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Leseprobe: "Stark in der Schwäche"

Für alle, die wenig Zeit haben und das Wesentliche wissen wollen, empfiehlt sich die Brandt-Biografie von Gregor Schöllgen, die 2001 bei Propyläen erschien. Auszüge aus dem Buch.

Bis in die letzten Tage hinein empfängt der Todkranke Freunde, Weggefährten und Vertraute, soweit sie von seiner Frau vorgelassen werden. Das gelingt selbst seinen Kindern nicht immer, mitunter auch dann nicht, wenn sie eine weite Reise hinter sich haben, um den sterbenden Vater aufzusuchen.

Auch Helmut Kohl kommt, auf Bitten Willy Brandts, zu einem letzten Gespräch nach Unkel. Dafür hat sich der Todkranke ins Wohnzimmer begeben. "Ich bleibe nicht im Bett, wenn mein Bundeskanzler kommt", sagt er seinem Besucher. Und dann erzählt er, von seinem Leben, von seiner Mutter und vor allem: vom Sterben. Schließlich benennt er dem Kanzler seine Wünsche für die Trauerfeier.

Auf dem Waldfriedhof von Berlin-Zehlendorf findet Willy Brandt die letzte Ruhe. Seine Witwe, Brigitte Seebacher-Brandt, und seine vier Kinder geben ihm das letzte Geleit; Rut Brandt ist auf Veranlassung der Witwe nicht geladen. Die Kinder wissen, warum sie nicht darauf bestehen: Der Tod des Vaters soll kein Anlass für Spekulationen und Sensationen der Boulevardpresse sein.

Als sich der Trauerzug in Bewegung setzte, hatten nicht wenige Beobachter den Eindruck, auch das Ende einer Epoche mitzuerleben, und sie fragten sich, ob es ein Vermächtnis gibt, etwas, das sich untrennbar mit dem Bild dieses Mannes verbindet. Obgleich ihm im Namen des deutschen Volkes manches Unrecht und viel Leid zugefügt worden sind, hat er Deutschland stets als seine Heimat empfunden. Vielleicht konnte Willy Brandt gerade aus diesen Erfahrungen heraus so überzeugend vorleben, dass man mit dem eigenen Land und dessen Geschichte souverän umgehen kann, ohne in Larmoyanz zu verfallen oder aber die nationalistische Klaviatur zu bedienen.

Schwer vorstellbar, dass Willy Brandt ohne dieses souveräne Verhältnis zu seinem Land, seinem Volk und dessen Geschichte jenen Weg hätte einschlagen und trotz bitterer Anfeindungen letztlich erfolgreich hätte beschreiten können, den man als "Politik der Verständigung" bezeichnet. Das Fundament, das er auf dem schwierigen Terrain der Aussöhnung mit vielen vormaligen Opfern deutscher Politik und Kriegführung gelegt hat, war bei der Realisierung der deutschen Ziele 1989/90 unverzichtbar. Es trägt bis heute und hat einigen Anteil an der beträchtlichen Reputation, die das vereinigte Deutschland in der Welt genießt.

Es spricht für das Format dieses Mannes, nie in Abrede gestellt zu haben, dass andere vor ihm Schritte in die richtige Richtung getan und andere nach ihm seine Politik fortgesetzt und manchmal erst erfolgreich zum Abschluss gebracht haben, ganz gleich welcher Partei sie angehörten. Dieser gelassene Umgang mit den Leistungen und Erfolgen anderer erklärt zugleich seine außergewöhnliche Fähigkeit, die eigenen Niederlagen, politische wie persönliche, aushalten und mit den eigenen Schwächen umgehen zu können.

Die Schwächen Willy Brandts waren seine Stärke. Deshalb hatten die Menschen vor ihm keine Angst; deshalb haben sie ihn respektiert; und deshalb hat er "das Herz des Volkes" erobert, wie Walter Scheel ihm im Sommer 1974 nach seinem tiefsten Sturz schrieb. Es gibt nur wenige im Rampenlicht, von denen sich solches sagen lässt. Dass man nicht immer siegen muss, dass man verletzbar und voller Widersprüche sein darf, dass man Niederlagen erleiden und unter sich und anderen leiden kann, ohne das "Herz des Volkes" zu verlieren, ist das denkwürdige Vermächtnis des Willy Brandt.

Gregor Schöllgen / print