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Nünberger Prozesse: "Ich fühlte keinen Hass, nur Ekel"

Göring, Heß oder Speer: Vor 60 Jahren wurden die Urteile im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess gesprochen. Arno Hamburger ist einer der letzten Augenzeugen. In stern.de erinnert er sich an jämmerliche Angeklagte und falsche Freisprüche.

"Nürnberg 1945. Es fehlte an allem in der Stadt: an Wohnungen, an Kleidung, an Nahrung. Die Menschen mussten kämpfen, um zu überleben. Ich war damals 22 Jahre alt. Als britischer Soldat bin ich im Mai nach Nürnberg zurückgekommen, um zu erfahren, was mit meinen Eltern geschehen ist. Ich hatte jahrelang nichts von ihnen gehört. Anlässlich meiner Besuche begab ich mich bis 1946 einige Male in den Gerichtssaal des Nürnberger Justizgebäudes. Zu dem Prozess gegen die 24 Hauptkriegsverbrecher des Nazi-Regimes. Ich habe mir diese Besuche angetan im Gedächtnis an meine Großeltern, Onkeln und Tanten, die von diesen Verbrechern in die Vernichtungslager im Osten geschickt und dort getötet wurden.

Jämmerliches Bild

Während des gesamten Prozesses herrschte eine sehr angespannte Atmosphäre. Einen bleibenden Eindruck auf mich haben natürlich die Angeklagten gemacht. Ich hatte die Herrschaften Hermann Göring, Albert Speer oder Julius Streicher ja noch zu den Zeiten erlebt, als sie an der Macht waren, etwa bei diversen Reichsparteitagen.

Doch im Gerichtssaal gaben sie ein jämmerliches Bild ab. Es war nichts mehr von ihrem Mut, von ihrem Siegesbewusstsein vorhanden. Sie waren all ihrer Machtmittel beraubt. Hermann Göring etwa saß in einer einfachen, uniform-ähnlichen Kleidung auf der Anklagebank, all seiner Orden und seiner Grandeur entledigt. Er saß dort wie ein normaler Mensch. Auch seine Mitangeklagten machten einen schlimmen Eindruck, der nichts mehr widerspiegelte von ihrer einstigen Machtfülle.

"Sie zeigte kein Schuldbewußtsein"

Keiner der Angeklagten zeigte Schuldbewusstsein. Von Reue war nichts zu hören oder zu sehen. Keiner der Herrschaften wollte Verantwortung für die Greueltaten des Dritten Reiches übernehmen. Jeder hat nur versucht, seine Haut zu retten. Streicher etwa behauptete, er habe nie einem Juden etwas Böses anhaben wollen. Nur, dass sie Deutschland verlassen.

Es war ein trauriger und schandvoller Anblick dieser Leute, die jahrelang die Geschicke von Millionen in den Händen hatten und verantwortlich waren für den Tod von ungezählten Menschen. Ich fühlte aber keinen Hass. Ich habe eher Ekel und Abscheu in mir gespürt. Es war erbärmlich.

Besonders erschütternd waren die Vorführungen von Fotos und Filmaufnahmen der Nazi-Verbrechen. Im Gerichtssaal herrschte absolute Stille. Die Zuschauer waren entsetzt, denn es wurden unglaublich schreckliche Szenen gezeigt. So etwas hat sich zuvor niemand vorstellen können, waren die Greueltaten doch immer als Propaganda der Alliierten abgetan worden. Doch nun sahen es alle: Es war Realität. Die Erschießung von Menschen, die vorher ihre eigenen Gräber ausheben mussten und dann wie Vieh an die Gräber getrieben wurden. Einen furchtbaren Eindruck hinterließen auch Aufnahmen aus den Konzentrationslagern. Sie zeigten, wie die Befreier die Überlebenden aber auch Berge von Toten angefunden haben.

"Den Menschen war das Hemd näher als der Rock"

Doch ich habe damals nicht nur die Atmosphäre im Gerichtsaal miterlebt, sondern auch die Reaktionen der Bevölkerung in der Stadt. Diese nahm relativ wenig Anteil an dem Geschehen im Justizgebäude. Denn die Leute hatten damals andere Sorgen. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie schlimm Nürnberg damals aussah, wie hart die Lebensbedingungen waren. Die Altstadt war zu 90 Prozent zerstört, auch im Rest der Stadt gab es große Zerstörungen. Den Menschen war deshalb verständlicherweise das Hemd näher als der Rock.

Zudem haben viele gar nicht verstanden, warum die Kriegsverbrecher überhaupt vor Gericht kommen. Sie selber, die Nazi-Machthaber, hätten solche Prozesse gar nicht abgehalten. Unter ihnen wurden Beschuldigte meist einfach aufgehängt oder erschossen.

Deshalb hatte die Bevölkerung überhaupt kein Verständnis für einige der Urteile. Sowohl für manche Freiheitsstrafe, aber vor allem nicht für die Freisprüche. Ich war nach den Urteilen ebenfalls nicht zufrieden, auch nicht mit den Todesurteilen gegen Göring, Hans Frank oder Julius Streicher. Denn der Tod war noch zu wenig für diese Leute. Kein Urteil konnte wiedergutmachen, was diese Ungeheuer angerichtet haben.

"Irgendwann holt sie ihr Schicksal ein"

Trotzdem haben die Nürnberger Prozesse eine große Bedeutung für mich. Nürnberg hat zum ersten Mal in der Weltgeschichte grausamen Machthabern gezeigt, dass auch sie zur Verantwortung gezogen werden. Selbst nachdem ein Krieg zu Ende ist und selbst wenn es keine Gesetze gab, die ihre Verbrechen expressis verbis verboten hätten. Nürnberg war der erste Schritt zum internationalen Gerichtshof in Den Haag. Hier, wie auch beim Prozess gegen den ehemaligen irakischen Diktator Saddam Hussein, wird Verbrechern gezeigt, dass sie zur Verantwortung gezogen werden. Irgendwann holt sie ihr Schicksal ein.

Ich werde die Nürnberger Prozesse Zeit meines Lebens nicht vergessen. Denn erst dabei habe ich im vollen Umfang erfahren und gesehen, was während des Nazi-Regimes eigentlich geschehen ist. Und genau deshalb finde ich es unmöglich, dass nicht versucht wird, die rechtsextreme NPD zu verbieten. Es ist für mich ein schreckliches Zeugnis der Unfähigkeit der Politik, dass ich die Tätigkeit dieser Unverbesserlichen, die nicht einsehen wollen, was damals geschehen ist, mit meinen Steuergeldern finanziere.

Man hat in Deutschland in den 20er und 30er Jahren des vergangen Jahrhunderts nicht angemessen auf Rechtsextremismus reagiert, und man lernt anscheinend nicht aus der Vergangenheit. Doch wer aus der Vergangenheit keine Lehren zieht, ist dazu verurteilt, sie wieder zu erleben."

Aufgezeichnet von Malte Arnsperger