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Missbrauch durch Pfarrer: Hohe Kirchenpolitik und tiefer Schmerz

Kardinal Lehman will Pfarrer, die sich sexueller Übergriffe schuldig gemacht haben, aus der "normalen Seelsorge" verbannen. Das sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz zum Abschluss der Herbstversammlung in Fulda. Er nahm damit Bezug auf den rückfällig gewordenen Riekofer Pfarrer Peter K. stern.de hat eine Familie getroffen, die an K.'s Tat zerbrochen ist.

Von Christian Gressner, Riekofen

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, hat betont, dass jeder Fall von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche "ein Fall zuviel" sei. Wenn jemand "schuldig geworden ist, darf er auf gar keinen Fall in der normalen Seelsorge beschäftigt werden", sagte Lehmann in Fulda nach dem Abschluss der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe.

Wegen sexuellen Missbrauchs verurteilte Priester dürften auf keinen Fall mehr mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, sagte Lehmann. Mit dieser Klarstellung rügte der Mainzer Kardinal indirekt den Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller. Dieser hatte jede Mitverantwortung für den mutmaßlichen Kindesmissbrauch durch den vorbestraften Pfarrer Peter K. aus der Gemeinde Riekofen bestritten.

Obwohl der Geistliche K. wegen eines Missbrauchsfalles im Jahr 2000 rechtskräftig verurteilt worden war, hatte ihn das Bistum ab 2004 - entgegen der bischöflichen Leitlinien - wieder in der Pfarrseelsorge eingesetzt. Derzeit wird gegen den 39-jährigen ermittelt, weil er in seiner Pfarrei Riekhofen in der Oberpfalz einen Ministranten mehrfach sexuell missbraucht haben soll.

Das Thema sexueller Missbrauch war von den Bischöfen nicht offiziell auf die Tagesordnung in Fulda gesetzt worden. Lehmann berichtete, dass zu Beginn der Tagung keiner seiner Amtsbrüder einen Antrag gestellt habe, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Auch nicht "auf mehrfache Nachfrage".

Pfarrer K.'s Taten, die den Bischöfen in Fulda keinen eigenen Tagesordnungspunkt wert gewesen sind, haben viele Familien zerstört. Hohe Kirchenpolitik hier, tiefer, stiller Schmerz dort. stern.de hat eine Familie getroffen, die eines der ersten Opfer von K. geworden ist.

Pfarrer K. ist in Untersuchungshaft, seine Opfer leiden noch heute

Johanna Treimer ist eine hübsche Frau in mittleren Jahren. Die rötlichen Haare fallen ihr in dichten Locken bis auf die Schultern, und irgendwie hat sie sich eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt. Doch um die Augen haben sich tiefe Falten in die Haut gegraben, ihr Blick ist sorgenvoll. Denn Johanna Treimers heute 21 Jahre alter Sohn ist vor neun Jahren von dem Pfarrer der niederbayerischen Gemeinde Viechtach sexuell missbraucht worden - von dem gleichen Mann, der Ende August in Riekofen (Landkreis Regensburg) verhaftet wurde, wieder unter dem Verdacht des Missbrauchs in mindestens einem Fall. Seitdem sitzt Peter K. wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft.

Treimers Familie ist an seiner Tat zerbrochen. Für ihren Mann sei das die schwerste Krise seines Lebens gewesen, sagt sie. Heute leben die Eltern getrennt. Die Mutter zieht ihre drei Kinder allein groß. Der Sohn, obwohl inzwischen ein junger Erwachsener, hat seit den Vorfällen noch keine langfristige Beziehung geführt - außer einer sechsmonatigen Freundschaft mit einem Mädchen, als er 14 war. Das kann viele Gründe haben, doch Johanna Treimer vermutet, einer davon ist der Missbrauch durch Peter K. Er wurde dafür im Juli 2000 zu zwölf Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Die aktuellen Vorwürfe aus der 800-Seelen-Gemeinde Riekofen bringen die alten Geschichten für Treimer und ihren Sohn wieder hoch. Seit sie von K.s Einsatz dort als Gemeindepfarrer erfahren hat, "hatte ich ein ungutes Gefühl. Ich war dann schockiert, aber eigentlich nicht so erstaunt", als die neuen Vorwürfe bekannt wurden. Nun übt sie heftige Kritik am Bistum Regensburg: Bischof Gerhard Ludwig Müller habe "einen riesengroßen Fehler gemacht", als er einem positiven Gutachten über K.s Neigung vorbehaltlos Glauben schenkte. Sie sei bestürzt, dass die Kirche sich bis heute nicht zu einer Mitschuld bekenne.

Doch Bischof Müller hat erst kürzlich seine Unschuld wieder bekräftigt. "Die Verantwortung für die Tat trägt der Täter", sagt er. Müller beruft sich dabei auf ein entsprechendes Gutachten. Dass dessen Prognose sich als falsch erwiesen habe, ficht das Bistum nicht an. Dagegen sei man nie gefeit, sagt der Justitiar der Diözese Regensburg, Thomas Pfister.

"Verhalten Sie sich ruhig, das Ordinariat wird das lösen."

Dieses Vertrauen in den Gutachter kritisiert der Sozialpädagoge Johannes Heibel von der bundesweiten Initiative gegen Gewalt heftig. "Die Begutachtung geht an der Debatte vorbei", das Risiko eines Rückfalls sollte nicht bewertet werden. Ein auffällig gewordener Priester "kann nicht mehr Dienst am Menschen tun". Schlechte Erfahrungen mit dem Krisenmanagement der Kirche haben neben Treimer auch die Betroffenen bei Missbrauchsfällen in Falkenberg und Georgenberg gemacht. Der Kirche gehe es um ihren Machterhalt, sagt Monika Preis, Vertrauensperson in Georgenberg. Der häufigste Rat des Bistums sei gewesen: "Verhalten Sie sich ruhig, das Ordinariat wird das lösen.", sagt Agnes Aigner, die mit dem Vorfall in Falkenberg befasst ist.

In Riekofen hat Dekan Anton Schober der Gemeinde zwischenzeitlich K.s Nachfolger Gottfried Dachauer vorgestellt. Eigentlich wollte dies Bischof Müller tun, doch er hat kurzfristig abgesagt. In der gut gefüllten Kirche wurde der mutmaßliche Missbrauch nicht angesprochen, stattdessen war vage von "Sorgen und Problemen" die Rede. Und vom Zölibat. Denn "wenn wir auf die eigene Familie verzichten, haben wir mehr Möglichkeiten, uns in die große Pfarrfamilie einzubringen und vorbehaltlos für Gott und die Menschen dazu sein", sagte Schober. Manchmal möchte man der Kirche jedoch ein paar mehr Vorbehalte wünschen.

Zumindest an der Spitze der deutschen katholischen Kirche scheint ein Umdenken stattgefunden zu haben. So sagte Kardinal Lehmann zum Abschluss der bischöflichen Herbstvollversammlung mit Blick auf sexuell auffällig gewordene Pfarrer: "Nicht selten raten wir dazu, dass so jemand sich vom priesterlichen Stand entfernt." Im Hinblick auf die Täter solle man jeden falschen Zungenschlag vermeiden und "nicht so schnell von Barmherzigkeit und Mitleid sprechen".

mit AP/DPA / DPA