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Nach Eskalation bei Protesten gegen S 21: Stuttgart sägt die ersten Bäume ab

In der Nacht sind für das Bahnprojekt Stuttgart 21 die ersten Bäume gefällt worden. Wütende Bürger begleiteten die Arbeiten. Es blieb weitgehend friedlich - anders als wenige Stunden zuvor.

Von Mathias Rittgerott, Stuttgart

Die Holzfäller kommen um ein Uhr nachts. Im Sekundentakt schicken sie im Schlossgarten in der Stuttgarter Innenstadt die ersten von rund 300 Bäumen zu Boden. Hier soll bald mit den Tiefbauarbeiten für die Verlegung des Hauptbahnhofes begonnen werden. Tausende Demonstranten haben ausgeharrt. Sie haben Angst um die Bäume, um ihre Bäume, wie sie sagen. Auge in Auge stehen sie an Absperrgittern Polizisten in grünen und schwarzen Uniformen gegenüber.

Unter dem gleißenden Licht von Polizeischeinwerfern rücken zwei große Holzerntemaschinen - Bagger mit mächtigen Sägen und Krallen statt einer Schaufel - in Stuttgarts Schlossgarten vor und hauen Bäume um. Manch Zuschauer ist zum Heulen zu Mute. Die Demonstranten pfeifen, ihr Protestgesang verstummt wie die Musik, die aus einem Lautsprecher plärrt. Entsetzen, Wut, Verzweiflung legen sich über den Park. Innerhalb kürzester Zeit sind 25 Bäume gefällt und geschreddert.

Parkschützer hatten zuvor erklärt, sie wüssten von einem Baumfäll-Stopp, den das Eisenbahnbundesamt verfügt habe. "Aufhören", "Verräter", "Schweine": Die Stuttgart-21-Gegnern brüllen sich die Seele aus dem Leib. Vor ihnen kracht und knackt es, als die Bäume nach und nach fallen und in einem Häcksler zerkleinert werden. Jedes Mal, wenn wieder ein Bagger in einen Baum reinzubeißen scheint, schwappt eine Welle von Beschimpfungen in Richtung der Arbeiter.

Friedliche Proteste werden abgelöst durch Gewalt

Warum dieser nächtliche Showdown? Baumfällarbeiten sind vor dem 1. Oktober in Baden-Württemberg verboten. Erst nach Ende der Vegetationsperiode dürfen Bäume gefällt werden. Die Bahn will offenbar ganz pünktlich sein.

Anders als am Donnerstagnachmittag kommt es in der Nacht nicht zu einer Eskalation der Gewalt. Die Polizei setzt keine Wasserwerfer ein, allerdings werfen einige Demonstranten Gegenstände und Farbbeutel in Richtung der Arbeiter und Beamten. "Es gab keine Verletzten", sagt ein Polizeisprecher. Ganz im Gegensatz zum Donnerstagnachmittag, als die bisher friedlichen Proteste in offene Gewalt umgeschlagen waren: Mehr als 400 Demonstranten hatten im Schlossgarten Augenreizungen erlitten, einige trugen Platzwunden und Nasenbrüche davon, teilte das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 mit. Die Aktivisten hatten versucht, die Räumung des Parks mit Sitzblockaden zu verhindern. Die Polizei zählte mehrere verletzte Beamte und 116 verletzte Bürger, von denen zehn im Krankenhaus behandelt werden mussten.

Einsatz angemessen und rechtmäßig

Die Polizei setzte Wasserwerfer, Reizgas und Schlagstöcke gegen Demonstranten ein. "Schämt euch!", riefen diese. Andere stimmten mit ein: "Kinderschläger". Die Kinder hätten sich der Aufforderung der Polizei, fortzugehen, dreimal widersetzt, rechtfertigt ein Polizeisprecher das Vorgehen gegen die jungen Leute. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, verteidigte den Einsatz als "nicht nur rechtmäßig, sondern auch vollkommen angemessen". Der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte er: "Wo ein Abdrängen von Demonstranten nicht mehr möglich ist, darf und muss unmittelbarer Zwang durch Wasserwerfer, Reizgas oder Schlagstöcke eingesetzt werden."

Doch der teils heftige Polizeieinsatz hat selbst gut situierte Stuttgarter keinesfalls vom Protest abgeschreckt. Am Abend und in der Nacht versammeln sich Jung und Alt, Demonstranten in wetterfester Kleidung und Demo-Unerfahrene in feiner Garderobe. Einige versuchen, über Absperrgitter hinweg mit Polizisten zu diskutieren. Doch die meisten schimpfen aufgebracht, sind entrüstet und zornig. Spät in der Nacht besetzen Demonstranten dann die Konrad-Adenauer-Strasse. Sie schleppen schwere Müllcontainer heran, zünden sie an.

Diese Nacht zum 1. Oktober wird den Gegnern des Projekts Stuttgart 21 wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Und vielleicht auch seinen Befürwortern.

mit Agenturen