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O-Ton-Protokoll eines Marathon-Läufers "Wir sind dem Tod von der Schippe gesprungen"


Gerard van den Elzen, 60, war zum ersten Mal beim Boston Marathon. Er hatte einen perfekten Lauf, seine Frau fotografierte ihn im Ziel. Genau dort, wo Minuten später die Bombe hochging. Ein Protokoll.

Wir standen an der U-Bahn-Station Backbay, einen Block von der Ziellinie entfernt, als wir die Explosionen hörten. Da war ein Riesenknall, ein paar Sekunden später ein zweiter. Wir dachten: Hey, komisch, was machen die? Abrissarbeiten? Feuerwerk? Dann rasten innerhalb von einer Minute zig Polizeiwagen an uns vorbei, mit Sirene, Blaulicht und allem. Als dann auch noch die Feuerwehr anrückte, wussten wir: Es ist was Ernsthaftes passiert. Mir schoss durch den Kopf: "Bombenexplosion. Das kann nicht wahr sein."

Wir sind mit der U-Bahn nach Hause gefahren, in unser Hotel, ungefähr sechs Kilometer vom Stadtzentrum Boston entfernt. Da kamen die ersten SMS und Anrufe von Freunden, die sich Sorgen machten: "Was ist los bei euch, was ist los?" Wir sind runter in die Hotellobby, da lief der Fernseher. Da haben wir gesehen, was los war: die Hölle.

Was, wenn sie mich verpasst hätte?

Ich hatte mir beim Marathon eine Zeit zwischen dreieinhalb und vier Stunden vorgenommen. Aber ich war gut trainiert. Die erste Hälfte war ziemlich flach. Dann kamen die berühmten Hügel, der Heartbreak-Hill, und ich musste das Tempo rausnehmen. Mittendrin kommt man auch am Wellesey-College vorbei, da stehen Tausende junge Frauen am Straßenrand und bejubeln die Läufer. Da habe ich zugegebenermaßen ein paar Minuten verloren. Aber in der Schlussphase habe ich nochmal Tempo gemacht. Wie ich jetzt weiß, bin ich 20 Minuten vor der Explosion durchs Ziel.

Eva, meine Frau, hat mich dabei fotografiert. Sie stand exakt dort, wo die Bombe hochging. Die Straßen in ganz Boston waren abgesperrt für den Marathon, niemand durfte sie überqueren, also musste sie Schleichwege nehmen und sich durch die Menschenmassen drängen, um überhaupt zum Ziel zu kommen. Wir hätten uns leicht verpassen können. Sie wusste ja nicht genau, wann ich einlaufen würde. Aber es hat gerade so funktioniert. Hätte sie mich übersehen und weiter gewartet ...

Tote, Verletzte, der blanke Horror

Der Lauf war eigentlich richtig toll. Sonne ohne Ende, es war fast zu warm. Es ist auch ein irres Gefühl, mit 23.000 Läufern unterwegs zu sein, der Boston Marathon ist riesig. Die Szene, die mich am meisten beeindruckt hat, war jedoch vor dem Start. Vor dem Startschuss gab es eine Schweigeminute für die Toten des Schulmassakers in Newtown.* Da hättest du eine Stecknadel fallen hören können. 23.000 Menschen sagen keinen Mucks. Wie soll das nächstes Jahr nur werden?

Ich bin in der zweiten Welle gestartet, also bei den Läufern, die so zwischen dreieinviertel und vier Stunden brauchen. Die Welle hinter uns wurde schon von der Polizei abgefangen, die Leute konnten gar nicht mehr ins Ziel laufen. Für die ist ein Traum zerbrochen. So viel Training und dann dürfen sie nicht einmal finishen. Wegen ein paar Wahnsinnigen, die Bomben legen. Aber das wussten sie ja zu diesem Zeitpunkt nicht. Es gab Tote, Hunderte Verletzte, der blanke Horror.

Wir werden nie vergessen

Meine Mutter rief an und sagte: Junge, komm nach Hause. Die Atmosphäre hier in Boston ist natürlich bedrückt. Aber wir haben für acht Tage gebucht. Es hat keinen Sinn abzureisen. Wir werden diesen Tag sowieso immer mit uns tragen. Wir sind dem Tod nochmal von der Schippe gesprungen.

* In einer vorherigen Version des Textes stand fälschlicherweise, die Läufer seien auch durch Newtown gelaufen. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

Aufgezeichnet von Nico Schmidt, Mitarbeit: Lutz Kinkel

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