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Polizisten berichten vom Einsatz: Totale Erschöpfung und mieses Essen

Durchgelegene Matzratzen, schlechtes Essen und totale Erschöpfung. Davon berichten Polizisten, die in Heiligendamm das Leben der Politstars geschützt haben. stern.de hat die Stimmen der Beamten eingefangen.

Mehr als 17 000 Polizisten aus dem gesamten Bundesgebiet waren während des G8-Gipfels im Einsatz. Erste Kräfte kamen bereits im April nach Mecklenburg-Vorpommern. Nach Schätzungen des Innenministeriums Mecklenburg-Vorpommern betragen die Sicherheitskosten rund 100 Millionen Euro. Viele Polizisten klagen: "An der Versorgung und Unterbringung der Beamten im Einsatz wurde unzulässig gespart. Nicht akzeptabel seien auch lange Dienstzeiten und unnötige Gefährdungen der Beamten gewesen."

Ein Bereitschaftspolizist aus Bayern:

"Die Kräfte aus Nürnberg und Dachau waren in Demen untergebracht. Duschcontainer mit Duschzelten, die nur durch Verlassen der Unterkunftsgebäude erreicht werden konnten (...) verdeutlichen in Ansätzen den Unterschied zwischen dem Anspruch und der Wirklichkeit des Respekts einsatzführender Dienststellen mit den ihnen unterstellten Mitarbeitern. Dass es bei dem Bezug der Unterkünfte Schwierigkeiten gab, weil die Catering-Firma, die die Verpflegung lieferte, noch Anlaufschwierigkeiten hatte und die Duschen keine Unbedenklichkeit bezüglich Legionellenbelastung vorweisen konnten, sei hier nur am Rande erwähnt."

Eine Beamtin aus Schleswig-Holstein:

"Morgens um fünf Uhr gabs Frühstück. Dann anderthalb Stunden Fahrt zum Einsatzort. Ich musste mit meinem Zug eine Straße sichern, stundenlang stehen, in voller Ausrüstung. Die wiegt rund 20 Kilo. Es war heiß, wir hatten nichts zu trinken, weil unser Versorgungsfahrzeug weit entfernt geparkt war. Es gab keine Klos. Als meine Kollegin pinkeln musste und notgedrungen hinter einem Transformatorenhäuschen verschwand, hat ein Dorfbewohner sie beobachtet und sich bei der Polizeiführung beschwert. Meine Kollegin bekam Ärger. Sie würde das Ansehen der Polizei schädigen."

Bernhard Schmidt, Polizeigewerkschaft Berlin:

"Durchschnittliche Anfahrtszeiten von 60 bis 90 Minuten verkürzen die ohnehin spärlichen Ruhezeiten. Eine regelmäßige Einsatzzeit von 18 und mehr Stunden haut bei einer Einsatzdauer von neun Tagen auch den Stärksten um. Übermüdungen, insbesondere der Kraftfahrer und des Führungspersonals führen zu einer nicht hinnehmbaren Gefährdung aller am Einsatz Beteiligter. Auch die Gefährdung Unbeteiligter wird scheinbar billigend in Kauf genommen. Wo bleibt hier die ständig zitierte Fürsorge des Dienstherrn? Auf der Strecke!"

Polizist Jonas L.:

"Ich war am 2. Juni mit meinen Kollegen im Stadthafen im Einsatz. Einige von uns bekamen Tränengas ab und konnten nicht mehr sinnvoll auf Angriffe reagieren. 'Friendly Fire', ich dachte sowas kann uns nicht passieren."

Adi Plickert, Fachgruppe Bereitschaftspolizei Nordrhein-Westfalen:

"Es ist völlig unstrittig, dass es bei diesem Einsatz in Teilbereichen die schlechteste Verpflegung der letzten Jahre gegeben hat. Dieses gilt auch in Teilbereichen für die Unterbringung, insbesondere für die Kaserne in Karow. (...) Das anfängliche Entsetzen über das Essen schlug in Sarkasmus um: 'Was riecht nach Fisch, schmeckt nach Fisch, kann aber nicht schwimmen?' Antwort: 'Der Hähnchenschenkel aus dem Verpflegungsbeutel.' "

Gewerkschaft der Polizei Berlin:

"Auf einer Etage waren 80 Kollegen mit vier Duschen und vier Toiletten untergebracht. Die Duschen waren mit Boilern versehen, was dazu führte, dass nach drei- bis viermaliger Benutzung nur noch kaltes Wasser vorhanden war."

Polizist Kai H.:

"Wir wurden in der Blücher-Kaserne in Schwerin untergebracht. Die Etagenbetten waren so alt und durchgelegen, dass sie eher an Hängematten erinnerten. Geliefert wurden nach drei Tagen Holz-Tafeln, die dann in die Betten gelegt wurden, um eine Liegefläche zu bieten."

Eine Polizistin:

"Ich war nach einem langen Einsatz völlig am Ende. Kurz vor dem Abzug sollten wir plötzlich Leute kontrollieren, die über einen Acker kamen.Ich hab zu denen gesagt, tut mir den Gefallen und macht keinen Ärger. Wenn ihr jetzt wegrennt, schaffe ich es nicht mehr, euch nachzulaufen. Da haben die gesagt, 'bleib entspannt Mädel', und haben mir einen Müsliriegel zur Stärkung geschenkt. Ich hätte vor Dankbarkeit heulen können."

Harald Schneider, GdP Bayern:

"Ich persönlich stelle mir ohnehin die Frage nach dem Sinn dieses Gipfels. Bei einem riesigen Input müsste man doch auch auf einen entsprechenden Output hoffen können. Die Ergebnisse des G8-Gipfels sind Empfehlungen mit vielen unverbindlichen Floskeln und es sind keine konkreten Handlungsverpflichtungen zu erkennen. Man müsste, könnte, sollte, bräuchte und dürfte. Wegen mir hätte dieser Gipfel nicht stattfinden müssen und wir hätten dafür keine 433 verletzten Kolleginnen und Kollegen."

GdP/Aussagen von Polizisten