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Medienschlacht zur Eurokrise Merkel ist in Griechenland "Häftling 4339"


Der Euro sollte den Kontinent zusammenschweißen. Tatsächlich entzweit er ihn. Nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie in den Medien. Neuer Höhepunkt ist eine fiese Attacke auf die Kanzlerin.
Von Thomas Schmoll

Begonnen hat alles mit einem Stinkefinger. Zur Schlagzeile "Betrüger in der Euro-Familie" zeigte das Magazin "Focus" auf der Titelseite Aphrodite, die griechische Göttin der Liebe und Schönheit, die dem Betrachter gar nicht lieb und schön einen nach oben gerichteten Mittelfinger entgegenstreckte. "Solche Titel sind keines Kommentars wert", befand ein Athener Regierungssprecher. Nur war er einer der ganz Wenigen im Land, die das so sahen. Es folgten Proteste und Beschwerden, sogar beim deutschen Botschafter in Athen. Der damalige Parlamentspräsident Filippos Petsalnikos verwahrte sich gegen die Feststellung des "Focus", Griechenland sei in den letzten 2000 Jahren dekadent gewesen. Die Presse schlug zurück mit einer Montage der Viktoria, der römischen Göttin des Sieges, auf der Berliner Siegessäule. Statt des Lorbeerkranzes hob "Goldelse", wie die Hauptstädter die Figur nennen, ein Hakenkreuz hoch. "Finanz-Nazitum bedroht Europa", urteilte das Blatt und forderte die "Teutonen" auf, die Hellenen nicht länger zu "verleumden".

Passiert ist das alles schon Anfang 2010. Schon damals rief der seinerzeit amtierende Parlamentspräsident Petsalnikos zur Mäßigung auf. Er klagte im Fernsehen, vor allem die deutsche Presse reagiere manchmal hysterisch. Geholfen hat der Appell nicht. Im Gegenteil. Die seit zwei Jahren währenden Versuche, Hellas vom finanziellen Abgrund fernzuhalten, werden von einer deutsch-griechischen Medienschlacht begleitet. Hier zeigt es sich, dass der Euro nicht wie - von seinen Erfindern gewünscht - den Kontinent und seine Bürger verbindet, sondern entzweit. Fast ein Wunder war, dass sich Medien beider Länder vor und nach dem EM-Spiel Deutschland gegen Griechenland (4:2) weitgehend mit Häme und Hetze zurückhielten.

Ansonsten gibt es immer wieder teils hundsgemeine Angriffe auf Berliner Politiker. Umgekehrt ist im deutschen Boulevard permanent von den "Pleite-Griechen" die Rede, die faul in der Sonne säßen, unverschämt viel Rente bekämen und ihren Staat abzockten. Die "Bild-Zeitung" gab den Rat: "Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen". Mitunter griffen griechische Politiker sogar die antideutsche Stimmung auf. Theodoros Pangalos, Anfang 2010 stellvertretender Ministerpräsident, sagte während des Stinkefinger-Streits, der Bundesrepublik stehe Kritik nicht zu, weil die Nationalsozialisten die Wirtschaft Griechenlands ruiniert und überdies Tausende seiner Landsleute ermordet hätten. Den Deutschen hielt er vor: "Sie haben das griechische Gold weggenommen."

Angela Merkel umgeben von Hakenkreuzen

Opfer der Beschimpfungen ist insbesondere Bundeskanzlerin Angela Merkel, die immer wieder umgeben von Hakenkreuzen und Hitler-Bildern oder als peitscheschwingendes Ungeheuer gezeigt wird, das den Griechen vorschreibt, was zu tun sei, die Finanzen in Ordnung zu bringen. Das Monatsmagazin "Crash" treibt nun die Verunglimpfungen auf die Spitze. Es zeigt die Kanzlerin in einer orangefarbenen Häftlingskleidung, wie sie Verbrecher in amerikanischen Gefängnissen tragen müssen, damit sie im Falle einer Flucht leicht erkennbar sind. Man kennt sie aus Guantanamo, aber auch von Strafgefangenen, die zur Hinrichtung geführt werden. Sympathisch sieht die Handschellen tragende Merkel ("Häftling 4339") nicht aus.

Giorgos Trangas, Herausgeber des Magazins, macht dem Namen des Hefts immer wieder Ehre. Er wandelt auf einem Crash-Kurs. Das „Handelsblatt“ nennt ihn den "ungekrönten König des griechischen Radau-Journalismus". Tangas zeigte Merkel nach einem Bericht der seriösen Wirtschaftszeitung beim Internationalen Strafgerichtshof wegen "Verbrechens gegen die Menschlichkeit" an. Die Titelschlagzeileder "Crash"-Ausgabe lautet: "Stellt sie vor Gericht wegen des Völkermordes an den Griechen."

In dem Text wird laut "Handelsblatt" behauptet, Merkel habe Griechenland "in ein modernes KZ" verwandelt, in dem die Griechen "als die neuen Juden wie Aussätzige eingesperrt" seien. "Massenverbrechen" würden gegen die Griechen verübt, "ein wahrer Völkermord". Die Klage richte sich auch gegen IWF-Chefin Christine Lagarde, Finanzminister Wolfgang Schäuble, EU-Kommissionschef Jose Manuel Barroso und Ratspräsident Herman Van Rompuy. Trangas: "Merkel und ihre Freunde glauben nicht an den Wert des menschlichen Lebens und der persönlichen Würde."

Die Attacke gegen Merkel und andere Euroretter ist der Höhepunkt der Medienschlammschlacht. Die rechtskonservative Zeitung "Demokratie" zeigte Merkel komplett in Nazi-Montur, als zwischenzeitlich Verhandlungen über ein neues Sparpaket für Griechenland gescheitert waren. Wer meint, die Griechen sollten den Deutschen dankbar sein, dass es Hellas finanziell über Wasser hält, wird in vielen Kommentaren eines Besseren belehrt. Hier wird Merkel als Sparkommissarin dargestellt, die die Griechen in die Armut treibe.

Die "Bild"-Zeitung bietet wiederum deutschen Politikern ein breites Betätigungsfeld, Wünsche und Forderungen an Athen zu richten – und seien sie noch so provozierend. Als Wirtschaftsminister Philipp Rösler und viele seiner Kollegen einen "Sparkommissar" für das Land verlangten und einmal mehr via "Bild" erklärten, für Griechenland laufe die Zeit ab, man sei mit der Geduld am Ende, kam es zu wütenden anti-deutsche Berichten. Selbst der damalige Finanzminister Evangelos Venizelos bremste seine Landsleute nicht und sagte: "Wer das Volk vor das Dilemma Finanzhilfe oder nationale Würde stellt, ignoriert historische Lehren." Bildungsministerin Anna Diamantopoulou setzte dem die Krone auf. Sie sprach von einer "krankhaften Fantasie".


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