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Rechtsextreme Übergriffe: Horrorshow in Halberstadt

Als 14 Schauspieler eine gelungene Premiere feiern wollen, werden sie von einer Gruppe Rechtsradikaler angegriffen und schwer verletzt. Die Polizei erreicht wenig später den Tatort – und lässt laut Vorwurf der Künstler die Täter entkommen.

Von Manuela Pfohl

Freitagabend. Premiere. Es ist super gelaufen. Das Bergtheater Thale war gut besucht. "The Rocky Horror Show" stand auf dem Programm. Das mögen die Leute. Für die Zuschauer gab's Wasserpistole und Klopapier zum Mitspielen beim schrägen Event. Alles hat gefeixt. Beifall. Die 14 Mitglieder des Nordharzer Städtebundtheaters sind bestens gelaunt, als sie nachts gegen drei Uhr von der Premierenfeier zurückkehren und in einer kleinen Kneipe in Halberstadt noch einen Absacker trinken wollen. Einen ganz kleinen. Mittags müssen sie wieder fit sein. Für die nächste Vorstellung.

Plötzlich tauchen diese Typen auf. Acht Männer, die ganz offenbar zur rechtsextremen Szene gehören, greifen die Künstler an. Sie schlagen, sie treten, sie sind skrupellos. Als es vorbei ist, haben fünf Ensemblemitglieder im Alter von 19 bis 32 Jahren Rippen- und Kieferverletzungen, Nasenbeinbrüche und Augenverletzungen. Die Polizei und ein Arzt werden gerufen. Dann beginnt, was sich inzwischen zu einem veritablen Polizeiskandal in Sachsen-Anhalt entwickeln müsste.

Polizei lässt mutmaßliche Täter laufen

Laut Polizeiangaben sind die Beamten schon eine Minute nach der Meldung des Überfalls vor Ort. Trotzdem erheben die Künstler schwere Vorwürfe. "Die ersten Beamten haben unsere Personalien geprüft, während die Angreifer noch in der Nähe waren und in Ruhe wegspazierten", sagt eine der Betroffenen, die ihren Namen lieber nicht nennen möchte. Immerhin hätten auch Passanten tatenlos zugesehen, statt den Opfern zu helfen. Man ist in Halberstadt. Man muss vorsichtig sein.

Als einer der mutmaßlichen Angreifer zum Tatort zurückkehrt und von den Opfern erkannt wird, lassen sich die Polizisten seinen Ausweis zeigen und ihn dann laufen. Erst 40 Stunden später wird er nach einer Fahndung gefasst. Es stellt sich heraus, dass der 22-Jährige unter anderem wegen Körperverletzung und Verwendung von Nazisymbolen vorbestraft ist. "Das ist ein eindeutiges Fehlverhalten, der Mann hätte sofort festgenommen werden müssen", sagt Sachsen-Anhalts Innenstaatssekretär Rüdiger Erben (SPD). Die Polizei räumt zahlreiche "Fehler und Pannen" ein. Der zuständige Dienstgruppenleiter wird von seiner Position entbunden. Schadensbegrenzung.

Im rechten Szeneladen kann man Schlagstöcke kaufen

Beim Nordharzer Städtebund-Theater herrscht indes Ratlosigkeit. Nach Polizeiangaben könnte der Auslöser für den Überfall die Punkfrisur eines der Opfer gewesen sein. Darf man unter solchen Bedingungen noch Kultur machen. Soll man einfach weggehen und den dumpfen Mob mit sich alleine lassen?

Im Internet-Forum des Theaters gibt es seit Samstag kein anderes Thema mehr, als den Überfall. Ein ehemaliger BGS-Beamter aus Braunlage schreibt: "Seien Sie sich meiner Solidarität gegen den Nazi-Terror und desorientierte Polizeibeamte sicher." Ein anderer hat einen Brief an Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke (Die Linke) verfasst. "Lieber OB, ich fordere die sofortige Schließung des rechten Szeneladens "Ragnarök", in dem unter anderem auch Teleskop-Schlagstöcke und Szene-CDs mit dem Titel: "Endstufe" verkauft werden."

Menschen mit dunkler Hautfarbe leben gefährlich

Außerdem solle die Halberstädter Wohnungsgesellschaft noch einmal überdenken, ob sie dem Laden nicht endlich den Mietvertrag kündigt. man müsse sich langsam nicht mehr wundern. Der OB hat geantwortet, Halberstadt habe es nicht verdient, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Man werde alles tun. Die Halberstädter kennen das schon. Wer in der 40.000 Einwohner zählenden Kommune eine dunkle Hautfarbe hat oder eine Punkfrisur trägt, lebt gefährlich. Seit Jahren erzeugen rechtsextreme Schläger ein Klima der Angst, prügeln immer wieder auf anders denkende oder andersartige Menschen ein.

Auch Sachsen-Anhalts Polizei ist im Zusammenhang mit Rechtsextremismus nicht zum ersten Mal in Erklärungsnot. So verbrennen Teilnehmer einer so genannten Sonnenwendfeier 2006 in Pretzien ein Exemplar des Tagebuchs der Anne Frank. Den Polizisten wird zunächst die Brisanz des Vorfalls nicht klar: Sie kennen das Schicksal des jüdischen Mädchens nicht. In Gerwisch überfallen 20 mit Knüppeln bewaffnete und vermummte Skinheads eine Party, prügeln auf Gäste ein und zertrümmern Mobiliar. Die Polizei nimmt Hinweise vor dem Überfall nicht ernst, ist nur mit zwei Streifenbeamten am Ort und greift erst ein, als Verstärkung anrückt.

Justiz habe ein "Wahrnehmungsproblem"

Organisatoren wie der Verein "Miteinander" oder die Mobile Beratung für Opfer rechter Gewalt attestieren manchen Polizeibeamten, aber auch der Justiz und kommunalen Behörden ein "Wahrnehmungsproblem" in Sachen Rechtsextremismus. "Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Rechtsextremisten immer brutaler auftreten", konstatiert Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) und fordert mehr Zivilcourage. Sieben Beteiligte am Überfall auf die Theaterleute sind noch nicht gefasst. Das Ensemble will trotzdem weitermachen.

  • Manuela Pfohl