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Mohammed-Karikaturen: Der Ketzer von Ilmenau

Die Karikaturen-Streit erreicht das Städtchen Ilmenau: Studenten der dortigen Uni hatten die Zeichnungen ins Internet gestellt. Was nicht nur die muslimische Gemeinde empörte. Ihre Entscheidung aber bereuen die "Täter" nicht - im Gegenteil.

Von Nils Schmidt

Jetzt steht Jan Vervoorst im Mittelpunkt. Unruhig wippt er auf den quittegelben Pressholzbänken hin und her. 350 Augen sind auf ihn gerichtet, es ist stickig im Hörsaal. Blitze zucken. Mikrofone werden ins Publikum gehalten. Das Scheinwerferlicht öffentlicher Aufmerksamkeit erhellt an diesem Mittwochabend den nüchternen Bau auf dem Ilmenauer Campus. Gespannte Aufmerksamkeit überall. Nur nichts Falsches sagen jetzt.

Jan Vervoorst drückt sich fest in seinen Sitz. "Alle haben darüber geredet, aber nirgendwo waren sie zu sehen", sagt der 25-jährige Mechatronik-Student aus dem thüringischen Städtchen Ilmenau. Sie sind der Grund, warum er und die anderen Ilmenauer, Studenten, Dozenten, Christen, Moslems und Atheisten nun hier sitzen im Hörsaal 2 der Technischen Universität: Vervoorst hat, wie einige andere Kommilitonen auch, die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" im Internet veröffentlicht. Und damit an der Uni eine Debatte um die "Gefährdung des inneren akademischen Friedens" ausgelöst.

"Prophetendiffamierung" und "verletzte Gefühle"

Vervoorst wiegt den Kopf hin- und her. Er hat viel gehört in den vergangenen zwei Stunden: über "verletzte Gefühle", die "Grenzen der Freiheit", "Heiligtümer" und "Prophetendiffamierung". Und er muss sich angesprochen fühlen. Schließlich hat er die Karikaturen in seinem privaten Online-Profil für alle sichtbar gemacht. In den Augen des Uni-Rektors Peter Scharff nichts anderes als "ehrverletzende Darstellungen". Ist Vervoorst ein Quertreiber? Ein respektloser Ultra-Liberaler?

Einige sehen das so. "Wir sind enttäuscht und beleidigt. Wir bitten mindestens um eine Entschuldigung", sagt der Vorsitzende der syrischen Gemeinde Ilmenaus und TU-Mitarbeiter Maher al Ibrahim klar und zielt damit auf Leute wie Vervoorst. Leute, die seine Gefühle mit der Verbreitung der Karikaturen missachtet haben.

Dabei gefalle es ihm bis jetzt sehr gut in Ilmenau - viele neue Perspektiven gebe es hier, sagt er. Die Uni, an der neben dem Ingenieur al Ibrahim etwa 100 Muslime lernen und forschen, müsse jedoch auf ihren Ruf im Ausland bedacht sein. Und der könne Schaden nehmen, sollten die Bilder weiter im Netz bleiben. Einige Studenten räuspern sich und greifen sich an den Kopf.

Al Ibrahim ist mit seiner Meinung nicht alleine, viele Muslime an der Uni fühlen sich verletzt. Bassam al Rifaee, 23-jähriger Informatikstudent aus Syrien, hatte sich kurz nach der Veröffentlichung der lästerlichen Zeichnungen sowohl bei den studentischen Betreibern des Studentenportals als auch in ihm selbst beschwert.

Über eine Woche lang prallten Argumente und Provokationen im Studentenportal aufeinander. Als sich die Fronten zu verhärten drohten, gingen die studentischen Betreiber in die Offensive. "Das Ziel des heutigen Abends ist es, Verständnis füreinander zu schaffen. Und miteinander zu reden, statt übereinander", so Organisator Ives Steglich.

Um dafür eine Grundlage zu schaffen, holten sie den Erfurter Islamwissenschaftler Mark Bodenstein nach Ilmenau, der über die Bedeutung des Propheten referierte. "Deutsche und ausländische Studenten wissen zu wenig übereinander", sagt eine Ilmenauer Pastorin.

Im Stundentenportal fanden sich neben den Bildern auch Tagebuch-Einträge wie "Support free speech, piss off the mullahs" oder "Meinungsfreiheit. Versteht nicht jeder." "Manche Studenten reagierten allergisch auf meine Bitte, zumindest die Bilder zu entfernen. Sie haben mich behandelt wie Bin Laden", ruft Informatiker al Rifaees in den Hörsaal. Ein Raunen geht durch den Saal.

Vervoorst dagegen verteidigt seine Entscheidung, die Karikaturen auf dem Server zu lassen. Er so hätte die "Diskussion im Studentenportal eine Grundlage bekommen". Studenten in anderen Reihen schütteln den Kopf: "Der übertreibt", sagt einer. Doch Mechatronik-Student Vervoorst bleibt seiner Einstellung treu: "Konsequenterweise sollte Jyllands-Posten auch die Holocaust-Karikaturen aus dem Iran veröffentlichen." Er selbst hat jüdische Freunde.

Immer wieder branden die Diskussionen auf an diesem Abend. Im Halblauten ist geistloses zu hören: "Sollen wir jetzt etwa den Koran verbrennen?". Aber auch: "Die Konflikte um die Karikaturen sind Ausdruck unserer Zeit", so ein Student. Viele Menschen, besonders Künstler müssten mittlerweile in Angst leben, wenn sie in provokativer Form Kritik am Islam äußerten, sagt einer. Man müsse sich nur an die Ermordung des niederländischen Regisseurs Theo Van Gogh durch religiöse Fanatiker erinnern. Er habe deshalb eine Karikatur hoch geladen, welche die Angst des Karikaturisten deutlich mache, sagt er und im Hörsaal wird genickt.

Auch nach drei Stunden sind längst nicht alle Fragen beantwortet. "Musste das wirklich sein? Warum die Veröffentlichung der Bilder im Angesicht der zu erwartenden Reaktion der Muslime?", fragen eine empörte Mitarbeiterin des Akademischen Auslandsamtes sowie weitere Diskutanten. Jan Vervoorsts erste Antwort ist kurz: "Weil ich es kann und darf."

Er zögert einen Moment, bemerkt empörte Blick aus der Menge. Er habe ja nur eine Diskussionsgrundlage schaffen wollen. Später wird er deutlicher: "Manchen Leuten mag die Meinungs- und Pressefreiheit als selbstverständlich erscheinen, aber gerade in diesen Tagen kann man sehen, dass dem nicht so ist."

Am Ende ist der Ilmenauer Dialog geglückt. Nach der Veranstaltung verlassen Grüppchen aus bärtigen Muslime und Studenten diskutierend den Hörsaal 2. Bilder, die man sonst selten sieht. Vervoorst spricht von einem "aufschlussreichem Gespräch."

Ausgelöst haben das nicht zuletzt die Karikaturen im Studentenportal. Ganz glücklich ist Vervoorst mit der Forderung der syrischen Studenten nach einer offiziellen Entschuldigung nicht. Sollten sich Muslime von seinem Verhalten angegriffen fühlen, werde er die Bilder jedoch aus seinem Profil entfernen, so der Student. Passiert ist dies bis jetzt nicht. Auch das ist eine Aussage.

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