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Missbrauchte Kinder und Jugendliche: Merkel will helfen - und tut nichts

Beratungen für sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche bräuchten eine finanzielle Grundlage, forderte die Kanzlerin vor drei Jahren in einem Brief. Was ist seitdem passiert? Nichts.

Von Wigbert Löer

"Sichere finanzielle Grundlage": Das Schreiben der Kanzlerin an eine prominente Frau aus dem Jahr 2010

"Sichere finanzielle Grundlage": Das Schreiben der Kanzlerin an eine prominente Frau aus dem Jahr 2010

Die Bundeskanzlerin bekannte sich in einem Brief. "Außerordentlich wichtig" nannte Angela Merkel die Arbeit der Fachberatungen für sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche. Ihr sei "sehr viel daran gelegen, dass diese Beratungsstellen eine sichere finanzielle Grundlage haben". Die Kanzlerin als Fürsprecherin, das klang gut.

Es nützte nur nichts. Merkels Schreiben an eine prominente Frau stammt aus dem Jahr 2010, doch von einer "sicheren finanziellen Grundlage" sind die meisten Beratungsstellen bis heute weit entfernt.

"Gesichert ist die Finanzierung bei uns überhaupt nicht", sagt zum Beispiel Monika Schiffer, Vorstand von "Zornröschen e.V.". Zornröschen aus Mönchengladbach ist eine der 350 oftmals winzigen Fachberatungen, die sich um Opfer sexueller Gewalt kümmern. Jedes Jahr werden in Deutschland rund 200.000 Unter-14-Jährige missbraucht. Bei Fachberatungen wie Zornröschen können sie erst einmal anonym bleiben und selbst entscheiden, ob und wann der Missbrauch etwa in der Familie bekannt gemacht wird. "Die Schwelle für Opfer, sich zu melden, ist bei uns viel niedriger als etwa beim Jugendamt", sagt Monika Schiffer. "Die Betroffenen trauen sich eher zu uns."

Auch Freunde, Geschwister, Eltern, Großeltern, Erzieher und Lehrer kommen zu Zornröschen, mit Fragen, manchmal mit Vermutungen. "Die meisten von ihnen würden sich keiner Behörde offenbaren", sagt Schiffers Kollegin Sigrid Mattausch. "Eine Großmutter etwa, die den Verdacht hat, der neue Mann ihrer Tochter missbraucht das Enkelkind, die braucht erstmal den Schutz der Anonymität, um den Fall anzusprechen."

Kümmern sich um Opfer sexueller Gewalt: Sigrid Mattausch (l.) und Monika Schiffer von der Mönchengladbacher Kontakt- und Informationsstelle "Zornröschen e.V."

Kümmern sich um Opfer sexueller Gewalt: Sigrid Mattausch (l.) und Monika Schiffer von der Mönchengladbacher Kontakt- und Informationsstelle "Zornröschen e.V."

Ganze Regionen ohne Fachberatung

Doch in der Politik haben junge Opfer sexuellen Missbrauchs keine große Lobby. Zornröschen kann nicht mal ein Drittel seiner Ausgaben mit öffentlichen Geldern bezahlen. Die Existenz der einzigen Fachberatung in der 250.000-Einwohner-Stadt Mönchengladbach hängt an der Großzügigkeit von Spendern.

Andernorts empfindet es der Staat sogar nicht mal ansatzweise als seine Aufgabe, missbrauchten Kindern und Jugendlichen zu helfen. In Deutschland finden sich ganze Regionen ohne Fachangebot. In Sachsen-Anhalt, das zeigt die Studie dreier Wissenschaftlerinnen, stehen nur vier Fachberatungen zur Verfügung, in Brandenburg drei.

Selbst reichere Bundesländer schlagen Alarm. In Baden-Württemberg geben Landesjugendamt und das zuständige Ministerium zu, den Bedarf sowohl bei Jungen und jungen Männern als auch bei Migrantinnen und Migranten nur teilweise abzudecken. Hessen macht "regionale Versorgungslücken im Norden und im Süden" aus. Für junge Missbrauchsopfer ist das ein bitterer Befund.

Die Bundeskanzlerin schrieb 2010 in ihrem Brief, sie werde prüfen, ob sich "Handlungsbedarf" für den Bund ergebe. Vorher wolle sie aber die Empfehlungen des Runden Tisches zum Kindesmissbrauch abwarten.

Mit Modellprojekten wäre große Wirkung zu erzielen

"Handlungsbedarf" sah dieses Expertengremium reichlich, und zwar bereits 2011: Es stellte eine "mangelhafte Finanzausstattung" fest. Das Bundesfamilienministerium und auch die Fachleute der CDU zeigen auf die Länder und Kommunen, die seien für die Finanzierung zuständig. Doch natürlich könnte sich auch die Bundesregierung stark machen für missbrauchte Mädchen und Jungen – wenn sie denn wollte. Fachberatungen verschlingen keine Milliarden, schon mit ein paar Modellprojekten wäre große Wirkung zu erzielen.

Vor allem könnte die Kanzlerin durchsetzen, dass Kinder und Jugendliche einen uneingeschränkten Rechtsanspruch auf Beratung bekommen. Länder und Kommunen wären damit zur Finanzierung der Beratungen gezwungen. Und die Kanzlerin hätte nicht mehr nur behauptet, dass ihr an der Finanzierung der Fachberatungen "sehr gelegen" ist. Sie hätte es auch gezeigt.

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