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Neonazi-Opfer Noël Martin: "Der Rassismus hat mir alles genommen"

Zwei Nazis aus dem brandenburgischen Mahlow haben Noël Martin vor zehn Jahren zum Krüppel gemacht. Seitdem kämpft der in Jamaika aufgewachsene Brite vom Rollstuhl aus gegen Fremdenhass und Rassismus. Doch bald will er sterben.

Von Gerhard Richter

Wochenlang hat er erzählt und diktiert, korrigiert und alle Fragen beantwortet. Hat sein Leben noch einmal gelebt. Ein reiches Leben, in dem er kämpfte und lebte, liebte und gewann, wenn er seinen Träumen folgte. Aber bösen Träumen konnte Noël Martin nicht aus dem Weg gehen, auch wenn sie von Nazis handelten. Zweien ist er begegnet. Am 16. Juni 1996.

Seitdem ist sein Leben ein Alptraum. Seitdem ist der tatkräftige Mann ein Krüppel und auf das angewiesen, was andere für ihn tun. Rund um die Uhr muss er gepflegt werden, seit mehr als zehn Jahren schon. In dem Buch schildert er ausführlich die täglichen Torturen, die vielen Pfleger, die lieblos und nachlässig ihre Arbeit tun, und die vielen Kleinigkeiten, die seelischen und körperlichen Empfindlichkeiten, die zu erdulden, ihn müde gemacht haben. "Ich habe meine Würde verloren, meinen Stolz, meine Gefühle, ich kann mir nicht mal den Mund abwischen, jedes kleine Ding vermisse ich." Diesen Körper will er bald verlassen. "Ich hoffe, das Buch hilft, dass die Leute verstehen können, was ich durchgemacht habe", sagt er. Weil sein Körper zu schwach ist für die Reise aus dem englischen Birmingham nach Potsdam, schickte Noël Martin eine Botschaft auf Video.

"Dieses Buch ist ein Signal"

Alle im vollbesetzten Brandenburgsaal des Staatsministeriums starren auf die Leinwand. Sehen den massigen Farbigen im Rollstuhl, der mit fester Stimme allen dankt, die sich um ihn gekümmert haben, in den letzten zehn Jahren. Bewegende Worte, eines Mannes, der den Tod als Befreiung aus dem Gefängnis seines gelähmten Körpers begreift. Seitdem der der damals 17jährige Sandro R. und der 24jährige Mario P. einen Stein auf das Auto von Noël Martin schleuderten, und Noël Martin deswegen gegen einen Baum gefahren war, kann er seinen Körper nicht mehr spüren. "Wenn du nicht fühlen kannst, kannst du die Welt nicht berühren. Und wenn du sie nicht berühren kannst, kannst du nur zusehen, wie sie vorüberzieht", sagt Noël Martin, dessen Frau Jacqueline bereits 2000 an Krebs gestorben ist.

Mit ihr zusammen hatte er auf den Angriff reagiert und die "Noël und Jacqueline Martin Stiftung" ins Leben gerufen. Das Land Brandenburg, damals noch unter Ministerpräsident Manfred Stolpe, hatte Geld aus Lottomitteln locker gemacht. Dazu kamen Spenden. Etwa 100 Jugendliche aus Mahlow und Umgebung hatten seither die Möglichkeit, Martins Heimatstadt Birmingham zu besuchen und sich ein Bild von der Fremde machen. Die Einnahmen aus dem Verkauf des Buches sollen ebenfalls dieser Stiftung zugute kommen. "Dieses Buch ist ein Signal an alle, die sich mit Rassismus nicht abfinden wollen", sagt der Verleger Dankwart von Loeper.

"Ah, cool, Jamaika!" sollen die Glatzen geantwortet haben

In dem 250seitigen Buch beschreibt Noël Martin seine Kindheit in Jamaika, die ärmlichen Verhältnisse und die Eindrücke der Karibik, die sich drastisch veränderten, als er mit 10 Jahren nach England kommt. Früh lernt er die Härte des Lebens kennen. Strenge Eltern, kalte Strassen, rassistische Polizisten. Und ständig Anfeindungen wegen der schwarzen Hautfarbe. Noël Martin geht seinen Weg. Er wird Gipser und arbeitet sich hoch. Er macht sich selbständig, trägt Seidenhemden und kauft einen Jaguar. Damit fährt er auch zu den Baustellen nach Spanien, Holland und Mahlow. Ein lebensfroher Selfmademan, der gerne anderen hilft und Frauen liebt. Angst vor Nazis hatte er nicht. Er zeigte ihnen den Hitlergruss, und lachte über ihre verduzten Gesichter. Nach "Afrikaner raus"-Rufen klärte er sie auf, dass er kein Afrikaner, sondern Jamaikaner war. "Ah, cool, Jamaika!" sollen die Glatzen geantwortet haben.

Bis er auf Sandro und Mario traf. Die beiden fragten nicht, sondern fuhren ihm hinterher und warfen einen Stein in seine Autoscheibe. Fünf und acht Jahre Gefängnis bekamen sie dafür. Als Motiv gaben sie unverhohlen Hass auf Fremde an. Die beiden Täter sind wieder frei, aber entschuldigt haben sie sich nie. "Die Strafe war nicht genug", erzählt Noël Martin von der Leinwand. "Die schlimmste Strafe ist, wenn sie älter werden, und ihre Kinder oder Enkel bringen einen Freund mit, der schwarz ist. Das ist die schlimmste Strafe."

"Wir haben nach wie vor mit Rassismus zu tun"

Unter den Einwohnern von Mahlow scheint sich nicht viel geändert zu haben. "Wir haben nach wie vor mit Rassismus zu tun", sagt Ortwin Baier, der Bürgermeister der 11.500 Einwohner südlich von Berlin bei der Buchpremiere. Die Rechten würden im Stadtbild nicht mehr auffallen, aber das liege daran, dass sie sich so kleiden wie andere auch. Dennoch gibt es Anstrengungen, ein fremdenfreundliches Klima zu schaffen, vor allem seitdem Noël Martin zum fünften Jahrestag des Anschlags 2001 selbst in Mahlow war und die Demonstration für Toleranz im elektrischen Rollstuhl anführte. Bis dahin war - abgesehen von einer Demo kurz nach der Tat - weitgehend Schweigen und Verdrängen angesagt.

Nach Martins Besuch und der Gründung des Fonds kam Schwung in die Toleranzbewegung. Seit 2001 gibt es einen Jugendbeauftragten. Der kümmert sich um Jugendliche, die noch unorientiert sind. Zusammen mit der Sportjugend und zwei Schulen organisiert er internationalen Austausch. In diesem Sommer wird er ein Jugend-Camp mit Ungarn, Italienern, Briten und Mahlowern organisieren. Zum Jahrestag des Anschlags plant das 15köpfige Netzwerk "Tolerantes Mahlow" eine Feier am Gedenkstein. Dort wo der Baum stand, gegen den Noël Martin prallte.

Nicht reisefertig für den Tod

Gut elf Jahre nach dem 'Unfall', wie er es selbst nennt, will Noël Martin in den Freitod gehen. In diesem Jahr, an seinem Geburtstag, am 23. Juli, in der Schweiz, durch einen Strohhalm einen Medikamentencocktail schlürfen, der ihn hinüberschlummern lässt in die körperlose Welt. Aber auch hier durchkreuzt Noël Martins Körper das Vorhaben. Er musste den Termin verschieben, weil erst eine Operation ihn reisefähig werden lässt für den Tod. Aber dann wird Noël Martin verschwinden, so wie sein Bild nach dem Video-Grusswort von der Leinwand verschwunden ist. Niemand im Saal hat dem Autoren in der Ferne applaudiert, es fühlte sich an wie ein kleiner Tod. Die meisten hatten sein Buch auf dem Schoss. "Noël Martin - Nenn es: mein Leben". Je mehr man davon liest, desto größer wird dieses Leben, und desto dümmer erscheinen Tat und Täter.

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