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Rabbi Singer: "Nicht jedes Hakenkreuz ist ein Signal"

In München wird die neue Synagoge eingeweiht, jüdische Prominenz aus der gesamten Welt feiert mit. stern.de sprach mit Rabbi Israel Singer, Vorsitzender des Jüdischen Weltkongresses, über die Synagoge, Neonazis und den Nahost-Konflikt.

Rabbi Singer, gibt es eine Renaissance des jüdischen Lebens in Deutschland?

Aber ja! In Deutschland haben wir die am schnellsten wachsenden jüdischen Gemeinden der Welt. Das ist bemerkenswert. Die Hoffnung siegt über die Erfahrung.

Bei der Grundsteinlegung der neuen Münchner Synagoge drohten Neonazis mit einem Anschlag, heute wollten sie demonstrieren, doch das wurde ihnen verboten. Wird die Synagoge eine Art Hochsicherheitstrakt?

Wir wollen nicht in einem Lager leben, bewacht von Polizisten mit Gewehren. Natürlich muss man die Synagoge schützen. Aber sie wird ein Ort des Friedens werden.

Was bedeutet die neue Synagoge für Sie?

Diese Synagoge ist keine Rekonstruktion, sie ist ein Neubau! Sie wird die Skyline von München verändern. Die Menschen sehen nun nicht mehr nur die Türme der Kathedralen, sondern auch den Davidsstern. Das ist ein Zeichen für Toleranz und Verständnis.

Wird München so etwas wie die jüdische Kapitale in Deutschland?

[Lacht] Ich weiß es nicht. Die Juden werden mit den Füßen abstimmen.

Wie beurteilen Sie den Antisemitismus in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern?

Deutschland hat gute Gesetze, hier darf man den Holocaust nicht leugnen. In den USA und in anderen Ländern darf man das sehr wohl. Im übrigen bin ich dafür, die Fälle von Antisemitismus nicht hochzuspielen. Nicht jedes Hakenkreuz ist ein Signal. In den USA gibt es 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei immer noch Auseinandersetzungen zwischen Schwarzen und Weißen, auch der Ku-Klux-Klan ist noch aktiv.

Besonders in Ostdeutschland erstarkt derzeit der Rechtsextremismus.

Die Ostdeutschen wurden jahrzehntelang angelogen - von Erich Honnecker und seiner Regierung, die den Menschen eingetrichtert hat, sie seien Antifaschisten. Wir wissen, dass das nicht reicht. Es braucht eine gute demokratische Erziehung, aber auch weniger Arbeitslosigkeit und Verzweiflung.

Gleichzeitig scheint eine neue Phase der "Vergangenheitsbewältigung" anzubrechen - es gibt immer mehr deutsche Cartoons und Satiren über Hitler. Halten Sie das für angemessen?

Ich liebe Humor! Humor und Sarkasmus sind sehr starke Waffen. Aber: Sie richten im Zweifel nichts aus. Denken Sie an die Zwanziger Jahre, damals hat man sich in den Cabarets auch über Hitler lustig gemacht. Dann kam er an die Macht. Wer heute Hitler karikiert, sollte das mit dem richtigen Unterton tun - und im Bewusstsein, dass Satire auch Gefühle verletzen kann. Man muss vorsichtig sein.

In Deutschland wird viel über das Nahost-Problem diskutiert, auch mit einem sehr kritischen Blick auf die israelische Regierung. Glauben Sie noch an eine Chance auf Frieden?

Ihre Frage enthält viele Frage. Zunächst einmal: Kritik an der israelischen Regierung ist kein Antisemitismus. Im übrigen lassen sich die Israelis von niemandem in der Kritik an der Regierung überbieten, sie müssen nur mal eine israelische Tageszeitung lesen. Zweitens: Die israelische Regierung hat 95 Prozent der Palästinenser das Recht auf Selbstbestimmung gegeben. Aber es gibt immer wieder kleine, radikale Gruppen - auf beiden Seiten - die keinen Frieden wollen. Nehmen Sie nur einen Mann wie Hassan Nasrallah, den Führer der Hisbollah! Diese kleinen Gruppen müssen wir eindämmen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie das Schicksal des Nahen Ostens und der Welt bestimmen.

Zur Eröffnung der Synagoge im München kommen 1200 Gäste aus aller Welt. Worauf freuen Sie sich besonders?

68 Jahre nach dem Juden-Pogromen stehen wir wieder zusammen. Nicht irgendwo in den Randbezirken, sondern im Herzen Münchens. Es wird Tränen geben, Tränen der Trauer und Tränen der Hoffnung. Und das ist gut.

Interview: Lutz Kinkel
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