HOME

NS-Vergangenheit: Jagdszenen im Idyll

Das Gymnasium Tegernsee soll künftig den Namen von Otto Beisheim tragen. Lehrer, Schüler und Honoratioren wehren sich heftigst - der Metro-Gründer gehörte der Leibstandarte-SS Adolf Hitler an.

Ein tölpelhafter Beschluss", wüteten die fünf Bürgermeister im Tegernseer Tal. Empört forderten sie, die Namen der "faulen, neidischen, untragbaren, selbst ernannten Moralapostel" zu veröffentlichen, und empfahlen den vermeintlichen Quertreibern, "sich schnellstmöglich um Versetzung zu bemühen". Da habe "eine Lehrerclique egozentrisch eine einmalige Chance verspielt". Seit das örtliche Gymnasium nun doch kein Millionengeschenk erhalten soll, weil das Lehrerkollegium ein paar kritische Fragen zur Vergangenheit des Stifters stellte, herrscht Krieg am postkartenschönen Tegernsee.

Anlass war der Versuch des Metro-Gründers Otto Beisheim, der Bildungsanstalt zehn Millionen Euro zu stiften. Dafür sollte die staatliche Schule an seinem nahen Zweitwohnsitz künftig seinen Namen tragen. Anfangs ging alles glatt, denn die "Prof. Dr. Otto Beisheim Stiftung Tegernsee" war klammheimlich eingefädelt worden. Der Mäzen unterzeichnete die Urkunde in den Sommerferien. Doch als die Mehrheit der Schüler, Lehrer und Eltern beim herbstlichen Schulbeginn erstmals davon erfuhr, trübte die Verknüpfung der guten Tat mit der Umbenennung in Otto-Beisheim-Gymnasium die Freude über den "Lottogewinn".

"Sind Schulen bei uns käuflich?", wunderte sich der SPD-Kreisvorsitzende Hans Pawlovsky. Und Pädagogen wie der Geschichtslehrer Herbert Hahn wollten genau wissen, welche Rolle der nun 81-jährige Otto Beisheim im Dritten Reich gespielt hat. Während Direktor Werner Oberholzner bereits an neue PCs dachte und Schulklassen sich den Geldsegen mit Buntstiften ausmalten - mehr Kantinen, mehr Reisen, mehr Uhren, ein Aquarium - traten zwei Elternvertreter nach bissiger Auseinandersetzung zurück. Die Lehrer sagten schließlich in geheimer Abstimmung ganz knapp ja zur Stiftung. Bedingung: Das bayerische Kultusministerium müsse eine Unbedenklichkeitserklärung für den Spender liefern.

Die traf denn auch ein, die Daten wurden von Beisheim-Sprecher Erich Greipl bestätigt: Otto Beisheim, Geburtsjahr 1924, hat in unteren Dienstgraden als SS-Kanonier und SS-Sturmmann gekämpft; unter anderem im 8. SS-Artillerie-Regiment, das der 1. SS-Panzer-Division "Leibstandarte-SS Adolf Hitler" unterstand. "Also einer von vielen Jugendlichen, die damals im Nazi-Sog mitliefen", formulierte Landrat Norbert Kerkel.

Trotzdem wurde weiterdiskutiert. "Kann man sich als Schüler mit Beisheim identifizieren?", fragte Oberschüler Thomas Rieger.

Der Gründer der drittgrössten

Handelskette der Welt, der steuerbegünstigt mit Erstwohnsitz in der Schweiz lebt, hat eine Tellerwäscherkarriere hingelegt: vom Lehrling im Lederwarengeschäft zu einem der reichsten Männer Europas. Sein Metro-Konzern (Kaufhof, Real, Praktiker, Media Markt, Extra, Saturn) propagiert den Slogan "Geiz ist geil", was laut Gewerkschaft Verdi auch für seine Minimallöhne im Ausland gelte. "Ist das ein Wert, den wir unseren Schülern ans Herz legen wollen?", fragt Johannes Pflügel, Ex-Schüler und Sprecher der Grünen Jugend Bayern. Und habe der Präzedenzfall womöglich zur Folge, dass Schulen demnächst Aldi, Schlecker oder Müller-Milch heißen? Der Stifter und Ehrenbürger im Tale zog Anfang November beleidigt seine Millionenzusage zurück - Startschuss für die Hetzjagd auf seine Kritiker.

Dabei hätte das reiche Tegernseer Tal sein Geld nicht unbedingt nötig. Der Schulförderverein und Fundraising-Aktionen erbrachten bisher immer genügend Mittel, auch für Sonderkurse in Jazzdance, Cricket, Kajakfahren und Theater. Schließlich hat die Idylle dieser Voralpenregion immer schon die feine Gesellschaft angezogen. Bogners, Burdas, Tengelmanns & Co. unterhalten Erst- oder Zweitwohnungen, wo ein Haus am See ab 1,5 Millionen Euro aufwärts kostet und die Caritas ihre Sozialstation mangels Nachfrage geschlossen hat.

"Ekelerregend, speichelleckerisch, es ist zum Übergeben", findet ein Leserbriefschreiber, dass dennoch manche weiter um das Stiftergeld buhlen. Auf einer Sympathiekundgebung vergangene Woche vor dem Gymnasium hätte Otto Beisheim Entschuldigungen und Schmeicheleien satt hören können, wäre er nicht längst in seinen Drittwohnsitz nach Florida abgereist.

Hoffnungsvoll und trotzig hat Landrat Kerkel seinen Umbennungsantrag an das Kultusministerium in München gesandt. So könnten die Tegernseer am Ende ein Otto-Beisheim-Gymnasium bekommen. Aber keine Millionen.

Brigitte Zander / print