Religionsunterricht für Muslime an Schulen.

Minderjährigen Schülern eines Korankurses in Frankfurt am Main sind angeblich gewaltverherrlichende Videobänder gezeigt worden, Bilder von Enthauptungen und anderen Grausamkeiten. Bislang gibt es für die Schilderungen einer neunjährigen Schülerin zwar keine Beweise, Stoff genug für erneute Kritik an den Kursen haben sie aber dennoch geliefert. Denn Korankurse unterliegen nicht der staatlichen Schulaufsicht, da sie meist am Wochenende von privaten Vereinen angeboten werden und die jungen Schüler ihrer Schulpflicht unter der Woche nachkommen.

Korankurse in jedem muslimischen Kulturzentrum

Mehr als 2.500 solche Kurse werden laut Schätzungen in Deutschland angeboten - so gut wie jedes muslimische Kulturzentrum und jeder Kulturverein unterrichtet Kinder und Erwachsene in stundenweisen Kursen in der Auslegung des Korans. Der Unterricht erfolgt meist unentgeltlich und auf Arabisch, und schon alleine deshalb schicken muslimische Eltern ihre Kinder in die Kurse. 15 Prozent aller muslimischer Kinder und Jugendlicher sind es laut einer Erhebung im vergangenen Jahr gewesen. In Deutschland leben rund drei Millionen Muslime.

Versuche, den Koranunterricht in den allgemeinbildenden Unterricht zu integrieren - und ihn somit der staatliche Schulaufsicht zu unterwerfen - gibt es in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. In Nordrhein-Westfalen versucht das Schulministerium, den Koranschulen ein deutschsprachiges Angebot einer ideologiefreien "islamischen Unterweisung" entgegenzustellen. Das gibt es nun seit fünf Jahren an rund 100 der etwa 7.500 Schulen im Land. Die Teilnahme entspricht nach Angaben einer Ministeriumssprecherin der am katholischen oder evangelischen Religionsunterricht und ist ebenso wie diese freiwillig.

Informatives Gegengewicht zu islamistischen Strömungen

In dem Unterrichtsfach werde sachlich über den Islam informiert und damit ein Bild dieser Religion vermittelt, das zeige, dass der Islam nichts mit dem fundamentalistischen Gedankengut islamistischer Gruppen gemein haben müsse. Somit diene das Unterrichtsangebot auch zur Aufklärung und als informatives Gegengewicht zu islamistischen Strömungen in Deutschland, meint das Ministerium.

Auch in Niedersachsen will das Kultusministerium "eine staatliche Alternative zu den Koranschulen anbieten", wie ein Sprecher am Montag betonte. Seit einem Jahr wird im Rahmen eines Schulversuchs zumindest an acht Grundschulen des Landes islamischer Religionsunterricht erteilt. Die Akzeptanz des auf Deutsch erteilten Unterrichts bei den muslimischen Eltern ist hoch: Nach Angaben des Ministeriums schicken in den acht Schulen "bis über 80 Prozent" der muslimischen Eltern ihre Kinder in den islamischen Religionsunterricht.

Um den Lehrplan aufzustellen, hatte das Kultusministerium eigens einen Runden Tisch mit allen muslimischen Glaubensrichtungen gebildet. Am Ende wurde der Unterrichtsstoff von allen Religionsgemeinschaften mit Ausnahme der Aleviten akzeptiert, die es den Anhängern ihrer Glaubensrichtung aber immerhin freistellten, die Kinder in den neuen Religionsunterricht zu schicken. Eine Ausweitung des zunächst mindestens vier Jahre laufenden Schulversuchs auf andere Schulen ist nach Angaben des Ministeriumssprechers derzeit aber nicht vorgesehen.

Doch der Zentralrat der Muslime in Deutschland findet insbesondere das niedersächsische Modell ausbaufähig und dringt auf die baldige flächendeckende Einführung, wie der Zentralrats-Vorsitzende Nadeem Elyas am Montag der AP sagte. Seit den 80er Jahren fordere seine Organisation regulären Islamunterricht an den öffentlichen Schulen. "Die Politik erkennt aber nicht den Ernst der Lage, dass die Integration ganzer Generationen von Muslimen davon abhängt", kritisierte Elyas.

Isabell Scheuplein/AP AP DPA

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