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Niederlande liefert Piraten aus: "Taipan"-Prozess kommt nach Hamburg

Somalischen Piraten kann erstmals in Deutschland der Prozess gemacht werden: Ein niederländisches Gericht ordnete am Freitag die Auslieferung von zehn somalischen Piraten an.

Geköpft, so wie früher, werden sie natürlich nicht. Zum ersten Mal seit mehr als 400 Jahren stehen demnächst in Hamburg wieder mutmaßliche Piraten vor Gericht. Nach wochenlangem Tauziehen entschied ein niederländisches Gericht am Freitag, die zehn Verdächtigen aus Somalia an Deutschland auszuliefern. Wann der spektakuläre Prozess beginnt, ist allerdings noch unklar. Sicher ist nur: Verhandelt wird in einem ordentlichen Gerichtsgebäude und nicht - wie zu Störtebekers Zeiten - auf einem Marktplatz unweit der damaligen Hinrichtungsstelle auf dem Hamburger Grasbrook.

Die Männer müssen innerhalb von zehn Tagen an die Hamburger Staatsanwaltschaft überstellt werden, ordnete das Gericht in Amsterdam an. Die Frist könne sich nur noch dann um einige Tage verlängern, etwa wenn die Anwälte unter Hinweis auf Erkrankungen um einen Aufschub bitten, erklärte eine Gerichtssprecherin. Generelle Einsprüche seien aber nicht mehr möglich, weil das Gericht in der niederländischen Hauptstadt bereits die höchste Kammer für Auslieferungsverfahren sei.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft fühlt sich auf jeden Fall schon gut präpariert. "Wir haben uns seit geraumer Zeit darauf vorbereitet", sagte Sprecher Wilhelm Möllers. Ein Amtsgericht der Hansestadt hatte bereits im April Haftbefehle gegen die Männer erlassen - wegen Angriffs auf den Seeverkehr und versuchten erpresserischen Menschenraubs. Sie sollen das Hamburger Frachtschiff "Taipan" am Ostermontag rund 500 Seemeilen vor der Küste Somalias gekapert haben. Ihnen drohen deshalb Höchststrafen von bis zu 15 Jahren.

Beweismittel haben die Ankläger bereits in ihrem Besitz - etwa fünf Kalaschnikows, zwei Granatwerfer, zwei Pistolen, Messer, zwei Enterleitern sowie Munition. Und auch sonst hält Oberstaatsanwalt Möllers die Beweislage gegen die Verdächtigen für eindeutig: "Sie wurden während des Tatgeschehens an Bord des Schiffes gefasst." Die Anklage gegen die Männer werde voraussichtlich im Sommer stehen.

Die "Taipan" war knapp vier Stunden in der Gewalt von Seeräubern. Dann waren die Männer von einem niederländischen Marinekommando überwältigt und festgenommen worden. Aufgrund der Hamburger Haftbefehle wurden sie nach Holland geflogen, um von dort nach Deutschland gebracht zu werden.

Doch in den Niederlanden begann zunächst ein zähes Ringen um die Auslieferung. Die Somalier legten Widerspruch ein, ihre Anwälte brachten teils haarsträubende Argumente vor: Sie machten etwa geltend, die "Taipan" sei möglicherweise nicht unter deutscher Flagge, sondern unter der Flagge der Bahamas oder Liberias gefahren. Die niederländische Richterin wies die Beschwerden jedoch als in allen Punkten unbegründet zurück. In Deutschland erwarte die Verdächtigen ein faires rechtsstaatliches Verfahren, betonte sie.

Damit ist Holland den Fall nun los. Dass die mutmaßlichen Piraten nach Verbüßung einer Strafe um Asyl bitten könnten, war in niederländischen Medien erörtert worden. Die Bundesrepublik schiebt Menschen nicht in Länder ab, in denen ihr Leben durch einen Bürgerkrieg bedroht ist.

In Amsterdam verließen neun Männer am Freitag den Gerichtssaal mit hängenden Köpfen und ernsten Gesichtern. Der zehnte, der jüngste Verdächtige - er ist wahrscheinlich 15 oder 16 Jahre alt -, war als Einziger nicht zur Urteilsverkündung gekommen. Er habe es vorgezogen, in seiner Zelle in einem Jugendgefängnis zu bleiben, hieß es. Bei der öffentlichen Anhörung des Falls am 21. Mai war er in Tränen ausgebrochen. "Ich kann nicht schlafen hier", sagte er. "Ich denke immer an meine Familie, an meine Mutter. Ich will nach Hause, ich will meine Freiheit."

Ein weiterer Verdächtiger, der wie der Anführer der mutmaßlichen Piraten wirkte, hatte damals um Verständnis gebeten: "Bei uns geht es den Menschen schlecht. 30 Prozent der Bevölkerung sind schon im Krieg getötet worden." Auch seine Eltern und eine Schwester seien umgekommen. Er müsse "in einem wirklich armen Land" für eine Frau und drei Kinder sorgen. "Das ist die Wahrheit, was soll ich tun?"

Am Freitag konnten sich die Somalier vor Gericht dagegen nicht öffentlich erklären. "Dürfen wir noch Fragen stellen?", sagte einer von ihnen. "Nein", erwiderte die Richterin kurz und knapp. "Das Urteil ist gesprochen."

Julia Ranniko und Thomas Burmeister, DPA/Reuters / DPA / Reuters