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Drei Frauen erstochen Messerangriff von Würzburg: Ermittler vermuten islamistisches Motiv

Unter einem Flatterband mit "Polizeiabsperrung"-Aufdruck stehen Kerzen und liegen Blumen, zwei Menschen stehen im Hintergrund
Sehen Sie im Video: Polizeipräsident schildert Ablauf der Messerattacke von Würzburg.




Der Polizeipräsident von Unterfranken, Gerhard Kallert, schildert den Ablauf der Messerattacke von Würzburg: "Um Punkt 17 Uhr hat der Täter ein Kaufhaus in der Kaiserstraße in Würzburg betreten. Er ist dann in die Abteilung für Haushaltswaren gegangen und hat sich dort von einer Verkäuferin beraten lassen. Hat gefragt: Wo sind die Messer? Wir wissen insbesondere anhand von den Videoaufzeichnungen, dass der Täter sich aus einer Auslage eines der Messer gegriffen und dann unvermittelt mehrfach auf Verkäuferin eingestochen hat. Diese wurde dadurch so schwer verletzt, dass sie noch dort ihren Verletzungen erlegen ist." Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Samstag in Würzburg: "Wir gehen auf jeden Fall nach gegenwärtigem Stand nach wie vor von einem Einzeltäter aus. Es muss jetzt das Tatmotiv geklärt werden. Die Frage: Wie sah es mit der Psyche des Täters aus? Und vor allen Dingen: Wie stark sind islamistische Hintergründe, die gestern erkennbar waren?" // "Es ist nicht die Frage, ob psychische Probleme oder radikale Gesinnung und dergleichen. Wir wissen weder das eine noch das andere im Moment sicher. Aber ich will ihn nur schon an dieser Stelle darauf hinweisen. Es schließt sich nicht gegenseitig aus. Es kann Menschen geben, wo dann irgendwo beides zumindest ansatzweise vorhanden ist. Aber das muss Gegenstand der weiteren Ermittlungen sein."
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Ist der Messerangreifer von Würzburg ein Extremist? Die Ermittler sehen Hinweise für ein islamistisches Motiv. Unklar ist, welche Rolle seine psychische Verfassung spielte.

Beim Messerangriff von Würzburg, bei dem drei Menschen getötet wurden, ist es aus Sicht der Ermittler naheliegend, dass der Mann islamistisch motiviert war. Fraglich sei bisher allerdings, ob der Somalier in eine Terrororganisation eingebunden gewesen sei, sagte ein Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) am Dienstag in München. Dafür gebe es noch keine Beweise. In der Unterkunft des 24-Jährigen in Würzburg seien bisher keine derartigen Hinweise gefunden worden – gleichwohl sprächen Zeugenaussagen für einen solchen Hintergrund.

Diese Zeugen wollen während der Attacke des 24-Jährigen zweimal den Ausruf "Allahu Akbar" gehört haben, wie Generalstaatsanwaltschaft München und LKA mitteilten. Zudem soll der später mit einem Polizeischuss gestoppte Mann im Krankenhaus einen Hinweis auf den "Dschihad" – also den "Heiligen Krieg" – gegeben haben.

Propagandaschriften beim Angreifer von Würzburg bislang nicht gefunden

"Bislang sind beim Tatverdächtigen noch keine Hinweise auf Propagandamaterial oder sonstige extremistische Inhalte gefunden worden", erklärten die Ermittler. Das Ermittlungsverfahren dauere an.

Der in der Vergangenheit psychisch auffällige Mann hatte am Freitag in der Würzburger Innenstadt auf insgesamt zehn Menschen eingestochen, die er wohl gar nicht kannte. Drei Frauen starben, sieben Menschen wurden verletzt, darunter ein elfjähriges Mädchen. Inzwischen befindet sich von den Verletzten niemand mehr in Lebensgefahr.

Der 24-Jährige sitzt in Untersuchungshaft – wegen dreifachen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung sowie vorsätzlicher Körperverletzung.

Landesinnenminister Joachim Herrmann (CSU) hatte nach der Tat bereits von Hinweisen auf ein islamistisches Motiv des Täters gesprochen. Er stützte dies auf die Aussage eines Zeugen, wonach der Verdächtige bei der Tat "Allahu Akbar" (deutsch: "Gott ist groß") gerufen habe. Dschihadisten und Salafisten benutzen den Ausdruck oft wie einen Schlachtruf. Damit verwenden die Extremisten die zentrale religiöse Formel des Islam, die seit Jahrhunderten von Muslimen weltweit benutzt wird. Herrmann schloss aber auch nicht aus, es könne die Tat eines psychisch Kranken mit islamistischen Bezügen sein.

Die Polizei hielt sich mit Äußerungen über das mögliche Tatmotiv bisher bedeckt und verwies darauf, das Ende der Ermittlungen abzuwarten. Schließlich müssten erst alle Gegenstände, die in der Obdachlosenunterkunft des Mannes in Würzburg gefunden wurden, untersucht und bewertet werden, unter anderem von Islamwissenschaftlern. Zu den Funden zählen auch zwei Handys, die dem 24-Jährigen gehören sollen. Die Inhalte der Mobiltelefone sollen auch mit Hilfe von Islamwissenschaftlern ausgewertet werden.

Mehr als 130 Ermittler mit dem Fall befasst

"Außerdem gehen die Ermittler derzeit mehr als hundert Spuren nach", hieß es in der Mitteilung. "Abschließende Aussagen sind noch nicht möglich." An dem Fall arbeiteten mehr als 130 Kräfte der Sonderkommission "Main" und der Kriminalpolizei. Auch Fachleute des Bundeskriminalamts seien involviert.

Die Ermittlungsbehörde gab ein gerichtspsychiatrisches Gutachten in Auftrag, um die Frage der Schuldfähigkeit des als psychisch auffällig beschriebenen Mannes zu klären. Außerdem solle eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder einer Entziehungsanstalt geprüft werden.

Wie die Münchner Ermittler mitteilten, hatte sich in diesem Jahr bereits die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit dem Tatverdächtigen befasst. Hintergrund sei ein Zeugenhinweis aus dem Januar gewesen, wonach der Tatverdächtige in den Jahren 2008 und 2009 für die islamistische Shebab-Miliz in Somalia Zivilisten, Journalisten und Polizisten getötet haben wolle.

Mangels konkreter Tatsachen habe der Generalbundesanwalt von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens abgesehen. Außerdem wäre der Somalier zum angeblichen Tatzeitpunkt elf oder zwölf Jahre alt gewesen und damit als Kind strafunmündig.

Tatverdächtiger Somalier bedrohte schon früher Menschen mit Messer

Wie die Generalstaatsanwaltschaft weiter mitteilte, bedrohte der Tatverdächtige am 12. und 13. Januar in Obdachlosenunterkünften in Würzburg mehrere Menschen mit einem Messer. Außerdem habe er die Anwesenden beleidigt. Der Tatverdächtige sei deshalb für acht Tage in einer Psychiatrie untergebracht worden.

Knapp zwei Wochen vor der Tat vom Freitag –  am 14. Juni – sei der 24-Jährige in der Würzburger Innenstadt in das Auto eines 59-Jährigen eingestiegen und habe sich auf den Beifahrersitz gesetzt. Der Autofahrer habe den Somalier mehrfach angesprochen, aber keine Antwort bekommen.

Schließlich habe der 59-Jährige die Polizei gerufen, doch auch auf die Polizisten habe der 24-Jährige nicht reagiert. Das zuständige Ordnungsamt habe diesen daraufhin in eine Psychiatrie einweisen lassen, diese habe er einen Tag später aber auf eigenen Wunsch wieder verlassen.

Außerdem sei der Tatverdächtige 2015 in einer Asylbewerberunterkunft in Chemnitz in einem Streit mit einem Mitbewohner verwickelt gewesen, bei dem er ein Küchenmesser verwendet haben soll. Wegen gegensätzlicher Aussagen zum Tathergang sei aber kein Tatnachweis zu führen gewesen, deshalb sei das Verfahren Anfang 2017 eingestellt worden.

anb DPA AFP

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