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Neuer Berliner Piratenchef Hartmut Semken Spaß am Kontrollverlust


Überraschend wurde der Diplomingenieur Hartmut Semken, 45, zum neuen Berliner Oberpirat gewählt. Ein Gespräch über Geld, Shitstorms und Bill Murray.

Herr Semken, war das Ihr Plan, Chef der Berliner Piraten zu werden?
Nein, definitiv nicht. Ich glaube der Landesverband wollte Gerhard Anger wieder in diese Position wählen. Aber nachdem Gerhard gesagt hat, er sei emotional so belastet, dass er nicht noch einmal antreten wolle, stand für mich die Frage im Raum: Machst du's oder nicht? Und meine Entscheidung war goldrichtig. Diese Wahl ist doch das beste Beispiel, wie wir ticken: Bei den Piraten weiß man nie. Ich bin vorher vier Mal angetreten und wurde nicht gewählt.

2010 wollten Sie schon mal aus der Partei austreten.
Ja, das war eben in meiner Verzweiflungsphase in der ich dachte: Das ist alles nicht mein Ding. Der Ingenieur in mir wollte ordnen und strukturieren, aber dann habe ich gemerkt - es geht doch. "Kontrollverlust kann auch was lustvolles sein" hat eine Kollegin von Ihnen getwittert - Recht hat sie. Ich habe die Kurve noch gekriegt.

Es gibt Altmitglieder, die es eben skeptisch sehen, dass gleich zwei Parteistrategen zurück auf Los gehen: Gerhard Anger und Katja Dathe. Wo sind Ihre Stärken - auch ohne Vorstanderfahrung?
Ich bin seit 2009 bei den Piraten, ich war Richter im Bundesschiedsgericht und habe dort schon so manche Schlammschlachten ausgetragen. Als die dritte Mitgliederwelle reinrauschte, habe ich Monate lang Einführungsveranstaltungen für Neupiraten gegeben. Ich glaube, es ist gar nicht so schlecht, dass jetzt ein Mitvierziger vorne steht, der weiß: Es ist gut und produktiv, ohne hierarchische Strukturen auszukommen. Das ist die Stärke der Piraten, und die müssen wir beibehalten.

Wie verstehen Sie dann Ihren Vorsitz?
Es ist meine Aufgabe, die politische Arbeit möglich zu machen und den Landesverband gut zu vertreten. Dass eigene Themen in den Vordergrund treten, möchte ich vermeiden, ich mache die Verwaltungsarbeit - beim Rest habe ich Pause. Uns wird immer vorgeworfen, wir beschäftigten uns nur mit uns selbst, aber wie sollen wir das auch anders machen mit mehr als 1000 neuen Mitgliedern? Wir müssen jetzt erst einmal zu uns finden.

Die Piraten wollen finanziell unabhängig sein. Kann man das bei einem solchen Wachstum durchhalten? Die Mitgliederbeiträge liegen bei drei Euro im Monat.
Wir wollen unabhängig denken. Es ist um einiges anstrengender, wenn man sich dauernd Dinge borgen und auf das Geld schauen muss, bisher funktioniert das aber trotzdem. Lieber schlag ich ein Zelt auf als in einem fremdbezahlten Hotel zu wohnen. Wir haben auch aus null Geld einen Wahlkampf gemacht. Ob das auf Dauer funktioniert, weiß ich nicht. Aber wir machen erstmal weiter so.

Sie haben gesagt, sie seien über die Leistungen der Parlamentarier ihres Landesverbandes nicht begeistert - und mussten sich heute prompt dafür entschuldigen. Hat Ihnen das einen Eindruck davon verschafft, was auf sie zukommen wird?
Es fühlt sich gerade an, als läge ich auf einem Objektträger und über mir sei ein riesiges Objektiv. Dadurch sind Dinge zu sehen, die vorher nicht zu sehen waren, einzelne Aussagen erscheinen übergroß. Aber das habe ich mir so ausgesucht. Dass ich Fehler machen würde, war mir klar, nicht, dass es so schnell gehen würde. Ich schätze die Arbeit der Piratenfraktion, ich bin überzeugt dass sie mich während meiner Amtszeit noch begeistern werden. Auch ich lerne ja noch.

Nehmen die Shitstorms Überhand?
Das gehört bei uns ja dazu. Es läuft immer gleich alles unter dem Motto "-gate", diese ganze Aufgeregtheit muss raus aus der Diskussion. Von Einigen wird das gleich als "Professionalisierung" gesehen. Wir sind aber Amateure.

Aber sagen Piraten nicht auch "wir sind keine Politiker"?
Erinnern Sie sich an den Film "ghostbusters"? Bill Murray sagt da: "Hey ich bin ein Wähler, wollen Sie mich nicht ein wenig belügen?" Genau das wollen wir nicht. Es hat keinen Sinn, sich in der Politik eine öffentliche Person zuzulegen, eine Art Schutzschild, eine Fassade. Das muss alles echt sein, Massivholz eben.

Bis auf die Wahl verlief der Berliner Parteitag ja eher ruhig. Verlieren die Piraten ihre Leidenschaft für heiße Debatten?
Bei Berliner Parteitagen gab es noch nie irgendwelche Kloppereien. Das ist auch gut so. Das Feuer lodert inhaltlich, es geht darum in der Politik zu verändern. 2013 wollen wir in den Bundestag, dafür kämpfe ich.

Rebecca Struck

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