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RAF-Fahndung: Das Mäppchen zur Terroristenjagd

"Raucht Haschisch, gutes Organisationstalent". "Starke Raucherin, liebt schnelle Motorräder" - mit Hilfe von Bildern und solchen Details hat die Polizei Ende der 70er Jahre nach den RAF-Terroristen gefahndet. Doch manchmal waren die Informationen zuviel des Guten.

Von Martin Knobbe

Sie passen wunderbar in die Brusttasche der Uniform, können schnell aufgeklappt werden und sind mit ihrem grünen Plastikumschlag auch noch wasserabweisend: Die kleinen Fahndungsmäppchen, mit denen das Bundeskriminalamt (BKA) Zehntausende von Polizisten im ganzen Land ausstattet. Damit sie sich auf die Suche machen nach den größten Feinden des Staates - den Terroristen der RAF.

Es ist September 1977, die Zeit des Deutschen Herbsts. Eine Zeit, in der 20 Terroristen eine ganze Republik still stehen lassen und die deutsche Polizei auf der Suche nach dem entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer ist, nach seinem Versteck, nach seinen Geiselnehmern.

Form der Augenbrauen, Mundart und "Eigenarten"

Um die gesuchten Terroristen zu erkennen, haben die Beamten nicht nur Fotos von Gesichtern, Zeichnungen von Mündern, Nasen und Augen in ihrem Mäppchen, sondern auch konkrete Angaben zu den gesuchten Personen. Größe, Augenfarbe und Form der Augenbrauen. Aber auch Sprachkenntnisse, Mundart und "Eigenarten" sind notiert: "Gebraucht häufig die Worte: 'Au warte' - "Mund klein, wulstige Lippen." – "... raucht Haschisch, gutes Organisationstalent" - "Starke Raucherin, liebt schnelle Motorräder, sehr gute Autofahrerin ...."

Die Merkmale stammen aus den Dateien des BKA. Dessen Präsident, Horst Herold, hat seine Behörde zu einer Zentrale der Terrorismusbekämpfung umfunktioniert. Er hat mehrere neue Fahndungssysteme entworfen - die Rasterfahndung ist die bekannteste. Er lässt an Tatorten und in aufgefundenen konspirativen Wohnungen der Terroristen alle Spuren sammeln und in die Rechner einspeisen: Am Ende sind es 650.000 Gegenstände.

"Herold hatte eine grenzenlose Fantasie, die er mit der Wirklichkeit gut verknüpfen konnte", erinnert sich Günther Scheicher, damals Leiter der Sicherungsgruppe in der BKA-Außenstelle Bad Godesberg. "Er hat jede Minute an die RAF gedacht, wahrscheinlich auch beim Rasieren."

Anfangs strömen die Datenflüsse nicht ohne Hindernisse. Es dauert nach der Entführung von Schleyer einige Tage, bis die Erfassung der Spuren funktioniert. Manche Bürger, die etwas gesehen haben wollen, werden sechs Mal vernommen, oft mit den gleichen Fragen. Über neue Erkenntnisse erfahren die Polizisten vor Ort nicht vom BKA, sondern aus dem Fernsehen. Vom plötzlichen Fahndungsdruck, von den Anforderungen an Sicherheit, die im "Bollwerk Bonn" ("Spiegel") nun notwendig werden, sind die Polizisten überfordert, vor allem ihre Verwaltung: Es fehlt an passender Kleidung und an passender Munition. Doch eines verbindet die Polizisten: Den Ehrgeiz, die Terroristen der RAF zu finden. Ein Wir-Gefühl, das sich auch in einem großen Teil der Gesellschaft breit macht.

Trotz der vielen Daten und trotz des Ehrgeizes finden die Polizisten am Ende Schleyers Versteck nicht. Der Grund ist sehr banal: Ein Hinweis eines Streifenbeamten auf das Versteck in einer anonymen Wohnanlage in Erftstadt-Liblar bei Köln ist in der Flut von Hinweisen und Papieren verloren gegangen. Eine Panne der Kollegen, die BKA-Präsident Horst Herold bis heute nicht verwunden hat.

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