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RAF- Opfer: Lebenslänglich

Vor fast 30 Jahren wurde Hanns Martin Schleyer von RAF-Terroristen ermordet. Nun kommt die Drahtzieherin Brigitte Mohnhaupt frei. Das Leiden für Schleyers Witwe geht weiter.

Von Ulrike Posche

Vor Tagen ist Waltrude Schleyer in ihrem Haus am Stuttgarter Gablenberg ausgerutscht und hingefallen. Sie ist 91 Jahre alt. Der Sturz hätte böse ausgehen können. Aber vielleicht, so meint sie, weil sie früher sportlich gewesen sei, eine gute Schwimmerin, habe sie sich nichts gebrochen. Jetzt sitzt Waltrude Schleyer mit hochgelegten Beinen in einem motorbetriebenen Fernsehsessel vor dem Apparat und guckt sich die Telenovela "Rote Rosen" an, gelegentlich nickt sie darüber ein. Sie sieht lieber Sportsendungen. Durch die Panoramafenster des Wohnzimmers könnte sie über den Stuttgarter Kessel hinweg auf die gegenüberliegenden Höhen blicken. Doch ihre Augen sind schlecht. Nur ihre Sprache ist noch die eines selbstbewusst schlagfertigen Mädchens mit leichter bayerischer Färbung. "Kommen Sie am Mittwoch", hatte sie munter am Telefon gesagt, "Zeit habe ich ohne Ende." Selbst am Telefon hört man ihr die höhere Tochter vom Münchner Luisen-Gymnasium an, aber eine, die auch mal einen Czárdás auf dem Tisch tanzt. Ob sie je verbittert war über das, was im Oktober 1977 passierte, ob sie es noch ist, das hört man am Telefon nicht.

Wenn die Nachrichten kommen, schaltet Maria, die Pflegerin, die ihr seit einem halben Jahr rund um die Uhr zur Seite steht, meistens weg. Das Aktuelle der vergangenen Wochen regt die alte Dame zu sehr auf. Es kommt dann alles wieder in lauten Fetzen, Bildern und Geräuschen hoch, was sie 30 Jahre lang in sich gefangen hielt. Deshalb wollen die Söhne nicht, dass sie Interviews gibt, dass sie sich äußert. Meistens wimmelt die Pflegerin Anfragen ab. Journalisten stehen dann vergebens am Gittertor des hinteren Eingangs, an dem die Initialen "HS" auf der verwitterten Messingklappe des Briefkastens bis heute noch gut zu lesen sind. "Er war ja damals auch sehr leichtsinnig", sagt Waltrude Schleyer, "aber wenn ich mal was gesagt hab, dann hat er bloß gelacht und gesagt: Ach, Trutsch, ich lass mich doch von denen nicht einschüchtern!"

Seit das Stuttgarter Oberlandesgericht Anfang des Jahres angekündigt hat, über die vorzeitige Haftentlassung der RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt zu entscheiden, seit der Bundespräsident das Gnadengesuch des RAF-Terroristen Christian Klar vorliegen hat, steht bei Waltrude Schleyer das Telefon nicht mehr still. Journalisten wollen wissen, was sie davon hält. Es klingelt so oft wie damals, sagt sie, vor 30 Jahren, als es gar nicht mehr aufhörte zu klingeln. "Das war hart, das war grässlich", sie schüttelt sich, wenn sie an das Läuten des Telefons von damals denkt. "Es lief ja alles über mich", sagt sie, und man weiß nicht recht, was genau sie damit meint. Jetzt, Mitte Januar, waren dann die Kamerateams von ARD und ZDF bei ihr. Wie heute saß sie in ihrem Fernsehsessel unter dem Tempera-Porträt, das der Maler Hans Jürgen Kallmann von ihrem Mann gemacht hatte. Zwischen vielen Pausen fiel der Satz, den die Sender fortan immer wieder zeigten: "Lassen Sie die Mörder meines Mannes nicht frei", sagte die Witwe des ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, "sie haben sich bis heute nicht bei mir entschuldigt." Das klang entschieden und unversöhnlich. Und das sollte es wohl auch.

Am 5. September 1977 entführten Mitglieder der Roten Armee Fraktion den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Sie erschossen seine vier Begleiter und drohten mit der Ermordung Schleyers, wenn vier ihrer Genossen nicht aus dem Gefängnis Stuttgart-Stammheim freigelassen würden. Der Staat beugte sich nicht. Das RAF-Kommando um Brigitte Mohnhaupt beschloss, die Geisel umzubringen. Nach allem, was man bis heute weiß, waren es dann aber weder Klar noch Mohnhaupt selbst, die Schleyer erschossen haben. Waltrude Schleyer hat dennoch keinen Grund, versöhnlich zu sein. Vor beinahe 30 Jahren hat man ihr den Mann genommen, manche ihrer Freunde sagen, seither sei ihr Leben hohl. Doch weil sie eine disziplinierte Frau ist, die das, was sie am meisten bewege, nicht mit der Familie ausmache, wie einer meint, der sie lange kennt, nicht mit Freunden, sondern nur mit sich selbst, deshalb hat sich die Witwe selten darüber beklagt. Verarbeitet habe sie den Tod ihres Mannes jedoch nie. Warum hätte sie auch?

Gnade für die Mörder des Ehemannes ist für sie keine denkbare Kategorie. "Sie ist halt unversöhnlich", sagt Jörg Schleyer mit freundlicher Nachsicht. Sie habe immer anders darüber gedacht als ihre vier Söhne, als Hanns-Eberhard und Arnd zum Beispiel, die beiden Juristen, als Dirk und Jörg, die bis heute in der unmittelbaren Nachbarschaft ihrer Mutter leben. Die Söhne jedenfalls würden die Herrschaft über die Bilder und Berichte gern nicht allein denen in den Gefängnissen überlassen. Allerdings haben sie sich Zurückhaltung auferlegt: Sie wollen sich künftig nicht in Talkshows und Zeitungsinterviews äußern, nicht über die Terroristen, nicht über ihre Gefühle. Es ist 30 Jahre her, dass der Vater nach wochenlanger Geiselhaft mit drei Schüssen in den Hinterkopf getötet wurde. Diese Tragödie des Deutschen Herbstes ist bis heute Lebensthema der Schleyer-Familie.

Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch, 80, ein enger Freund der Schleyers aus alten Tagen, sagt: "Deren Ehe war keine schnulzentaugliche Bilderbuch-Ehe, sie war eine richtige, eine wunderbare Ehe. Er hat über alles, was schwierig war, über alles, was ihn bewegte, mit ihr geredet. Er war so oft zu Hause in Stuttgart, wie es nur ging." Der Mord, sagt von Brauchitsch, "hat den Inhalt dieses gemeinsamen Lebens beendet". Am Abend der Entführung hatte von Brauchitsch mit Schleyer in Düsseldorf zu Abend essen wollen. Stattdessen fand er sich plötzlich in Helmut Schmidts Krisenstab in Bonn wieder. Er erhielt Kassiber der RAF-Entführer und hielt den Kontakt zu Waltrude Schleyer und ihren vier erwachsenen Söhnen. Die saßen allesamt in dem großen Haus in Stuttgart, warteten 43 Tage lang auf die Befreiung des Vaters und kämpften mit allen Mitteln dafür - sogar gegen die Regierung. Bis heute habe Waltrude Schleyer kein Verständnis dafür, glaubt Eberhard von Brauchitsch, dass Kanzler Schmidt das Leben des Mannes, mit dem sie fast 40 Jahre verheiratet war, für die Staatsräson aufgab; dass er die RAF-Gefangenen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller nicht freilassen wollte. Bis heute habe sie sich nicht damit abgefunden, dass der Staat ihren Mann geopfert habe. Man kann das so sehen. Sie sehe es so.

Helmut Schmidt habe ihr nach der Ermordung im Oktober 1977 viele Briefe geschrieben, glaubt sich die 91-Jährige zu erinnern. "Einen Zorn gegen ihn hatte ich nie", sagt sie, "der hat ja nichts dafür gekonnt." Nur als Bundespräsident Walter Scheel in jenen schrecklichen Wochen der Geiselnahme zu ihr sagte: "Der liebe Gott möge Ihnen helfen", da hat die nicht übermäßig fromme Katholikin gekontert: "Es wäre aber auch ganz schön, wenn Sie mir helfen würden." Damals, in den Wochen nach der Ermordung Schleyers und den Selbstmorden der Terroristen in ihren Stuttgarter Gefängniszellen, da berichteten die Zeitungen mit großer Anteilnahme über das, was sich im Stammheimer Gefängnistrakt zugetragen haben mochte. Sie berichteten über die verbliebenen Sympathisanten des Terrors, über das Aufrüsten des Staates gegen die Staatsfeinde. Wie kühl dagegen klangen damals die Nachrufe auf den grob wirkenden Arbeitgeberpräsidenten mit der - zugegeben - nicht unbedingt tadellosen Vergangenheit. "Auch der "Spiegel" hat den Verlust eines entschiedenen und klugen Gesprächspartners anzuzeigen", schrieb das Blatt damals in seiner Hausmitteilung. Und jetzt wird es wieder so werden wie damals. Die Terroristen werden freikommen, vielleicht in Talkshows aus ihrem Leben erzählen. Und sie, Waltrude Schleyer, wird in ihrem Fernsehsessel am Gablenberg sitzen. Sie wird versuchen, die Lebenszeit, die ihr noch bleibt, mit der Familie zu verbringen. Gnade hin oder her. Die Mörder ihres Mannes werden frei sein, und sie wird sitzen, wie sie seit 30 Jahren gesessen hat - verwitwet und unversöhnlich. Irgendwer wird für sie hoffentlich den Fernseher umschalten.

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