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Pro und Contra: Hilft mehr Bildung gegen Armut?

Deutschland ist ein reiches Land, trotzdem lebt jeder achte Deutsche in Armut. Aber wie kann Armut wirksam bekämpft werden? "Mehr Geld in die Sozialkassen", fordert Armutsforscher Christoph Butterwegge. stern-Autor Walter Wüllenweber widerspricht: "Die Armen haben Geld genug - es muss mehr in Bildung investiert werden."

PRO: "Mehr Geld in die Bildung"

Von Walter Wüllenweber

In Deutschland haben die Armen Geld genug. Sie besitzen Spülmaschinen, Mikrowellenherde, DVD-Spieler, meist mehrere Fernseher, die neuesten Handys sowieso. Das listen die Erhebungen des Statistischen Bundesamtes detailliert auf. Hartz-IV-Empfänger verfügen heute über einen höheren materiellen Lebensstandard als westdeutsche Facharbeiter in den 1970er Jahren oder 16 Millionen DDR-Bürger kurz vor der Wende. Wenn das Haben der einzige Maßstab zur Beurteilung von sozialen Situationen wäre, wenn nur das monatliche Haushaltseinkommen zählen würde - dann könnten wir uns zufrieden zurücklehnen. Dann müssten wir uns um die soziale Gerechtigkeit in Deutschland keine Gedanken machen.

Müssen wir aber doch. Denn in keinem westlichen Land werden die Menschen aus unteren sozialen Schichten so massiv benachteiligt wie in Deutschland. Wir leisten uns den teuersten Sozialstaat in der Geschichte der Menschheit. Das kann man ertragen. Doch gleichzeitig ist unser Sozialstaat der mit Abstand erfolgloseste. Das ist unerträglich. Die so genannten Armen werden zwar gut versorgt, aber all die Sozial-Milliarden helfen ihnen nicht, sich aus ihrer Situation zu befreien. Unzählige internationale Studien belegen: In keinem westlichen Land ist der Aufstieg so schwer wie in Deutschland. Einmal unten - immer unten. Kann ein Sozialstaat vollständiger scheitern?

Seit Jahrzehnten versuchen wir, die Ungleichheit mit immer derselben Methode zu verringern: mit mehr Geld. Heute müssen wir feststellen: Das hat nicht funktioniert. Die Chancenungerechtigkeit wird größer statt kleiner. Gleichzeitig haben aber andere Länder in den vergangenen Jahren große Fortschritte bei der Chancengleichheit erzielt. Diese Länder haben jedoch nicht das Geldverteilen ins Zentrum gestellt. Ihre Strategie der Armutsbekämpfung heißt Bildung.

"Bildung für alle" - Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre einte dieses Ziel auch die deutsche Gesellschaft. Dann kam die erste Wirtschaftskrise. Seitdem heißt es: Sozialknete für alle. Seit 1970 sind die öffentlichen Ausgaben für den Sozialstaat viereinhalb mal so stark gestiegen wie die für Bildung. Wir haben zwar den teuersten Sozialstaat, aber bei der Bildung ist Deutschland geizig. Seit über 30 Jahren geben wir weniger für Bildung aus, als der Schnitt der OECD-Länder. Kein anderes, westliches Land hat in diesen Jahrzehnten bei der Armutsbekämpfung seine Strategie so einseitig auf die Erhöhung, und die Erhöhung, und die Erhöhung der Transferzahlungen gesetzt wie Deutschland. Ein Irrweg. Denn gerechter ist Deutschland durch das Verteilen von Geld nicht geworden.

Die Almosen vom Staat sind nur ein Schmerzmittel. Sie machen die Benachteiligung erträglich. Aber sie beseitigen sie nicht. Die erfolgreichen Sozialstaaten haben in dieser Zeit in die Reform ihrer Bildungssysteme investiert. Sozial ist, was Bildung schafft.

Die Geld-Armen und die Bildungs-Armen sind dieselben Menschen. Die Frage ist nur: Was war zuerst? Ist die Bildung der Armen mangelhaft, weil sie sich eine bessere nicht leisten können? Oder umgekehrt: Werden und bleiben Menschen arm, weil sie schlecht gebildet sind? Diese Frage ist längst geklärt - nicht die Armen sind immer die Dummen, sondern die Dummen sind immer arm. Schlechte Bildung ist die Ursache. Armut ist die Folge.

Per Definition sind in Deutschland die meisten Studenten ökonomisch arm. Aber sie sind reich an Bildung. Na ja, sagen wir, sie sind zumindest nicht bildungsarm. In der Zukunft werden sie auch die ökonomische Armut überwinden. Denn Akademiker sind in Deutschland nicht von Armut bedroht. Ein Studium ist noch immer der sicherste Schutz vor Langzeitarbeitslosigkeit und Hartz IV. Das beweisen die Zahlen. 1975 lag die Arbeitslosenquote unter Akademikern bei knapp unter fünf Prozent. Und heute, 34 Jahre später? 4,1 Prozent. Der Taxi fahrende Jurist war immer ein Märchen und bleibt ein Märchen.

Ganz anders war die Entwicklung für Ungelernte. Auch sie starteten 1975 bei etwa fünf Prozent Arbeitslosenquote. Doch inzwischen sind mehr als ein Viertel der Menschen ohne Ausbildung arbeitslos. Tendenz weiter stark steigend. Gesund und fleißig zu sein, das reichte 1975 noch für einen passablen Job. Heute gibt's dafür Harzt IV. In der Wissensgesellschaft sind die Ungelernten überflüssig.

Wenn mangelnde Bildung die Ursache für Armut ist, und bessere Bildung den einzigen Ausweg aus der Armut darstellt, dann bleibt nur eine Frage: Wie bilden wir die Armen? Geld in die Familien oder Geld ins Bildungssystem?

Kindern beim Lernen zu helfen will gelernt sein. Eltern, die selbst kein Gymnasium besucht haben, sind von der immer komplizierter werdenden Bildungswelt in aller Regel völlig überfordert. Häufig fehlt ihnen schon das Bewusstsein für die seit ihrer Schulzeit dramatisch gestiegene Bedeutung des Lernens. Jeder Praktiker weiß: Vielen Hartz-IV-Familien, denen man 200 Euro für die Bildung ihrer Kinder überweisen würde, investierten einen Großteil des Geldes in Zigaretten, Unterhaltungselektronik oder Fastfood. Die erfolgreichen Bildungs- und Sozialstaaten haben deshalb auch diese Frage längst umfassend beantwortet: Im Bildungssystem direkt ist das Geld viel besser angelegt als bei den Familien.

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